Nürburgring Circus Maximus des Motorsports

Der Nürburgring ist die spektakulärste Rennstrecke der Welt: Hier wurden glänzende Sieger gefeiert - und zahlreiche Tote betrauert. Vor 80 Jahren wurde der extrem schwierige Parcours eröffnet - ein Rückblick auf tollkühne Fahrer, Nazi-Rennen und tragische Crashs.

Von Jürgen Pander


Nürburgring - in Rennfahrerohren klingt dieser Name ebenso verheißungsvoll wie furchteinflößend. "Er heißt ja auch 'grüne Hölle', das sagt eigentlich alles", meint der langjährige Rennfahrer Joachim Winkelhock. Und der dreimalige Formel-1-Weltmeister Jackie Stewart, der eben jener grünen Hölle dreimal als Sieger entkam, fand folgende Formulierung: "Diese Strecke ist wie ein vielgliedriges Ungeheuer. Mir gefällt sie am besten, wenn ich an Winterabenden an einem Kaminfeuer sitze und nur darüber nachdenke."

Wenn die Formel-1-Piloten am 22. Juli wieder in ihren Rennwagen sitzen und über die Eifelpiste jagen, wird das mit der grünen Hölle allerdings nicht mehr viel zu tun haben. Seitdem im Mai 1984 ein komplett neu gebauter Grand-Prix-Kurs eröffnet wurde, gibt es den Nürburgring nämlich gleich zweimal: als moderne Rennstrecke, auf der Alonso, Heidfeld und Co. ihre Hightech-Autos über den Kurs zirkeln, und als klassische Nordschleife durch die Vulkanlandschaft bei Adenau, die vor 80 Jahren eröffnet wurde und seither als Maßstab für Fahr- und Ingenieurskunst gilt.

3000 Arbeiter schufteten an der Strecke

Der legendäre Kurs schlängelt sich über 20,8 Kilometer durch die waldreiche Gegend, ein Labyrinth mit 33 Links- und 40 Rechtskurven, mit bis zu 17-prozentigen Steigungen und bis zu 11-prozentigen Gefällen, mit einem Höhenunterschied von zirka 300 Metern und mit Streckenabschnitten, deren Namen Eingang in die PS-Poesie gefunden haben: Karussell, Fuchsröhre, Hohe Acht, Brünnchen, Wippermann, Schwedenkreuz oder Schwalbenschwanz.

Dabei war der "Nürburg-Ring" – anfangs schrieb man die "Erste Gebirgs-, Renn- und Prüfstrecke" noch mit Bindestrich – primär gar kein Motorsport-, sondern ein Wirtschaftsförderungsprojekt. Denn der Kreis Adenau gehörte zu den ärmsten in Deutschland, und der 1925 ins Amt gekommene Verwaltungschef Otto Creutz hielt es für eine gute Idee, die bereits von seinem Vorgänger Erich Klausener ins Spiel gebrachten Pläne für eine dauerhafte Rennstrecke in der Region tatsächlich umzusetzen. So wurde der Bau des "Nürburg-Rings" in das "Große Notstandsprogramm" der Reichsregierung aufgenommen.

Die Grundsteinlegung erfolgte am 27. September 1925. In den folgenden gut eineinhalb Jahren schufteten bis zu 3000 Arbeiter an der Strecke, die sich wie ein graues Band durch die Eifellandschaft legte, immer in der Nähe der Basaltsteinbrüche, die einen Großteil des Baumaterials lieferten. Gebaut wurde ein dreiteiliger Kurs, der aus Nordschleife, Start- und Zielschleife sowie der Südschleife bestand. Berühmt-berüchtigt allerdings wurden nur die knapp 21 Kilometer der Nordschleife, auf denen sich bis heute Tragödien und Triumphe abspielen – und immer wieder auch tödliche Unfälle.

2,5 Millionen Reichsmark waren für den Bau der Rennstrecke veranschlagt worden, knapp 15 Millionen kostete sie schließlich. Ein Umstand, der die Nürburgring-Gesellschaft von Beginn an in eine finanzielle Notlage brachte und immer wieder Staatszuschüsse nötig machte. Der Plan jedoch, mit dem Ring die Wirtschaftslage der Region zu verbessern, ging auf. Bereits im ersten Jahr strömten Hunderttausende von Besuchern an die Strecke – und ringsum blühten Gaststätten und Hotels auf. Am Eröffnungswochenende am 18./19. Juni 1927 fand zunächst ein Motorrad-, am Sonntag dann das erste Autorennen statt. Es gewann Rudolf Caracciola auf Mercedes S.

Spektakel von fast antiken Dimensionen

Im Monat darauf wurde die Radweltmeisterschaft auf dem "Nürburg-Ring" ausgetragen, die der Italiener Alfredo Binda gewann. Im ersten Winter wurden auf der Strecke drei Rodel- und Bobbahnen angelegt, so dass eine Ganzjahrsnutzung der Anlage für dauerhaften Publikumsverkehr sorgte.

Die Besucher kamen, weil ihnen ein Spektakel von beinahe antiken Dimensionen geboten wurde in diesem Circus Maximus des Motorsports. Beim Großen Preis von Deutschland des Jahres 1928 triumphierten erneut Mercedes-Piloten – und es gab den ersten Toten auf der Strecke. Der tschechische Bugatti-Fahrer Vincenz Junek verunglückte auf dem Pistenabschnitt "Bergwerk". Immer, wenn ein Rennen auf dem Nürburgring gestartet wurde, wurde es lebensgefährlich für die Fahrer. Denn die Länge und die Linienführung machten es außerordentlich schwer, sich die exakten Bremspunkte einzuprägen, die Tücken der Kuppen und Kehren stets richtig einzuschätzen und das Auto sicher und schnell zugleich über diesen schmalen Grat aus Asphalt zu manövrieren. Dazu kommen die Wetterkapriolen, die den Nürburgring noch heute besonders tückisch und wechselhaft machen.



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