Neue Ansätze in der Verkehrssicherheit Ausweitung der Knautschzone

Für die Autohersteller besteht Verkehrssicherheit in erster Linie darin, Unfallfolgen zu mildern. Aber wäre es nicht besser, wenn Crashs von vornherein vermieden werden könnten? Die Verkehrsforscher Jörg Potthast und Andrea Westermann erklären, wo die Industrie umdenken muss.


Sushi, Wurst, Knäckebrot und Baguette beim Crashtest. Baguette gewinnt. Der Werbespot der Firma Renault ist noch nicht alt, aber genießt schon Kultstatus. Es ist den Werbestrategen gelungen, ein starkes Bild dafür zu finden, was umgangssprachlich eine Knautschzone genannt wird, und diese über ein nationales Stereotyp dauerhaft mit der französischen Automarke zu verknüpfen. Deutsche, japanische und schwedische Testobjekte geraten auf spektakuläre Weise völlig außer Form. Sie bestehen den Crashtest nicht, weil ihre Konsistenz sich als ungeeignete Mischung aus Steifigkeit und Deformierbarkeit erweist. Die hohe Energie eines Aufpralls kann nicht absorbiert werden.

Für die Forschung an Knautschzonen für Fahrzeuginsassen wird seit langem sehr viel Geld ausgegeben. Unverzichtbar für diese Forschung ist der Crashtest, in dem Personen durch "Crashtest Dummies" ersetzt werden, um biomechanische Schnittstellen zu erforschen. Technische Entwicklungen, die daran anschlossen, waren lange durch Einschränkungen bestimmt. So ging es bis vor kurzer Zeit nur um die Schnittstelle zwischen Autos und Fahrzeuginsassen. Die Sicherheit von Verkehrsteilnehmern außerhalb der Autos spielte bei Forschung und Entwicklung dagegen eine stark untergeordnete Rolle. Eine weitere Beschränkung besteht bis heute darin, dass zunehmend raffinierte Ausweitungen der Knautschzone nur die "passive Sicherheit" erhöhen: Sie dienen lediglich der Abschwächung von Unfallfolgen. Aber wäre es nicht besser, wenn Verkehrsunfälle von vornherein vermieden werden könnten?

Fortschritt der passiven Sicherheit

Die Fixierung auf passive Sicherheit hält an, obwohl sich auch ein Gegenpol um den Begriff der "aktiven Sicherheit" formiert hat. Aktive Sicherheit heißt, dass Unfälle gar nicht erst passieren. Ziel ist es, Sicherheitsabstände zwischen den einzelnen Verkehrsteilnehmern und zu anderen Hindernissen zu programmieren. Wenn dies in verlässlicher Weise gelingt, wären herkömmliche Knautschzonen überflüssig. Zweifellos fließt ein Großteil privater und öffentlicher Forschungsmittel inzwischen in die Entwicklung solcher ferngesteuerter Lösungen. Dies hat auch zu einigen Komponenten-Innovationen geführt, die die Sicherheit grundsätzlich erhöhen. Unter dem Schlagwort "elektronische Knautschzone" bietet zum Beispiel ein Automobilkonzern eine Kombination aus video- und radargestützter Fahrzeugumfelderkennung, Abstandsregeltempomat und automatischer Abbremsfunktion für Fahrzeuge der Oberklasse an.

Der Übergang von einer Philosophie der lokalen Verminderung von Unfallfolgen zu einer Systemvision bleibt jedoch außer Reichweite. Es ist bezeichnend, dass Automobilkonzerne praktisch durchgehend mit passiver Sicherheit werben. Lässt dies den Schluss zu, dass sie zu den Gewinnern der passiven Sicherheit gehören? Solche übergeordneten verkehrsökonomischen Fragen wurden bislang nicht einmal gestellt. Es gibt zwar Schätzungen über volkswirtschaftliche Kosten von Verkehrsunfällen. Aber wer verdient an Unfällen? Wer würde verlieren, wenn sich das System der aktiven Sicherheit durchsetzt? Eine umfassende Bewertung der passiven Verkehrssicherheit hinsichtlich ihrer Kosten und Gewinnspannen steht allenfalls am Anfang. Dieses Versäumnis hat zur Kontinuität der alten Konstellation der Sicherheitsforschung beigetragen, die durch das Bild der Knautschzone repräsentiert wird.

Sinkende Opferzahlen

Die passive Sicherheitsforschung ist mit einer Fortschrittsgeschichte verbunden, die mit der Einführung des Sicherheitsgurtes beginnt und mit Hinweisen auf immer raffiniertere "Crashtest Dummies" endet. Es ist unbestreitbar, dass neben der Verschärfung von Promillegrenzen keine Maßnahme nachweislich so viele Verkehrstote eingespart hat wie die Einführung der Gurtpflicht. Eine vergleichsweise simple Nachrüstung (und einiger disziplinarischer Aufwand) haben daher eine eingängige Geschichte des "natürlichen Fortschritts" der Verkehrssicherheit begründet.

Schwerer zu isolierende Faktoren dafür, dass trotz stark zunehmender Kilometerleistungen in den meisten westlichen Ländern sinkende Opferzahlen zu vermelden sind, bleiben dagegen im Dunkeln. Unterhalb der Maßnahmen zur Nachrüstung und zum Ausbau von Knautschzonen und jenseits der Verschärfung von Strafen gibt es noch eine andere Art der "aktiven" Verkehrssicherheitsforschung, die weder auf staatliche Eingriffe noch auf technische Innovationen zurückgeht.



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insgesamt 139 Beiträge
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Seite 1
everlast_11, 06.11.2006
1.
---Zitat von sysop--- Die Autohersteller bringen immer neue Sicherheits-Raffinessen auf den Markt. Welche Technologien sind sinnvoll, welche nicht? Was sind Ihre Erfahrungen mit der Verkehrssicherheit? ---Zitatende--- Alle Technik dieser Welt bringt nichts, wenn der Fahrer bzw. die Fahrerin nicht Auto fahren kann! Ein guter, umsichtiger Fahrer trägt wesentlich mehr zur Straßensicherheit bei als ein hochgezüchtetes, mit Technik volgestopftes Auto.
DJ2002dede, 06.11.2006
2.
Ich habe mal folgende Situation mit erleben dürfen: Ein Mercedes überholte mich auf der Autobahn. Wenig ppäter hab ich ihn wieder eingeholt, da war er nämlich über die Leitplanke "gesprungen" und ist in der Böschung hängen geblieben. Unverletzt fragte er dann verwundert, wie das dann hätte passieren können. "Das Auto ist doch neu, das hat ABS, ESP, TSC ..." (2, 3 Sachen kamen dann noch)" Ich achte bei meinem Fahrzeugkauf darauf, das nicht zu viele Sachen mein Gefühl behindern. Irgendwann ist die Technik machtlos gegenüber der Physik, und ich möchte spüren wann dieses der Fall ist. Technischer Schnickschnack zögert beispielsweise das "Abfliegen" von der Straße lange heraus, wenn es denn soweit ist hat man keine Chance mehr dagegen zu wirken. Die sinnigste Sicherheitsvorkehrung ist immer noch ein vorsichtig fahrender Mensch, der sicherstellt das alle seine Technik auch hundertprozentig einsatzbereit ist. Zumindest ABS und einige andere Sachen sind aber zumindest gute ZUSÄTZE.
Polar, 06.11.2006
3.
---Zitat von sysop--- Was sind Ihre Erfahrungen mit der Verkehrssicherheit? ---Zitatende--- ABS kam mir mal zugute, in einer Situation, in der ich mit einer herkömmlichen Bremsanlage (nasses Laub in der Kurve) wohl in die Botanik gerauscht wäre.
Muffin Man, 06.11.2006
4.
---Zitat von sysop--- Welche Technologien sind sinnvoll, welche nicht? Was sind Ihre Erfahrungen mit der Verkehrssicherheit? ---Zitatende--- Sinnvoll kann jede Technologie sein, solange man ihr nicht blindlings vertraut... ich möchte als Fahrer schon noch selbst das Auto lenken und bremsen können; völlig "bevormundende" Technik (die ja längst im Gespräch ist, und wahrscheinlich in wenigen Jahren serienreif sein könnte) lehne ich ab. Breitreifen verbessern den Fahrbahnkontakt - außer bei Nässe oder Schnee... Einzelradaufhängung vorn verbessert die Spurtreue, innenbelüftete Scheibenbremsen sollten sich anständig dosieren lassen, allerdings rosten sie gern, und sie können bei Regenfahrten "wirkungslos" sein, wenn man eine Vollbremsung einleitet. Daher bremse ich - auch ohne elektronisches ABS - "stotternd". Und versuche, Situationen zu vermeiden, wo der zu erwartende Bremsweg eine Kollision nicht zu vermeiden imstande ist. Schlupfregelungen halte ich für überflüssig (obwohl übermotorisierte Fronttriebler ja gern mal die Räder durchdrehen lassen), ESP ist nur bei Fehlkonstruktionen wie dem Smart oder der A-Klasse obligatorisch... HELFEN tut es im Bedarfsfall übrigens dann doch nicht (mit dem Smart habe ich schon einige Dreher um die Hochachse erlebt, wie man sie sonst nur aus Carl-Barks-Comics kennt)
Veroly, 06.11.2006
5. Gehirn ausschalten und Gas!???
Wir haben vor einiger Zeit alle etwas erlernt und aufbauend auf unserem neuen Wissen eine Prüfung abgelegt. Und nachdem wir diese bestanden hatten, haben wir ihn erhalten, den Führerschein. Sinn des Ganzen ist natürlich, dass man dieses Wissen nicht verliert, umsichtig fährt, mit Abstand, dem Verkehrsfluss angepasst etc pp Hierfür kann es auch hilfreich sein, ab und an ein Fahrsicherheitstraining zu machen. Z.B. im Winter, damit man lernt, mit Glatteis umzugehen oder im Herbst, weil dann die ganzen Blätter auf der nassen Fahrbahn liegen. Das ganze technische Klimbim, wie es auch immer heißen mag, soll uns nur dabei unterstützen, sicher ans Ziel zu kommen. Solange es das tolle Auto aus Knight Rider (hatte das eigentlich einen Namen?)nicht in Serienbau gibt, müssen wir die Arbeit schon selber machen: Also schalten, walten, lenken, schauen, denken (ganz wichtig, vergessen manchmal einige!) In diesem Sinne, Veroly
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