Neue Carsharing-Angebote Hersteller wappnen sich gegen Autofrust

Ein eigenes Auto - das ist für viele junge Führerscheinbesitzer längst kein dringlicher Wunsch mehr. Die Pkw-Hersteller sind entsprechend alarmiert, die ersten reagieren mit großangelegten Carsharing-Angeboten wie Car2Go von Smart und Mu by Peugeot.

Von Tanja Rieckmann


Wie es sich für eine bettelarme Hauptstadt gehört, ist Berlin gut mit Carsharing-Angeboten versorgt. Fünf Anbieter teilen das Geschäft unter sich auf. Doch ein französischer Autokonzern glaubt, dass neben Greenwheels, Cambio oder Stadtmobil noch Platz ist: Mu (sprich: Mü) by Peugeot soll fortan Hauptstädter ohne Auto mobilisieren.

"Revolution aus Frankreich" nennt das Unternehmen aus der PSA-Gruppe (Peugeot-Citroën) das Projekt, das seit einigen Wochen die Berliner in Wilmersdorf, Schöneberg und Lichtenberg mit Kleinlastern, Autos und Rollern versorgt. Revolutionär ist der Verleih an sich nicht. Die Tatsache, dass hinter Mu (abgeleitet vom gleichnamigen griechischen Buchstaben) ein Autohersteller steht, hat hingegen durchaus etwas Revolutionäres.

Als einer der Ersten reagiert Peugeot damit auf eine Entwicklung, die das Kerngeschäft der Autobauer bedroht: Für eine wachsende Zahl junger Menschen ist ein eigenes Auto nicht mehr wichtig. Die Studie "Jugend und Automobil 2010" des FHDW Center of Automotive hat ergeben, dass die emotionale Bindung an das Statussymbol Auto bei der Gruppe der 18-25-jährigen Deutschen zurückgeht. An ihre Stelle trete eine "neue Rationalität": Für knapp ein Drittel der Befragten ist das Auto ein Fortbewegungsmittel - mehr nicht.

Die Demotorisierung erfasst immer mehr junge Menschen

Vor allem in den Städten macht sich der Trend bemerkbar. Kein Wunder, denn gerade hier lassen verstopfte Straßen, ewige Parkplatzsuche und brauchbare Carsharing-Angebote das eigene Auto zunehmend unattraktiv werden. Das zeigt auch die aktuelle Ausgabe der Jugendtrendstudie "Timescout". 75 Prozent der 20-29-jährigen Befragten besitzen einen Führerschein, aber 45 Prozent fahren nur selten, und 80 Prozent erklären gar, dass man in der Stadt wegen des öffentlichen Verkehrs überhaupt kein Auto brauche. In Japan hat die Einstellung schon einen Namen: "kuruma banare", übersetzt etwa Demotorisierung. Dort definieren sich junge Leute längst über ihr Smartphone oder Netbook - und nicht mehr übers Auto.

Wenn sich neun von zehn Befragten im Alter von 14 bis 29 Jahren ein Leben ohne Handy und Internet nicht mehr vorstellen können, ein Leben ohne Auto aber schon, wie der Bundesverband Informationswirtschaft, Telekommunikation und neue Medien e.V. (Bitkom) kürzlich vermeldete, dann muss konsequenterweise "Autofahren so einfach wie Mobiltelefonieren" werden. Mit diesem Slogan wirbt Car2Go, eine Daimler-Tochtergesellschaft, seit 2009 für ein Mobilitätskonzept, bei dem Smart-Modelle einfach und günstig gemietet werden können. In Ulm und Austin laufen bereits Feldversuche, weitere Städte sollen folgen.

Ein Fahrrad gibt es für fünf Euro am Tag, einen Sportwagen für 100 Euro

Auch bei Mu by Peugeot findet sich der Bezug zur Generation Handy. Der Kunde kann mit einer Art Prepaid-System über ein Online-Konto Mobilitätspunkte kaufen. Für zehn Euro gibt es 50 Mu-Punkte. Für 25 Mu-Punkte kann man beispielsweise ein Fahrrad einen ganzen Tag lang ausleihen; für 500 Mu-Punkte gibt es den neuen Sportwagen RCZ.

Das Angebot umfasst nahezu die gesamte Peugeot-Modelpalette plus Zubehör wie Schneeketten oder Dachboxen. Peugeot sagt, das Mobilitätskonzept sei langfristig angelegt und eine Reaktion auf die sich ändernden Mobilitätsansprüche.

Nach Angaben des Kraftfahrt-Bundesamts waren 2009 lediglich sieben Prozent aller Neuwagenkäufer 18-29 Jahre alt, zehn Jahre zuvor war dieser Anteil noch doppelt so hoch. Laut Oliver Kurtz, Projektverantwortlicher von Mu by Peugeot, erfordert diese Entwicklung ein Umdenken: "Mit Mu by Peugeot wollen wir den neuen Mobilitätsbedürfnissen entsprechen und uns neue Geschäftsfelder erschließen." Im Kern ist es der Versuch, junge Leute überhaupt noch in die Autos der eigenen Marke zu bekommen.

Gute Vermarktungschancen für konzerneigene Elektrofahrzeuge

Dabei hat Peugeot auch das Thema Elektromobilität im Blick: Wenn im Oktober der Peugeot iOn auf den Markt kommt, ein eiförmiger Kleinwagen mit Elektroantrieb, kann er bald darauf auch an den Mu-Stationen gemietet werden - neben Elektro-Fahrrädern und -Scootern. So will Peugeot Hemmschwellen in Bezug auf die neue Technik abbauen und zugleich die erheblich höheren Anschaffungskosten von E-Fahrzeugen abfedern.

Thomas Bauch, Geschäftsführer von Peugeot in Deutschland, sagt: "Wir wollen, dass Elektromobilität bezahlbar ist. Deshalb binden wir die Nutzung von Elektrofahrzeugen in ein ganzheitliches Mobilitätskonzept ein. Das ermöglicht den Kunden auf unkomplizierte und flexible Weise erste Erfahrungen."

In der Studie "Zukunft der Mobilität 2020" prophezeit die Unternehmensberatung Arthur D. Little der Automobilindustrie den Wandel zu einer Mobilitätsindustrie. Die meisten Hersteller hoffen aber wohl immer noch, dass die große Demobilisierung ein vorübergehendes Phänomen ist.

Auch hinter den Mobilitätskonzepten der Hersteller steckt nämlich letztlich das Kalkül, aus jungen Kaufverweigerern wieder junge Neuwagenkäufer zu machen. Andreas Leo, Sprecher von Car2Go formuliert es so: "Jede Fahrt mit Car2Go ist natürlich auch eine Probefahrt in einem Smart."

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insgesamt 224 Beiträge
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T. Wagner 07.08.2010
1. Das ist die Zukunft!
...für Alle, die ständig in ihrer miefigen Großstadt mit 5-Minuten-U-Bahn-Takt (inklusive pöbelnden und prügelnden Asozialen im Abteil) leben und dort arbeiten wollen oder müssen. Für den überwiegenden Teil der Bevölkerung wird's weiterhin ohne Auto nicht gehen. Und - warum auch?
Ambermoon 07.08.2010
2. .
Wenn jemand halbwegs zentral in einer Großstadt wohnt und Grundzüge von Infrastruktur (i.e. ÖPNV und Supermarkt) ein paar Gehminuten entfernt hat, braucht er eigentlich kein Auto. Dann kann Carsharing durchaus attraktiv sein. Es muss nur so bequem sein wie man selbst, sowas wie EC-Karte+PIN und ab geht's. Vielleicht sollte man die entsprechenden Gerätschaften IN die Autos einbauen (und an die Tür) - Anmeldungen, Verträge und Schlüssel sind eher hinderlich. Wenn ich persönlich mal ein Auto bräuchte, für einen Ausflug oder um zum drecksabgelegenen Ikea zu kommen oder Umzug oder so, und in 30min Entfernung gäbe es einen bewachten* Parkplatz mit Autos/Transportern, die ich per EC-Karte öffnen und starten kann - da wär ich dabei! * Von wegen Check auf Beulen und Tankinhalt. ;-)
joergpeterneumann 07.08.2010
3. kann ganz schön teuer werden
Bei car2go soll die Minute 19 Cent kosten bzw. der Tag ca 100 € bei sixt gibt es Wagen für die Hälfte. Und wer mietet Autos Minutenweise? Die müssten ja dann aber wirklich an jeder Ecke stehen, damit ich nicht noch lange nach einem Wagen suchen muss. Auf dem Lande wohl eher gar nicht möglich. Einzig die Sache mit den Elektroautos finde ich gut.
rawoloa 07.08.2010
4. Fuchs und saure Trauben
Sicherlich spielen die im Artikel genannten Gründe für die Autoabstinenz junge Leute eine Rolle. Allerdings dürften schlecht bezahlte Arbeit, Zeitverträge und unsichere Zukunftsaussichten gerade bei jungen Leuten diese 'Mode' mit befeuern. Wie war das noch mit dem Fuchs und den Trauben, die ihm hoch oben zu sauer waren...
ralfwk 07.08.2010
5. Kleinbürgerlich
Zitat von T. Wagner...für Alle, die ständig in ihrer miefigen Großstadt mit 5-Minuten-U-Bahn-Takt (inklusive pöbelnden und prügelnden Asozialen im Abteil) leben und dort arbeiten wollen oder müssen. Für den überwiegenden Teil der Bevölkerung wird's weiterhin ohne Auto nicht gehen. Und - warum auch?
...sprach der Spiesser, der nie aus seinem hessischen Provinznest herausgekommen ist und glaubt über das Leben in der Grossstadt durch die Medien informiert zu sein.
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