Notbrems-Assistenzsysteme: EU drängt auf autonomere Autos

Von Jürgen Pander

Notbrems-Assistenzsysteme: Ab Ende 2013 Pflicht in Bussen und Lkw Fotos
Volvo

Autonome Bremssysteme, die eine drohende Kollision erkennen und automatisch eine Notbremsung einleiten können, sind bislang erst für wenige Fahrzeuge verfügbar. Nach dem Willen der EU soll sich das zügig ändern - und dadurch die Unfallhäufigkeit deutlich sinken.

Autonomes Fahren, das klingt sehr nach Science-Fiction, doch tatsächlich sind die Anfänge längst gemacht. Autos parken automatisch ein, halten eine gewählte Geschwindigkeit sowie den nötigen Sicherheitsabstand ein und manche können sogar kritische Situationen erkennen und selbstständig eine Notbremsung auslösen, um eine Kollision ganz zu vermeiden oder zumindest deren Schwere zu verringern. Das letztgenannte System ist auch als Notbremsassistent bekannt. Noch ist es kaum verbreitet, erst in rund 20 Prozent aller in der EU angebotenen Neuwagen ist es überhaupt verfügbar.

Das soll sich nach dem Willen der EU zügig ändern. Bereits ab November 2013 sind Notbremssysteme, kurz AEBS (Advanced Emergency Braking Systems), für neue Busse mit mehr als neun Sitzplätzen und Lkw mit mehr als 3,5 Tonnen zulässigem Gesamtgewicht vorgeschrieben. Und bei den Pkw würden die Verkehrspolitiker in Brüssel am liebsten auch eine ähnliche Verpflichtung durchsetzen.

Begründet wird dies mit einer größeren Sicherheit im Straßenverkehr und geringeren wirtschaftlichen Schäden. Etwa 90 Prozent aller Unfälle werden von abgelenkten oder unaufmerksamen Fahrern verursacht; Notbremsassistenten in allen Kraftfahrzeugen, so heißt es, könnten die Unfallhäufigkeit um bis zu 27 Prozent senken und zu einem deutlichen Rückgang bei den im Straßenverkehr Verletzten beitragen. Zudem würde die Zahl der unfallbedingten Staus reduziert - was volkswirtschaftliche Kostenvorteile bedeute.

Neue Euro-NCAP-Regelung geplant

Um die Verbreitung von Notbremsassistenzsystemen in Pkw zu fördern, plant die EU allerdings keine weitere Verordnung. Stattdessen soll das europäische New Car Assessment Program (Euro NCAP), ein Konsortium unter Beteiligung von sieben EU-Staaten, das die Crash-Sicherheit von Autos testet, dazu beitragen. Der Trick: Ab 2014 soll die Bestnote von fünf Sternen nur noch von Fahrzeugen erreicht werden können, die ein automatisches Notbremssystem an Bord haben.

Wie exakt die Prüfung der Notbremsassistenten ablaufen soll und ob es Unterschiede bei der Bewertung von Systemen gibt, die zum Beispiel auch Fußgänger von Fahrzeugen unterscheiden können, ist noch nicht geklärt. Der Sprecher des Verbands der Deutschen Autoindustrie (VDA), Eckehart Rotter, sagte zu SPIEGEL ONLINE: "Wir sehen keine zwingende Notwendigkeit, das autonome Notbremssystem gesetzlich verpflichtend zu machen. Die Nachfrage der Käufer und das wachsende Angebot der Autohersteller sorgen dafür, dass sich das System von selbst etabliert."

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1.
dongerdo 08.08.2012
Zitat von sysopAutonome Bremssysteme, die eine drohende Kollision erkennen und automatisch eine Notbremsung einleiten können, sind bislang erst für wenige Fahrzeuge verfügbar. Nachdem Willen der EU soll sich das zügig ändern - und dadurch die Unfallhäufigkeit deutlich sinken. Notbrems-Assistenzsysteme: EU drängt auf autonomere Autos - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/auto/aktuell/0,1518,848833,00.html)
Es schadet in keinem Fall, ist sogar ein Sicherheitsplus im Alltag also warum nicht? Die Aussage des VDA Sprechers ist lächerlich - viele andere Sicherheitseinrichtungen im Auto haben sich erst richtig durchgesetzt als NCAP und Co diese für die volle Wertung erwartet haben. Die Fahrzeugklassen in denen diese Assistenzsysteme heute vorrangig angeboten werden sind außerhalb der finanziellen Reichweite eines beträchtlichen Teils der Bevölkerung, also warum die Sache nicht beschleunigen?
2. optional
topas 08.08.2012
Stelle mir schon das Szenario vor: Autokolonne auf der Autobahn. Ein PKW schert von rechts in den Sicherheitsabstand in der linken Spur ein. Schon leiten zwei Systeme eine Gefahrenbremsung ein, anstatt wie normalerweise den Abstand dynamisch wieder größer werden zu lassen. Der nachfolgende, älterer PKW hat das System nicht und kachelt hinten drauf, weil keine Gefahrensituation vorlag. Oder ein übereifriges System erkennt ein Kleinwild oder eine aufgeblähte Mülltüte als Hinderniss, leitet eine Gefahrenbremsung ein - blöd nur dass die Straße an der Stelle gerade rutschig war und sich Notbremsassistent und ABS dann streiten, wie zu bremsen ist - während das Auto am Baum landet. Normalerweise wäre man aus Gefahrenanwägung drüber gefahren - so kommt es zum Unfall. Aber Hauptsache, dem Autofahrer wird das Denken abgenommen. Praktisches, übersichtliches Karosserie-Design wird durch spärische Spiegel, PDC, Rückfahrkamera und Einkarkhilfe ersetzt. Aufmerksames, verantwortungsvolles Fahren wird durch Spurassistenten, Bremsassistenten etc. ausgeglichen. Hauptsache, die Verantwortung wird abgegeben, der Autofahrer entmündigt.
3. Kein Titel
Hans Blafoo 08.08.2012
Zitat von sysopAutonome Bremssysteme, die eine drohende Kollision erkennen und automatisch eine Notbremsung einleiten können, sind bislang erst für wenige Fahrzeuge verfügbar. Nachdem Willen der EU soll sich das zügig ändern - und dadurch die Unfallhäufigkeit deutlich sinken. Notbrems-Assistenzsysteme: EU drängt auf autonomere Autos - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/auto/aktuell/0,1518,848833,00.html)
So ganz verstehe ich den VDA-Sprecher nicht. Aus meiner Sicht sollte der das eigentlich begrüßen! Natürlich erhöht das die Kosten fürs Fahrzeug, aber das Problem haben ja alle. Viel größer ist aus meiner Sicht dagegen der Vorteil, dass die deutschen Hersteller solche Systeme im Grunde schon im Portfolio haben oder dank ACC-Systemen kurz davorstehen. Schaut man sich dagegen mal die Franzosen an, also z.B. PSA oder Renault, die haben im Bereich Fahrerassistenzsysteme nahezu gar nichts im Angebot. Das bedeutet, dass die deutschen Hersteller durch die verschärften EuroNCAP-Bedingungen einen deutlichen Vorteil haben. Und genau das sollte doch im Interesse des VDAs sein.
4. Haftung
walter_e._kurtz 08.08.2012
Zitat von dongerdoEs schadet in keinem Fall, ist sogar ein Sicherheitsplus im Alltag also warum nicht? Die Aussage des VDA Sprechers ist lächerlich - viele andere Sicherheitseinrichtungen im Auto haben sich erst richtig durchgesetzt als NCAP und Co diese für die volle Wertung erwartet haben. Die Fahrzeugklassen in denen diese Assistenzsysteme heute vorrangig angeboten werden sind außerhalb der finanziellen Reichweite eines beträchtlichen Teils der Bevölkerung, also warum die Sache nicht beschleunigen?
ist das Zauberwort. Sollte so ein Notbremsassistent nicht funktionieren wie angedacht, so könnte der Hersteller in Verantwortung genommen werden. Darum sind diese Systeme relativ komplex und teuer. Der Bordcomputer verläßt sich nicht bloß auf einen Parameter (z.B. Abstandsradar), sondern bezieht noch Daten aus z.B. einer stereo-cam ein; um bloß sicherzustellen, keine unnötige Vollbremsung mit Unfallfolge zu produzieren, was wiederum dem Hersteller angelastet werden könnte.
5. Kein Titel
Hans Blafoo 08.08.2012
Zitat von topasStelle mir schon das Szenario vor: Autokolonne auf der Autobahn. Ein PKW schert von rechts in den Sicherheitsabstand in der linken Spur ein. Schon leiten zwei Systeme eine Gefahrenbremsung ein, anstatt wie normalerweise den Abstand dynamisch wieder größer werden zu lassen. Der nachfolgende, älterer PKW hat das System nicht und kachelt hinten drauf, weil keine Gefahrensituation vorlag.
Beschäftigen Sie sich mal damit, wie ein solches automatisches Notbremssystem funktioniert. Kurz gesagt: das System greift erst ein paar Zehntelsekunden vor einem potenziellen Unfall ein, häufig sogar erst ein paar Millisekunden bevor der Unfall nicht mehr verhindert werden kann. Wird es also auf der Autobahn so knapp, dass der Unfall nicht mehr vermieden werden kann, dann ist das absolut richtig eine Gefahrenbremsung einzuleiten. Wird es dagegen nicht knapp, bremsen die Systeme nicht. Das von Ihnen beschriebene Problem existiert also nicht oder nur mit einer sehr sehr niedrigen Wahrscheinlichkeit. Außerdem, um mal das beliebte Argument vieler "Könner" aus dem SpOn-Forum aufzugreifen: Warum bremst der ältere PKW nicht? Als geübter Fahrer sieht man doch auch ohne Assistenzsysteme, dass vor einem scharf gebremst wird und somit eine Gefahr vorliegt. Glauben Sie nicht, dass die Hersteller auch daran gedacht haben?!
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Collision Prevention Assist

...heißt das neue, radargestützte System, das abgelenkte Fahrer vor einem Auffahrunfall schützen soll. Registriert die Elektronik eine drohende Kollision, schlägt sie akustisch und optisch Alarm und versetzt die Bremsen in Habacht-Stellung. Sobald der Fahrer das Bremspedal betätigt, leitet das System eine Vollbremsung ein und nutzt den Bremsweg bestmöglich aus. Anders als die City-Notbremssysteme im neuen Volvo V40 oder im VW Up ist der Assistent in der A-Klasse nicht für den Stadtverkehr ausgelegt. "Das System arbeitet im Geschwindigkeitsbereich zwischen 30 und 250 km/h, weil es dort viel häufiger zu gefährlichen Situationen kommt", sagt Entwickler Jörg Breuer.


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