Von Holger Dambeck
"Was würde Google tun?" heißt ein Bestseller von Jeff Jarvis, in dem es um die Erfolgsstrategien des Internetgiganten geht. Eine davon ist: Immer dran bleiben an den neuen Ideen, Trends und Technologien einer sich wandelnden Gesellschaft. Diesem Pioniergeist folgend, betätigt Google sich mittlerweile des öfteren als Mäzen für junge Technologieschmieden. Selbst wenn deren Ideen auf Normalos mitunter arg schrullig wirken.
Der Suchmaschinenriese ist Hauptsponsor des 2007 gestarteten Google Lunar X Prize, bei dem immerhin eine Prämie von bis zu 20 Millionen Dollar lockt. Dafür muss man eine unbemannte Sonde auf den Mond schießen, die dort mindestens 500 Meter zurücklegt. Aber auch bei der Lösung ganz irdischer Probleme will Google mitmischen: Zum Beispiel beim alltäglichen Stau in den Metropolen der Welt.
Eine Million Dollar investiert Google in eine kleine Firma aus Neuseeland, die das Fahrrad zwar nicht neu erfunden, aber an eine Schiene gehängt hat. Shweeb heißt das Konzept, die Namensähnlichkeit mit dem deutschen Wort Schweben ist beabsichtigt.
Shweeb ist eine Schwebebahn, in der jeder Passagier seine eigene Kabine hat. In der Position eines Liegeradfahrers sitzt man in einem Plexiglaszylinder. Die gute Aerodynamik erlaubt deutlich höhere Geschwindigkeiten als beim herkömmlichen Fahrrad, 30 km/h sind über größere Distanzen auch für weniger Trainierte kaum ein Problem.
In einem Vergnügungspark in Rotorua (Neuseeland) steht bereits eine 600 Meter lange Strecke, auf der man dank zweier paralleler Schienen auch um die Wette fahren kann. Etwas mehr als 20 Euro kostet eine Fahrt, der Rekord für die 600 Meter steht bei 55 Sekunden.
Doch Geoff Barnett, der Shweeb-Erfinder, denkt längst über den Freizeitpark hinaus. Die Schwebebahn für Fahrräder könnte seiner Meinung eine Lösung für die verstopften Straßen von Metropolen wie New York, Shanghai oder Hongkong sein.
Barnett hat sich mit dem Konzept bei Googles Project 10100 beworben. Der Internetkonzern suchte nach Ideen, die keinen geringeren Anspruch haben, als die Welt zu verändern. 150.000 Vorschläge wurden eingereicht, 16 davon ausgewählt. Im Internet entschieden Google-Nutzer dann, welche fünf Konzepte mit Geld von Google gefördert werden. Shweeb ist einer der Gewinner.
Die Idee zur Tret-Einschienenbahn kam Barnett, als er in Tokio lebte. Er war beeindruckt von den Menschenmassen, den pünktlichen Zügen, den allgegenwärtigen Verkaufsautomaten und den Capsule Hotels, in denen Menschen in einem überdimensionalen Schrankfach übernachten. "Oberhalb des Staus auf Schienen zu fahren, das schien mir der einzig mögliche Weg für die Millionen Bewohner Tokios, sich in der Stadt schnell und sicher zu bewegen."
Das Gleiten mit der Plexiglaskabine hat gegenüber dem normalen Radfahren gleich mehrere Vorteile: Der Luftwiderstand ist deutlich geringer. Bei Stau oder einer roten Ampel muss man nicht anhalten. Regen oder Kälte stören nicht, dank guter Belüftung sollen sich die Kabinen auch bei Sonne nicht unangenehm aufheizen.
Alle zehn Sekunden startet ein Zylinder
Die Schienen, an denen die Tretkabinen hängen, sollen in fünf bis sechs Metern Höhe befestigt sein. Überholen muss man nicht: Wenn ein schneller Fahrer von hinten auf einen langsameren auffährt, gibt es dank eingebautem Dämpfungssystem keinen Crash, sondern nur einen sanften Stoß - und beide Kabinen fahren als Tandem weiter. Der Luftwiderstand pro Fahrer halbiert sich auf diese Weise nahezu, mit gemeinsamem Treten sind sie schneller unterwegs als allein.
Wie sieht die Rush Hour in einer Shweeb-Stadt aus? In einer Station nahe einer großen Wohnsiedlung warten Hunderte Kabinen auf Pendler. Die Leute steigen ein, legen ihre Tasche ab, hängen die Jacke auf und treten in die Pedalen. Alle zehn Sekunden soll eine Kabine von einer Endstation starten - das sind 360 pro Stunde.
Auf dem Weg Richtung Geschäftsviertel verzweigt das Netz immer wieder. Sollte es mal bergauf gehen, hilft ein kleines Förderband. Wenige Meter vor dem Ziel steigt die Schiene um ein, zwei Meter steil an. So werden die Fahrer abgebremst. Beim Losfahren an der Station läuft das Ganze dann umgekehrt ab: Die Plexiglasröhre gleitet erst einmal nach unten und nimmt von allein Fahrt auf.
So futuristisch eine Schwebebahn für Fahrräder auch erscheinen mag - sie könnte womöglich dabei helfen, die Fortbewegung aus eigener Kraft so attraktiv zu machen, dass immer mehr Menschen sich bewusst dafür entscheiden.
Heutzutage steht man als Radler noch zu oft an roten Ampeln, weil die grüne Welle sich an den etwas schnelleren Autos orientiert. Forscher der TU München haben bereits 2006 eine Lösung für dieses Problem vorgestellt, die Shweeb auf gewisse Weise ähnelt.
Beim Velovent genannten Konzept bewegen sich die Radler ebenfalls mehrere Meter oberhalb der Straße - allerdings nicht in Schwebekabinen, sondern auf ihrem normalen Fahrrad. Dabei rollen sie durch gläserne Röhren - und werden von einem permanent blasenden Rückenwind unterstützt.
"In Südkorea interessiert man sich für unsere Idee", sagt Veit Senner von der TU München. Die rasante Entwicklung bei Elektrorädern mache das Konzept noch attraktiver. "Man könnte den Wind dann sogar weglassen."
Senner träumt mittlerweile von einer Schnellspur für Elektrofahrräder hoch über den normalen Straßen. So könnte man längere Strecken flott und ohne zeitraubende Stopps zurücklegen. Womöglich müssten die Express-Radler dann aber eine Art Maut bezahlen.
Googles Engagement für neue Verkehrskonzepte ist übrigens uneigennützig, sieht man einmal von der PR-Wirkung ab. Mögliche Einnahmen aus der Shweeb-Investition fließen in einen gemeinnützigen Fond, der für weitere Investitionen in öffentliche Transportmittel verwendet wird, verspricht Google.
Shweeb will die Million dazu nutzen, um eine Demostrecke in einer Stadt in den USA, in Südkorea oder in Großbritannien aufzubauen. Die Entscheidung über den Standort soll binnen zwei Monaten fallen. Zunächst denkt Firmenchef Peter Cossey nur an eine direkte Verbindung zweier Punkte. "Die meisten Transportsysteme starten so", sagt er im Gespräch mit SPIEGEL ONLINE. "Shweeb kann jedoch leicht erweitert werden - wie ein Lego-Set."
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