Nürburgring Nordschleife Ein Greenhorn in der grünen Hölle

Rennfahrern gilt die Nordschleife des Nürburgrings als schwierigste Rundstrecke der Welt. Die 20,8 Kilometer und 73 Kurven, die selbst Profis Respekt einflößen, stehen regelmäßig auch Amateuren offen. SPIEGEL ONLINE wagte den Selbstversuch in der "Grünen Hölle".


Die Raserei beginnt in einer Tempo-30-Zone: Wer zum "freien Fahren" auf die Nordschleife des Nürburgrings startet, der muss bei der Zufahrt erst einmal dem Lärmschutz und den Nachbarn Rechnung tragen. Aber uns kommen die paar hundert Meter Tempolimit gerade recht. Schließlich sind sie für die nächsten 20 Kilometer die letzte Begrenzung und damit zugleich die letzte Gelegenheit, vielleicht doch noch den Blinker zu setzten, rechts ran zu fahren und das Ganze einfach bleiben zu lassen. Muss man wirklich alles mitmachen, sich überall beweisen?

Wilde Hatz: In 73 Kurven um die legendärste Rennstrecke der Welt

Wilde Hatz: In 73 Kurven um die legendärste Rennstrecke der Welt

Aber so ist das nun mal mit der Gruppendynamik. Nachdem man eben noch im Fahrerlager groß getönt, mutig seinen Helm gefasst und zielstrebig das hurtigste Modell aus der bereit gestellten Opel-OPC-Flotte gewählt hat, kann man jetzt nicht mehr kneifen. Die Hände packen das Lenkrand. Für  exakt 20 832 Meter, 33 Links- und 40 Rechtskurven werden wir einfach den Instinkten vertrauen, dem bisschen fahrerischen Geschick und vor allem den Fähigkeiten von Joachim Winkelhock, der drei Autos weiter vorne den Führer gibt und wissen wird, was er seinem Anhang zutrauen darf.

Das war die Tempo-30-Zone, für tiefsinnige Gedanken bleibt keine Zeit mehr. Jetzt gilt die gesamte Aufmerksamkeit der Rennstrecke, die sich in schier endlos vielen Kurven und Kehren über Berg und Tal durch die Eifel schlängelt. Die Augen immer auf der Ideallinie, den Fuß tief rechts unten jagt man dem Vordermann hinterher. Mit einem Tempo, das  man sich ohne Führungsfahrzeug kaum zugetraut hätte, fliegt man mit 120, 160 oder 180 Sachen über Streckenabschnitte, die draußen im Lande sicher auf 60 oder 80 km/h eingebremst wären. Die Tatsache, dass einem hier kein Gegenverkehr begegnen wird, ist nur ein kleiner Trost.

Eine Runde durch die "Hölle" kostet 16 Euro

Auf der Nordschleife tummeln sich nicht nur blutige Anfänger und Vollgas-Verrückte, die jede freie Minute und jeden verfügbaren Euro in ihre persönliche Bestzeit investieren. 16 Euro kostet eine Runde, 798 Euro das Jahresticket. Gelegentlich werden auch noch Rennen auf dem alten Kurs gefahren. Außerdem nutzen Automobilhersteller aus aller Welt die 1927 eingeweihte "Erste Gebirgs-, Renn- und Prüfungsstrecke" zu Testfahrten und zur Fahrwerksabstimmung künftiger Modelle.

Während Führungsfahrer Winkelhock munter wie ein Reiseführer in sein Funkgerät plaudert, haben wir alle Hände voll zu tun. Der Puls rennt mit dem Drehzahlmesser um die Wette, die ersten Schweißtropfen kullern unterm Helm hervor, und der Blick verengt sich zu einem schmalen Tunnel. Informationen am Streckenrand nimmt man allenfalls aus den Augenwinkeln wahr. Vorbei fliegen Schilder mit den klangvollen Namen legendärer Passagen wie "Brünnchen", "Fuchsröhre", "Hohe Acht", "Karussell" oder "Schwalbenschwanz". Die Spuren der Einschläge in den spärlichen Leitplanken, die vom verlorenen Kampf gegen Fliehkraft und Seitenführung zeugen, ignoriert man besser, und die Graffiti auf der Strecke kann man ohnehin kaum lesen. Aber warum um Himmels Willen stehen auf einer Rennstrecke Halteverbotsschilder?

Hemmungslos auf grüne Wände zustürzen

Solche Fragen blitzen immer nur ganz kurz auf, während dieser ungewöhnlichen Fahrt. Zeit zum Überlegen bleibt sowieso nicht. Der einzige Fixpunkt ist die Stoßstange des Vordermanns. Wenn einem der enteilt, ist es um die Orientierung geschehen. Denn nur selten ist eine Kurve oder gar ein längeres Stück gut einsehbar. Die Regel sind Kurven vor grünen Wänden, auf die man hemmungslos zufährt, und hohe Kuppen, hinter denen die Welt zu Ende scheint. Erst auf der "Döttinger Höhe" kann man endlich entspannen. Schließlich beginnt dort, am Ausgang des "Galgenkopfes" bei Kilometer 17, die lange und zugleich einzige Gerade der Strecke. Außerdem folgen dort am Ende die Ausfahrt und die Tempo-30-Zone, die wir uns redlich verdient haben: Geschafft, das Greenhorn hat die "grüne Hölle" bezwungen.

Zwar schaut man nach der Runde stolz auf den Bordcomputer und freut sich über eine Durchschnittsgeschwindigkeit von knapp 100 km/h und einen Umlauf in weniger als einer Viertelstunde. Doch schmilzt der Stolz schnell dahin, wenn man danach mit einer Apfelschorle am Streckenrand sitzt, und die ewige Bestenliste studiert. Kaum zu glauben, dass Stefan Bellof hier 1983 einen Schnitt von 194 km/h erreichte und seitdem mit einer Zeit von 6:25 Minuten einen nie mehr erreichten Rundenrekord hält. Spätestens jetzt wirkt der eben noch also so wild und kühn empfundene Ausritt durch die Eifel wie eine Spazierfahrt.

Mehr zum Thema


© SPIEGEL ONLINE 2006
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.