Notrufsystem eCall Wenn das Auto SOS funkt

Jährlich sterben Tausende Autofahrer auf Europas Straßen, weil sie nicht schnell genug Hilfe bekommen. Jetzt reagiert die EU: Fahrzeuge sollen künftig mit dem automatischen Notrufsystem eCall ausgerüstet werden. Was bringt der SOS-Sender an Bord?

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Berlin - Aus Sicht der Unfallexperten ist die Entscheidung längst überfällig: Bis zu 2500 Menschenleben, so haben es Studien der EU-Kommission ergeben, könnten jährlich gerettet werden, wenn Autos einen automatischen Notruf absetzen würden, sobald es zu einem Unfall kommt. Das Weltverkehrsforum der OECD geht sogar von einem noch viel größeren Effekt aus. Nach ihren Berechnungen ließe sich die Zahl der Verkehrstoten um zehn Prozent senken - bei rund 40.000 Opfern pro Jahr in ganz Europa wären das rund 4000.

Nun soll es also losgehen. Ab 2015 sollen Neuwagen mit automatischen Notrufsystemen ausgestattet werden. Der sogenannte eCall informiert dann bei Unfällen selbsttätig die Rettungsleitstelle. Die Zeit bis zu deren Eintreffen kann so drastisch reduziert werden, wie Pilotversuche gezeigt haben. In ländlichen Gegenden müsse nur noch halb so lang auf ärztliche Versorgung gewartet werden, schreiben die Experten der EU-Kommissarin Neelie Kroes, im Stadtgebiet verkürze sich die Wartezeit um 40 Prozent.

Das ist viel Zeit, wenn jede Sekunde zählt. In vielen Fällen entscheiden nur Minuten darüber, ob sich ein Unfallopfer am Ende wieder erholt, oder womöglich lebenslang ein Pflegefall bleibt. Wie Zahlen des Traumaregisters belegen, vergehen durchschnittlich 72 Minuten, bis ein Verletzter im Krankenhaus ankommt. 25 Prozent der Betroffenen hätten mit dem Leben davon kommen können, wenn schneller Hilfe vor Ort gewesen wäre.

Technisch stellt die Aufrüstung überhaupt kein Problem dar. Bereits heute arbeiten in modernen Fahrzeugen etliche Systeme, die Informationen über den aktuellen Fahrzeugzustand sammeln und deren Daten im Unglücksfall helfen könnten - die Elektronik des Stabilisierungshelfers ESP zum Beispiel, oder die Airbags. Künftig kommen noch Sicherheitswächter, wie Spurhalte- oder Bremsassistent hinzu. Die Daten, die diese Sensoren bei einem Unfall liefern, sollen im Ernstfall einen automatischen Anruf bei der europaweit gültigen Rufnummer 112 auslösen - auch wenn der Fahrer beispielsweise bewusstlos geworden sein sollte. In kürzester Zeit erfährt die nächstgelegene Rettungsleitstelle dann die genaue Position des Fahrzeugs, dessen Kennzeichen und die Uhrzeit.

Es geht um jede Minute

Theoretisch ist sogar noch viel mehr möglich. Denn weitere Sensoren können auch detaillierte Infos über den Unfallhergang liefern. Die Sitzbelegungserkennung registriert, wie viele Personen möglicherweise betroffen sind, die Daten der Beschleunigungssensoren lassen Rückschlüsse zu, ob der Wagen sich vielleicht überschlagen hat. Im Einzelfall kann der Computer daraus schon eine Prognose ableiten, mit welchen Verletzungen die Notärzte rechnen müssen.

Nach Ansicht des ADAC-Experten Arnulf Thiemel dürfte der Notrufassistent einen ähnlichen Fortschritt für die Verkehrssicherheit bedeuten wie Airbag oder ABS. "Die Einführung von eCall ist überfällig. Die Industrie hat sich seit Jahren schwer damit getan, weil der Zusatzaufwand für sie keinen echten Zusatznutzen bringt", sagte Thomas Strobl, Experte für elektronische Produkte beim ADAC dem "Handelsblatt".

Bis das System seine volle Wirkung entfaltet, dürfte es allerdings noch dauern. Denn nicht nur die Autos, sondern auch die Rettungsleitstellen in den EU-Ländern müssen entsprechend aufgerüstet werden. Die Behörden benötigen Geräte, die den eCall empfangen und auswerten können. Auch die Betreiber der Mobilfunknetze sind gefragt: Sie müssen dafür sorgen, dass die Notrufe im Ernstfall vorrangig durchgestellt werden.

Schwierige Abstimmung

Ein zweites Problemfeld ist die Abstimmung der beteiligten Staaten. Mit von der Partie sind auch die Schweiz, Norwegen, Kroatien und Island. Für die Koordination hat die EU eigens das Projekt HeERO ins Leben gerufen, das bis Ende 2013 einen einheitlichen Standard schaffen soll.

Bislang sind nach Kommissionsangaben nur 0,7 Prozent aller Pkw in der EU mit einem automatischen Notruf ausgestattet. Als einziger deutscher Hersteller bietet BMW seit 2007 ein solches System an. Die Alarmfunktion ist an das Navigationssystem gekoppelt, das in der einfacheren Variante gut 2500 und als "Professional"-Version sogar fast 4000 Euro kostet - hinzu kommen später noch die Gebühren für den Mobilfunkanschluss. Simplere Notrufvarianten gibt es bei Volvo (On Call) sowie bei Citroën (eTouch) und Peugeot (Connect SOS).

Mercedes bot für die S-Klasse ab 1997 eine Zeitlang ein Notrufsystem namens Tele-Aid an, stellte den Dienst aber bald wieder ein. Ab 2012 ist jetzt ein neuer Notrufassistent geplant, der dann mit eCall kombiniert werden kann. Auch Opel und Volkswagen arbeiten an vergleichbaren Systemen. Natürlich haben auch Zulieferer wie Continental und Bosch bereits Blaupausen für eCall-Geräte in der Schublade.

Wenige Nachrüstmöglichkeiten für ältere Fahrzeuge

Für Besitzer von Gebrauchtwagen sieht es dagegen schlechter aus. Gerade ältere Fahrzeuge verfügen noch nicht über die erforderliche Sensorik, um die gewünschten Daten zu liefern. Trotzdem bemühen sich einige Anbieter, zumindest ein einfacher aufgebautes System anzubieten. Wer ein iPhone besitzt, kann sich eine entsprechende App herunterladen, die im Notfall die Ortung ermöglicht. Nachteil: Man muss nach einem Unfall in der Lage sein, den Knopf noch selbst zu drücken.

Etwas ausgefeilter ist dagegen eine kleine Blackbox, die die Provinzial Rheinland seit Juni anbietet. Das Gerät ist mit einem eigenen Crash-Sensor und mit GPS-Technik ausgerüstet. Im Falle eines Unfalls alarmiert der Apparat die nächstgelegene Rettungsstelle. Daten über den Unfallhergang liefert er zwar nicht in dem Umfang mit, wie die mit der kompletten Sensor-Armada gekoppelten Versionen. Doch für ein Bewegungsprofil der letzten 60 Sekunden vor und 30 Sekunden nach dem Unfall reichen die Daten aus. Der Kunde hat auch nach einem Unfall noch den Zugriff auf die Daten - allerdings auch nur er. Der Versicherer oder der eingeschaltete Dienstleister nicht. Außerdem, so Marketingleiter Joachim Zech, ist er problemlos mit eCall zu kombinieren.

Anders als die geplanten eCall-Systeme kostet der Assistent im Rahmen eines Drei-Jahres-Vertrags knapp zehn Euro pro Monat. Dass die Gebühr mögliche Kunden abschrecken könnte, ist natürlich auch der Provinzial klar. Sie erleichtert die Entscheidung deshalb mit einem Rabatt von zehn Prozent für die Kaskoversicherung.

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insgesamt 111 Beiträge
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Seite 1
haemoride 08.09.2011
1. Sos
Zitat von sysopJährlich sterben Tausende Autofahrer auf Europas Straßen, weil sie nicht schnell genug Hilfe bekommen. Jetzt*reagiert die EU: Fahrzeuge sollen künftig mit dem automatischen Notrufsystem eCall ausgerüstet werden. Was bringt der SOS-Sender an Bord? http://www.spiegel.de/auto/aktuell/0,1518,785143,00.html
Dient wohl eher der Überwachung !
MaxMatthias 08.09.2011
2. Ungeahnte Möglichkeiten
Besonders gefällt mir der EU Plan Ecall per Airbag auszulösen. Da müssen die Freaks gar keine Autos mehr anstecken um die Polizei zu beschäftigen.
Rhywden, 08.09.2011
3. Äh.
Zitat von MaxMatthiasBesonders gefällt mir der EU Plan Ecall per Airbag auszulösen. Da müssen die Freaks gar keine Autos mehr anstecken um die Polizei zu beschäftigen.
Ja. Ist ja nicht so als ob das durch eine simple Abfrage: "War der Wagen in Bewegung?" zu verhindern wäre...
Wayne88 08.09.2011
4. xxx
Zitat von haemorideDient wohl eher der Überwachung !
Denke ich auch, der tolle Nebeneffekt dieser Technologie ist, daß man Autofahrer hübsch orten kann. Und wo man was orten kann ist auch die Behörde nicht weit, die diese Daten auf Vorrat speichert. Und Firmen, die Bewegungsprofile zu Werbezwecken oder sonstwas erstellen. Worum es garantiert in erster Linie NICHT geht ist das Retten von Menschenleben. Denn wenn es so wäre, dann würde die EU zum Beispiel mal Grenzwerte für Blei in Kinderschmuck festlegen: http://www.wdr.de/tv/monitor/presse/2010/101209_1.php5 Oder die Sanierung öffentlicher Gebäude wie z.B. Schulen mit giftigen Baustoffen verbieten: http://www.heute.de/ZDFheute/inhalt/5/0,3672,8317157,00.html Oder oder oder.
clr1 08.09.2011
5. Notruf
gibt es bei BMW schon seit Jahren. Im Augenblick zwar nur beim Connected Drive Assist, also kostenpflichtig. Finde ich positiv, dass dieses System nun serienmäßig in alle FZG kommt.
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