Neue Corvette erwischt: Tatort Containerterminal

Von Tom Grünweg

So schnell kann's gehen: Heute noch gefeierter Erlkönigjäger - morgen schon arbeitslos. Weil ein Lagerarbeiter die geheime Top-Version der Corvette auf dem Weg zu Tempo-Tests fotografiert und die Bilder umgehend ins Internet gestellt hat, verlor er jetzt seinen Job.

Ist es ein Wirtschaftskrimi oder eher ein Dummer-Jungen-Streich? Auf jeden Fall ist es schief gelaufen, was da vor ein paar Wochen irgendwo in einem Lagerhaus in Michigan passierte. Denn statt den geheimen General-Motors-Prototypen weisungsgemäß in einen Container zu rollen, um ihn zu Hochgeschwindigkeitstests nach Deutschland zu verschiffen, hat sich ein Lagerarbeiter der "Central States Trucking Company" in Romulus den Spaß gemacht und selbst ein paar Runden mit dem Erlkönig gedreht. Und nicht nur das: Er fotografierte das Auto auch eifrig und stellte die Bilder nach Feierabend auf allerlei Websites der amerikanischen PS-Blogger-Gemeinde.

Die extrastarke Corvette: Die US-Site http://jalopnik.com/ berichtete ausführlich über den Fall
jalopnik.com

Die extrastarke Corvette: Die US-Site http://jalopnik.com/ berichtete ausführlich über den Fall

Zwar waren die mit dem Fotohandy gemachten Aufnahmen von bescheidener Qualität, doch dafür war das Motiv brisant. Denn bei den illegalen Testfahrten im Zoll-Sperrgebiet ging es nicht um irgendeinen Mittelklasse-Wagen, sondern um eine neue Top-Version der Corvette, die schon seit Monaten durch die Gazetten geistert.

Und weil dieses Auto als Sportwagen-Ikone in den USA ähnliches Ansehen genießt wie bei uns der Porsche 911, waren die Fotos schneller auf tausenden von Rechnern, als es dem Lagerarbeiter und vor allem General Motors lieb sein konnte: Denn der eine verlor jetzt seinen Job, und das Unternehmen musste ein Geheimnis preisgeben, das es eigentlich noch hüten wollte.

Nachdem amerikanische Internet-Medien alarmiert waren und auf Seiten wie www.jalopnik.com sogar das Polizeiprotokoll veröffentlicht wurde, in dem jeder nachlesen konnte, um welchen Prototypen es sich handelte (Wortlaut: "2007 Chevrolet Corvette prototype, red in color, no vin. no license plate. Vehicle was shipped to Germany on 02-20-2007. The vehicle is valued at one million dollars.") mussten die GM-Manager auf dem Genfer Autosalon zumindest halbwegs bestätigen, was sich ohnehin schon jeder dachte: Es wird eine stärkere Version der Corvette geben. Corvette-Sprecher Dee Allen bestätigte auch den ungewöhnlichen Vorfall in Romulus. Doch wiegelt der Amerikaner gleich wieder ab und erzählt von den kontinuierlichen Entwicklungsarbeiten, die es bei jedem Modell im Konzern gebe.

Das Prinzip Autoquartett: Wer hat mehr PS?

Andere Manager werden deutlicher. "Natürlich kann es die Corvette nicht auf sich sitzen lassen, wenn die Dodge Viper an ihr vorbeizieht", heißt es in den Messehallen mit neidischem Blick auf die giftigste Schlange, die der ewige Konkurrent präsentiert hatte. Zum neuen Modelljahr fährt der brachiale 8,4-Liter-Zehnzylinder-Sportwagen aus dem Chrysler-Konzern mit 600 PS davon. Die Corvette kommt in ihrer stärksten Version als Z06 mit einem 7-Liter-V8 auf 512 PS.

Für den realen Straßenverkehr ist das Zahlengeklingel unbedeutend, doch an den Stammtischen, in der Tankstelle und auf den Zuschauertribünen der Rennstrecken in der US-Provinz gibt es wahrscheinlich kaum interessantere Daten. Das weiß auch GM-Boss Rick Wagoner, der von der Autoshow in Chicago mit der Festsstellung zitiert wird, dass es für Corvette "sehr wichtig" sei, "in den USA den stärksten, leistungsfähigsten und im Handling besten Sportwagen" auf dem Markt zu haben.

"Wer ist schon gerne Zweiter?", fragt auch Sprecher Allen und bestätigt damit indirekt die Gerüchte von einem Auto, das als "Blue Devil" bereits durchs Internet geistert – selbst wenn die in Romulus enttarnten Prototypen in Feuerrot lackiert waren. "Also sehen wir die Corvette mit 650 PS wieder?", wird er in Genf gefragt. "Einerseits kann ich dazu nichts sagen. Aber andererseits: Warum sollten wir dort schon aufhören", sagt Allen und entschwindet im Gewühl.

Immer wieder Pannen um noch geheime Autos

Der Ritt über die Kaianlagen mit der Brachial-Corvette ist die jüngste einer ganzen Serie von PR-Pannen, die Öffentlichkeitsarbeiter in den letzten Monaten ins Schwitzen brachten. Auch der europäischen Tochter Opel entglitt die Kontrolle über das GTC Concept, so dass erste Fotos schon am Wochenende vor der Weltpremiere in Genf auftauchten. Audi musste bereits zwei Wochen vor der streng geheimen Weltpremiere des A5 offizielle Prospektfotos des neuen Coupés im Internet erblicken und justierte daraufhin die Kommunikationsstrategie neu. Und bei BMW ließ sich vor dem letzten Modellwechsel in der 3er-Reihe eine Werbeagentur so früh die Druckfahnen der Preislisten aus der Hand nehmen, dass die Bayern gar um den Abverkauf des Vorgängers fürchteten.

Für den Lagerarbeiter aus Romulus sind diese Parallelen kein Trost. Denn er bezahlt die Testfahrt mit seinem Job. "Natürlich hätte er das nicht tun und erst recht nicht fotografieren sollen", sagt Pressesprecher Allan. Und wahrscheinlich wären die Konsequenzen bei einem Chevrolet Aveo ähnlich hart gewesen. "Nur hätte es dann außer uns niemanden interessiert."

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