Schwerer Unfall in den USA Wie sicher sind Stretchlimousinen?

Bei einem Unfall mit einer Stretchlimousine starben in den USA 20 Menschen. Die Länge solcher Autos stellt die Fahrer vor besondere Schwierigkeiten, erklärt Unfallforscher Siegfried Brockmann.

Mehrere Stretchlimousinen beim Hersteller Krystal
Tom Grünweg

Mehrere Stretchlimousinen beim Hersteller Krystal

Ein Interview von


Es war der schwerste Verkehrsunfall in den USA seit mehreren Jahren: Eine Stretchlimousine befand sich im US-Bundesstaat New York auf dem Weg zu einer Geburtstagsfeier, an einer Straßenkreuzung nahe der Stadt Schoharie prallte das Fahrzeug auf ein geparktes SUV, die 17 Insassen, der Fahrer und zwei Fußgänger starben bei dem Unfall. Ob der Fahrer zu schnell fuhr oder die Bremsen versagten, blieb bisher unklar. Die Passagiere auf den Rücksitzen der verunglückten Limousine haben allerdings keine Sicherheitsgurte tragen müssen, erklärte Christopher Fiore von der New York State Police.

Der Unfall dürfte die Diskussion über die Sicherheit von Stretchlimousinen in den USAweiter anheizen. So wurden bereits im Juli 2015 vier Frauen bei einem Unfall einer Limousine auf Long Island getötet. Die umgebauten Fahrzeuge verfügen häufig nicht über Seitenairbags, verstärkte Überrollschutzbügel und Notausgänge. Auch in Deutschland sind Stretchlimousinen bei Junggesellenabschieden und Partys beliebt. Unfallforscher Siegfried Brockmann erklärt, welche Sicherheitsvorkehrungen getroffen werden sollten.

SPIEGEL ONLINE: Herr Brockmann, bei einem Unfall mit einer gestreckten Limousine in den USA gab es zahlreiche Todesopfer. Wie sicher oder unsicher sind solche Fahrzeuge?

Siegfried Brockmann: Bei so einer Limousine handelt es sich technisch um einen Pkw, nur dass er ein ganzes Stück länger ist. Daraus ergeben sich für die Sicherheit einige Unterschiede, wie größere Kurvenradien oder mangelnder Überblick. Das Problem der schlechteren Sicht gibt es bei modernen SUV allerdings auch. Wenn es mit so einer Stretchlimousine zu einem Unfall kommt, gibt es durch die höhere Zahl der Insassen mehr Verletzte oder Tote als bei einem normalen Pkw. Bei einem Reisebus wäre das aber auch der Fall.

Zur Person
  • Thomas Kueppers/ UDV
    Siegfried Brockmann, Jahrgang 1959, ist gelernter Kraftfahrzeugmechaniker und hat Politische Wissenschaften in Berlin studiert. Seit 2006 leitet er die Unfallforschung der Versicherer.

SPIEGEL ONLINE: Wieviel Sicherheitstechnik steckt denn in einer gestreckten Limousine ?

Brockmann: Das hängt davon ab, wer sie gebaut hat. Üblicherweise wird bei einer Stretchlimousine ein normales Fahrzeug in zwei Teile zersägt und ein Zwischenstück eingesetzt. Die alte Sicherheitstechnik des Pkw bleibt also erhalten. Lenkung und Bremsen sind mindestens identisch mit dem Ursprungsmodell, in der Regel ein recht großes Fahrzeug, das über eine üppige Sicherheitsausstattung verfügt. Für ihre Zulassung brauchen die Fahrzeuge eine Einzelabnahme, die Prüfer schauen sehr genau hin. Sie tragen die gesamte Verantwortung für die Sicherheit des Wagens. Wenn die Limousine also ein deutsches Kennzeichen hat, ist die technische Sicherheit normalerweise auf jeden Fall gegeben.

SPIEGEL ONLINE: Welches Risiko geht vom Fahrer aus?

Brockmann: Wer in Deutschland eine Limousine mit einer Insassenzahl von mehr als acht Personen wie bei dem tragischen Unfall in den USA fährt, braucht zusätzlich einen Busführerschein. Der Fahrer wäre in diesem Fall speziell geschult, auch wenn das natürlich keine Garantie ist. Schließlich gibt es ja auch Fälle von betrunkenen Busfahrern.

Im Video: Weitere Details zum Strechlimousinen-Unglück in Schoharie

SPIEGEL ONLINE: Wie oft passieren denn in Deutschland Unfälle mit solchen Limousinen?

Brockmann: Eine Statistik gibt es dazu nicht. Ich kann mich auch an keinen schweren Unfall in den vergangenen Jahren erinnern.

SPIEGEL ONLINE: In Stretchlimousinen können die Insassen auch quer zur Fahrtrichtung sitzen, wie ist das zu bewerten?

Brockmann: Dazu kann ich in diesem speziellen Fall nichts sagen, allerdings gibt es solche Sitzplätze auch in modernen Stadtbussen. Hier scheint es kein Problem mit der Sicherheit zu geben, und für mich fällt so eine Limousine eher in die Kategorie solcher Busse, als in die eines normalen Pkw.

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Stretchlimousinen: Wer fährt den Längsten?

SPIEGEL ONLINE: Wie schützen sich die Insassen einer Stretchlimousine am besten bei Unfällen?

Brockmann: In Deutschland ist die Stretchlimousine klassischerweise ein Fahrzeug für Hochzeiten, Geburtstage und Junggesellenabschiede. In den USA werden solche Limousinen hingegen auch zum Beispiel als Flughafenzubringer eingesetzt. Dem Partyvolk zu empfehlen, angeschnallt zu sein, hilft vermutlich relativ wenig, denn der Sinn der Reise ist ja, sich danebenzubenehmen. Aber der Sicherheitsgurt ist, egal ob in der Stretchlimo oder im normalen Pkw, entscheidend für die eigene Sicherheit.



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Seite 1
TS_Alien 08.10.2018
1.
Der Gurt ist die wichtigste Sicherheitsausrüstung im Auto. Ohne Gurt sind die Überlebenschancen ab einer gewissen Geschwindigkeit gering. Bei Landstraßentempo wird man ohne Gurt praktisch keine Überlebenschance haben.
bluebill 08.10.2018
2. Linienbusse
Ich wundere mich schon immer, warum man im PKW keine zehn Meter fahren darf, ohne den Gurt anzulegen, im gleich schnellen Linienbus aber nichts dergleichen verfügbar ist. Da werden Leute sogar im Stehen befördert. Der Bus ist im selben Verkehr unterwegs wie der PKW. Bei Vollbremsungen oder beim schnittigen Anfahren fallen die Passagiere hin und purzeln manchmal sogar vom Sitz, oft gibt es Verletzungen oder Schäden. Aber das wird als Pech hingenommen. Da fragt niemand nach Entschädigung oder Befindlichkeiten. - Stretchlimousinen sind eigentlich PKW, also müssen die Passagiere auch angeschnallt sein, wenn mich nicht alles täuscht. Oder gibt es dafür Sonderregeln wie für Busse?
Edgard 08.10.2018
3. Also ganz ehrlich...
.. das Interview mit diesem angeblichen Spezialisten hätte man sich auch schenken können. In Deutschland gilt die Anschnallpflicht für alle Insassen; verantwortlich ist der Fahrer. Was Kollege Brockmann da von "Danebenbenehmen" faselt ist mir rätselhaft. Ob Insassen in einem Stadtbus quer zur Fahrsichtung sitzen oder in einem umgebauten PKW ist selbstverständlich ein Unterschied - schon da es scheinbar Unterschiede in der zulässigen Höchstgeschwindigkeit und damit der möglicherweise einwirkenden Kräfte gibt! Und das weiß dieser "Experte" nicht? Auch nicht daß ein Busfahrer z.B. in einer völlig anderen Position sitzt? Lachhaft...! Fahrzeugtechnisch sind die Systeme wie Lenkung, Fahrgestell, Bremsen auf das Ursprungsfahrzeug ausgelegt. Ob sich aufgrund der Maße und der Masse damit Probleme ergeben; ob und wie diese Systeme angepasst werden müssen sucht man hier ebenfalls vergeblich. Last but not least: "Schließlich gibt es ja auch Fälle von betrunkenen Busfahrern." Ob Herr Brockmann bei dem Interview nüchtern war geht aus dem Artikel leider nicht hervor. Setzen - Sechs!
touri 08.10.2018
4.
Bisher ist alles was zu dem Thema geschrieben wird sowieso Spekulation, da der Unfallhergang noch nicht bekannt ist. Für mich ist es im Moment z.B. noch unbegreiflich, wie man mit hoher Geschwindigkeit auf eine Kreuzung zufahren kann (muss ziemlich hoch gewesen sein, wenn nicht ein einziger der 17 Insassen überlebt hat) und dabei auch noch komplett ein geparktes (großes) Auto übersieht.
the_rover 08.10.2018
5. Vorschriften ...
@bluebill: Eine Stretchlimo bis 9 Sitzplätze inkl. Fahrer ist ein PKW und es gilt Gurtpflicht auf allen Sitzplätzen. Sitzplätze quer zur Fahrtrichtung sind schon seit Jahren in PKW nicht mehr zulässig. Gurtpflicht gilt übrigens auch in Bussen, die zulässige Höchstgeschwindigkeit beträgt 100 km/h. Ausgenommen sind lediglich Busse im Linienverkehr des ÖPNV, die dürfen aber auch nur 80 km/h fahren, bzw. 60 km/h, wenn nicht alle Fahrgäste einen Sitzplatz haben.
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