Neuer Cityvan Mercedes Citan: Französisch-Nachhilfe
Mercedes und Renault - die Kombination klingt ähnlich schräg wie Spätzle mit Camembert. Trotzdem vereinbarten die beiden Autobauer vor rund drei Jahren eine Kooperation. Jetzt wurde das erste Ergebnis vorgestellt - und es fiel ganz anders aus, als erwartet.
Als Mercedes und Renault vor drei Jahren bekanntgaben, in Zukunft zusammenarbeiten zu wollen, kratzte sich die Auto-Expertenschar erst mal am Kopf. "Warum machen die das?", war die Frage. Bald kursierten zwei Theorien: Wegen der Kleinwagen, hieß die eine. Renault mit seiner Kleinstwagenkompetenz wäre demnach der ideale Partner für die Entwicklung der neuen Smart-Generation und den Aufbau einer Smart-Modellfamilie. Wegen der Elektroautos, hieß die andere. Denn Renault setzte früh auf batteriebetriebene Autos und verkauft längst mehrere Modellreihen mit Akku-Antrieb.
Umso größer dürfte jetzt die Überraschung über das erste gemeinsame Kind dieser Ehe sein: Ein ganz gewöhnliches Balg ist das, nämlich ein Kastenwagen namens Mercedes Citan. Vorbild und Organspender für den Citan ist der Renault Kangoo, der seit nunmehr 14 Jahren ein Renner unter den Kleinstlieferwagen ist. Und wie das französische Vorbild soll es auch den Mercedes-Ableger Citan in einer Pkw-Variante geben, also als geräumiges Familienauto für Menschen ohne Statusdünkel.
Warum Daimler überhaupt im Segment der Kleinlieferwagen mitmischen möchte, hat einen einfachen Grund: Es lockt ein gigantischer Markt. Weil die Städte wachsen, E-Commerce boomt und die Paketflut des Versandhandels weiter anschwillt, steigt auch die Bedeutung der sogenannten Citylogistik. Und Transporte dieser Art werden nun mal meist in Kastenwagen abgewickelt.
"Die weltweiten Zulassungen von Kleintransportern werden von derzeit etwa einer Million bis zum Jahr 2015 auf mehr als 1,3 Millionen jährlich ansteigen", sagt Logistikexperte Marcel Hischebeck aus Karlsruhe - es lockt also eine Absatzsteigerung von 30 Prozent. "Und in Europa wird das Wachstum überproportional steigen." Jedes zweite leichte Nutzfahrzeug werde ein Auto wie der Citroën Berlingo oder der Fiat Doblò sein.
Der erste Anlauf im Kastenwagen-Segment wurde zum Fiasko
Logisch also, dass auch deutsche Hersteller in diese Liga drängen, zumal sich Kastenwagen mit größeren Fenstern und etwas aufgehübschtem Innenleben auch prima als billige Familienautos eignen. "Das sind im Jahr noch einmal rund 500.000 Fahrzeuge", sagt Automobilwirtschaftler Ferdinand Dudenhöffer. Mercedes musste in dieser Kategorie bis dato passen, obwohl die Schwaben von den größeren Transporter-Typen Vito und Viano, Sprinter und Vario pro Jahr rund 250.000 Exemplare verkaufen.
"Es waren die französischen Marken, die diese Fahrzeuggattung erfunden haben", schmeichelt Mercedes-Van-Vertriebschef Andreas Burkhart denn auch den neuen Partnern. Gerade Renault kann auf mehr als 50 Jahre Erfahrung mit Autos dieser Art zurückblicken. "Der gute alte R4 mit Revolverschaltung und den Campingplatz-Sitzen war einer der wichtigen Wegbereiter", sagt Dudenhöffer. "Franzosen lieben so etwas und haben den Rest Europas mit angesteckt."
Und das offenbar so sehr, dass ein im Prinzip französisches Auto demnächst den Mercedes-Stern tragen wird. "In diesem Segment muss man über hohe Stückzahlen zu niedrigen Kosten kommen", erklärt Dudenhöffer. Zudem sei bei Kleinlieferwagen das Markenimage für die Kunden eher sekundär. "Denen geht es um Kosten pro Kilometer. Ob auf dem Auto Fiat, Renault, Mercedes oder sonst was drauf steht, ist längst nicht so wichtig wie bei einem Pkw", sagt Dudenhöffer.
Volker Mornhinweg, der Chef der Van-Sparte von Mercedes, würde so etwas natürlich nie sagen. "Wir werden sicherlich nicht die billigsten sein", erklärt er stattdessen und versucht, den Citan zumindest verbal mit den Stuttgarter Markenwerten aufzuladen. Das sei nicht nur ein Kangoo mit Stern, sondern der Wagen habe bei Design, Ergonomie, Sicherheit, Effizienz und Fahrkomfort eine ganz eigene Prägung. "Der Citan sieht aus wie ein Mercedes, fühlt sich an wie ein Mercedes und fährt auch wie ein Mercedes", sagt Mornhinweg.
"Ohne Partner hätten wir es gleich sein lassen können"
Den kompakten Packesel wird es mit verschiedenen Dieselaggregaten und einem Benzinmotor geben, in einem Leistungsbereich von rund 60 bis 110 PS. Das Auto soll als Kombi, Kastenwagen und einer Mischung aus beidem angeboten werden. Zudem sind drei unterschiedliche Radstände und zwei Nutzlastklassen geplant.
Technisch hätte Mercedes solch ein Auto selbstverständlich auch ohne Partner hinbekommen, führt Mornhinweg aus. "Doch wirtschaftlich ist ein Alleingang heute nicht mehr darstellbar." Er formuliert es dann noch einmal etwas klarer: "Hätten wir den Citan ohne Partner machen müssen, hätten wir es auch gleich sein lassen können."
Mercedes hat offenbar aus den Fehlern der Vergangenheit gelernt, denn der letzte Single-Ausflug ins Kastenwagen-Segment der Stuttgarter war nicht von Erfolg gekrönt. Das war 2001, das Auto hieß Vaneo und war von der damals neuen A-Klasse abgeleitet. Der Wagen war zu teuer und unpraktisch für Gewerbetreibende und für Privatleute einfach nicht Mercedes genug. Die Baureihe W 414 wurde zum Fiasko. Nicht einmal 60.000 Autos wurden verkauft, die Produktion 2005 wieder eingestellt.
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