Neue Lärmgrenzwerte für Autos: Die volle Dröhnung

Von Christoph M. Schwarzer

Neue EU-Grenzwerte für Verkehrslärm: Je stärker desto dröhn Fotos
dapd

Verkehrslärm macht krank, deshalb wollte das EU-Parlament neue Grenzwerte verabschieden. Doch die Abstimmung wurde plötzlich vertagt: Autolobbyisten stehen im Verdacht, unlauter Einfluss genommen zu haben.

Hamburg - Der Porsche 911 hat das schönste Motorgeräusch der Welt. Er sägt, schwärmen Fans. Nur an den Nerven, sagen Kritiker. Fakt ist: Lärm macht krank. Etwa 50.000 tödliche Herzinfarkte und 200.000 Herz-Kreislauf-Erkrankungen pro Jahr gehen EU-weit auf das Konto von dröhnenden Motoren, so eine Studie der Weltgesundheitsorganisation WHO.

Genau aus diesem Grund sollte das EU-Parlament an diesem Mittwoch über eine neue Lärmschutzverordnung für Autos beraten und abstimmen. Jetzt aber wurde die Abstimmung plötzlich vertagt - weil die Autoindustrie im Verdacht steht, unlauter Einfluss genommen zu haben.

Vorschlag von Porsche?

Die Umweltorganisation Transport & Environment hat herausgefunden, dass der vom tschechischen Europaparlamentarier Miroslav Ouzky eingebrachte Vorschlag in Wahrheit vermutlich das Papier von Hans-Martin Gerhard ist - seines Zeichens Fachgebietsleiter Akustik bei der Porsche AG.

Zumindest, so viel steht fest, hat Ouzky für seinen Gesetzentwurf eine Powerpoint-Vorlage genutzt, die zweifelsfrei auf dem Rechner des Porsche-Manns erstellt worden ist. Für Transport & Environmental ist dies eine "ungebührliche Einflussnahme" durch die Automobilindustrie. Das hat nun Konsequenzen: Das EU-Parlament hat die Abstimmung über die neue Verordnung verschoben, bis die Urheberschaft des industriefreundlichen Papiers zweifelsfrei geklärt ist.

Dabei ist der Abgeordnete Ouzky mit seinem Vorstoß nicht allein - und er ist nicht einmal der industriefreundlichste. Bei den verschiedenen eingereichten Gesetzesvorschlägen sticht vor allem der deutsche hervor: Das Bundesverkehrsministerium setzt sich im EU-Parlament dafür ein, dass Autos mit viel PS lauter sein dürfen als Autos mit weniger Leistung.

Seit 1996 wird geröhrt

Das Bundesverkehrsministerium fordert ein Dreiklassensystem, das Fahrzeuge nach ihrem Leistungsgewicht einteilt. Diese Maßeinheit aus der Sportwagenwelt sagt aus, wie viele PS auf ein Kilogramm Leergewicht kommen. Legt man den deutschen Vorschlag zugrunde, fallen die meisten Autos in die schwächste Leistungsklasse mit bis zu 163 PS pro Tonne Fahrzeuggewicht. Diese Autos sollen in Zukunft nur noch 68 Dezibel (dB) laut sein dürfen. Darüber folgt die Klasse von Autos mit bis zu 218 PS pro Tonne, für die ein Grenzwert von 70 dB gelten soll. Und für die wirklich starken Sportwagen 218 PS aufwärts wird die erlaubte Lärmschwelle auf 73 dB hochgeschraubt.

Aktuell gilt ein Grenzwert von 74 Dezibel für alle Pkw - mit der Ausnahme, dass besonders stark motorisierte Autos einen Bonus erhalten und 75 Dezibel laut sein dürfen. Als besonders stark gelten Fahrzeuge derzeit, wenn sie mehr als 204 PS pro Tonne Leergewicht haben. Viele Modelle deutscher Hersteller mit Top-Motorisierung fallen darunter. In Kraft ist dieser Lärmgrenzwert seit 1996. Anders als bei den Abgasgrenzwerten, die seither mehrfach verschärft wurden, blieb in Sachen Lärmbelastung alles beim Alten.

Von der Variante, die Bundesverkehrsminister Peter Ramsauer (CSU) favorisiert, würden zwar nur wenige profitieren - dafür aber sehr teure und vornehmlich deutsche Fabrikate. Drei Dezibel klingt auf dem Papier läppisch, entspricht aber in Wahrheit einer Verdoppelung des Verkehrslärms, also dem Geräusch, das zehn Autos produzieren, wo vorher nur fünf fuhren. Die geplante Differenz von fünf Dezibel zwischen der Klasse mit dem geringsten und dem höchsten Leistungsgewicht bedeutet also noch mehr Lärmdifferenz.

Erst in zwanzig Jahren ist Ruhe

Kritik an dem Vorschlag äußert die Deutsche Umwelthilfe (DUH). "Es geht hier um eine Privilegierung einer kleinen Gruppe von Fahrzeugen, unter der aber in den ohnehin belasteten Städten viele Menschen leiden werden", sagt Dorothee Saar, Leiterin Verkehr und Luftreinhaltung bei der DUH.

Neue gesetzliche Normen für Autos entfalten ihren Effekt erst langfristig. Von den mehr als 40 Millionen in Deutschland zugelassenen Pkw werden gut drei Millionen pro Jahr durch neue ersetzt; es dauert also ein gutes Jahrzehnt, bis der Fahrzeugpark ausgetauscht ist. Weil darüber hinaus eine lange Übergangsfrist zur Einführung neuer Geräuschgrenzwerte diskutiert wird - je nach Entwurf soll die Beruhigung in frühestens fünf, vielleicht aber auch erst in zehn Jahren durchgesetzt werden - schleppt sich die Wirkung in immer fernere Zukunft. Der Arbeitsring Lärm bei der Deutschen Gesellschaft für Akustik geht darum davon aus, dass lediglich eine Reduzierung des Schalldrucks von 1,7 Dezibel zu erwarten ist und diese erst nach dem Jahr 2030.

Eine Anfrage von SPIEGEL ONLINE beim Verkehrsministerium blieb unbeantwortet; es gebe "Abstimmungsschwierigkeiten", hieß es. Der Verband der deutschen Automobilindustrie (VDA) wiederum verweist auf Erfolge in der Vergangenheit. Zwischen 1970 und 1995 - also bis zum Inkrafttreten der aktuellen Regulierung - seien die Geräuschemissionen bereits um acht Dezibel gesunken.

Künstliche Schallmanipulation zum Sounderhalt

Den deutschen Vorschlag für die Neuregelung der Lärmgrenzwerte findet der VDA "deutlich fundierter und technisch ausgewogener" als andere Ansätze. Zudem sieht der VDA erwartungsgemäß nicht allein die Autohersteller in der Pflicht, sondern fordert flankierende Maßnahmen wie eine intelligente Verkehrslenkung, um einen stetigen Fluss zu gewährleisten, speziellen Flüsterasphalt oder Schallschutzbauwerke.

Dabei zeigen die Autohersteller vielfach schon heute, dass ein leises Außengeräusch nicht unbedingt mit Freudlosigkeit im Innenraum einhergehen muss. Um den von vielen Pkw-Besitzern als wohltuend empfundenen Motorsound nicht zwischen den Dämmstoffen vollends zu ersticken, wird der Innenraumsound bei Neuwagen immer häufiger manipuliert - mit Hilfe von Resonanzrohren, die das Motorengeräusch einfach in den Innenraum leiten.

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insgesamt 183 Beiträge
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1. optional
naaram 17.09.2012
---Zitat--- Drei Dezibel klingt auf dem Papier läppisch, entspricht aber in Wahrheit einer Verdoppelung des Verkehrslärms, also dem Geräusch, das zehn Autos produzieren, wo vorher nur fünf fuhren. ---Zitatende--- In der Wikipedia http://de.wikipedia.org/wiki/Schalldruckpegel ist allerdings von 10 dB die rede.
2.
M. Michaelis 17.09.2012
Zitat von sysopVerkehrslärm macht krank, deshalb wollte das EU-Parlament neue Grenzwerte verabschieden. Doch die Abstimmung wurde plötzlich vertagt: Autolobbyisten stehen im Verdacht, unlauter Einfluss genommen zu haben.
Zum Glück hat wer auch immer Einfluss genommen. Diese Schutzverordungen haben längst jegliches vernünftige Maß überschritten.
3. Motorräder
Niederbayer 17.09.2012
Autos produzieren Lärm. Manche mehr, manche weniger. Viele dringender als bei Autos wäre es aber endlich wirksame Beschränkungen für Motorräder und Roller einzuführen. Der Ferrari fährt im Schnitt nicht oft die Straße runter, die zweitaktkreischende Zwiebacksäge oder das gepimpte Monsterbike aber schon.
4.
lab61 17.09.2012
Zitat von sysopVerkehrslärm macht krank, deshalb wollte das EU-Parlament neue Grenzwerte verabschieden. Doch die Abstimmung wurde plötzlich vertagt: Autolobbyisten stehen im Verdacht, unlauter Einfluss genommen zu haben. Neuen EU-Lärmgrenzwerte: Deutschland hätte gern ein Dreiklassensystem - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/auto/aktuell/0,1518,855796,00.html)
Noch wichtiger, als bei PKW wäre es, von Seiten des Gesetzgebers mehr Durck auf den Bereich Motorräder auszuüben. Was einem da teilweise im Vorbeirauschen an Schalldruck zugemutet wird, ist wirklich an der Grenze zur Körperverletzung. Vor allem bei einigen, stark auf Rennmaschine getsylten Marken/Typen. Und vor allem bei den fetten Harleys. Hier muss unbedingt eingegriffen werden.
5.
Der Meyer Klaus 17.09.2012
Zitat von sysopVerkehrslärm macht krank, deshalb wollte das EU-Parlament neue Grenzwerte verabschieden. Doch die Abstimmung wurde plötzlich vertagt: Autolobbyisten stehen im Verdacht, unlauter Einfluss genommen zu haben. Neuen EU-Lärmgrenzwerte: Deutschland hätte gern ein Dreiklassensystem - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/auto/aktuell/0,1518,855796,00.html)
Die Lautstärke vor meiner Wohnung liegt laut der letzten offiziellen Messung weit über dem aktuellen Grenzwert. Getan wird aber nichts. Laut sind auch nicht die "normalen Autos" sondern Busse, LKWs und Motorräder. Hinzu kommt das gute alte Problem mit dem Kopfsteinpflaster in einer Hauptstraße (über 25.000 Fahrzeuge pro Tag). Also falls sie sich dort für irgend etwas entscheiden hat es eh keine Auswirkungen.
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