Öko-IAA Grüner wird's nimmer

18 Öko-Mercedes, ein Hybrid-Porsche, Spritsparen mit Audi und BMW: Deutschlands Autobauer wollen bei der IAA ihre Modellpalette durch eine grüne Offensive rehabilitieren. Schon fürchten die ersten Kritiker, dass der Fahrspaß verloren geht.

Von Jürgen Pander


Platzhirsche, so wie sie keiner kennt: Mercedes-Chef Dieter Zetsche hat für die Internationale Automobil-Ausstellung (IAA) eine Öko-Armada von 18 umweltfreundlichen Modellneuheiten avisiert. BMW-Lenker Norbert Reithofer wird unter dem Slogan Efficient Dynamics für Spritspartechniken werben. Audi-Vorstand Rupert Stadler stellt dem neuen A4 unterdessen eine Sparversion zur Seite - und Porsche-Boss Wendelin Wiedeking zeigt in Frankfurt gar den durstigen Geländewagen Cayenne mit ökologisch korrektem Hybridantrieb.

Letzterer ist zwar noch Zukunftsmusik, doch das ändert nichts am Kern der Botschaft: Die deutschen Autohersteller wollen sich nicht länger von französischer Rußpartikel-Avantgarde und dem japanischen Hybrid-Vorreiter Toyota als Umweltignoranten vorführen lassen. Schon gar nicht auf heimischem Terrain.

Kein deutscher Hersteller will sich auf der 62. IAA, die vom 13. bis zum 25. September stattfindet, in Sachen Umwelt eine Blöße geben. VW zeigt erstmals den spritsparenden Golf Bluemotion, Opel stellt neue Eco-Flex-Sparvarianten vor und Ford startet die Eco-Nic-Reihe mit dem Kompaktwagen Focus. Dessen Dieselmotor verbraucht im Schnitt 4,3 Liter und stößt pro Kilometer lediglich 115 Gramm CO2 aus.

Es scheint, als hätte die heimische Fahrzeugindustrie ihre Lektion gelernt, doch die Öko-Offensive birgt auch Gefahren. Vor allem die sogenannten Premium-Marken - also Audi, BMW, Mercedes und Porsche - leben nicht von einem tadellosen Umwelt-Image, sondern zuvorderst von Ruf, leistungsstarke und luxuriöse Autos zu bauen. "Meine Befürchtung ist, dass Besucher und Aussteller nur das eine Thema - nämlich Umwelt, Umwelt, Umwelt - im Kopf haben, und das wäre sehr schade", sagt Analyst Nick Margetts vom Marktbeobachter Jato Dynamics.

"Erst einmal umwelfreundliche Geräusche machen"

Die Industrie habe nämlich auch "in anderen Bereichen, etwa der Motorentechnik, große Fortschritte gemacht", findet Margetts. Allerdings vermutet der Branchenkenner auch, dass hinter so manchem Öko-Slogan kaum Substanz steckt. "Für viele Unternehmen heißt es erst einmal abwarten und umweltfreundliche Geräusche machen", sagt er.

Willi Diez, Automobilwirtschaftler an der Hochschule Nürtingen, erwartet gerade von den deutschen Herstellern den Versuch, "einen Spagat zwischen Sparkonzepten und Emotionalität hinzubekommen". Vor gut zwei Jahrzehnten habe das Thema Umwelt schon einmal die IAA dominiert - das Problem hieß damals Waldsterben, die propagierte Lösung Katalysator. "Das ebbte irgendwann wieder ab, doch diesmal ist es anders", sagt Diez. "Der Klimawandel ist für jeden nachvollziehbar, deshalb rückt die CO2-Problematik derart in den Vordergrund. Wenn die Verbrauchswerte der Autos sinken, wird sich das zwar wieder beruhigen - aber es wird nicht mehr weggehen."

Grüne erstmals mit eigenem Stand auf der IAA

Dafür wollen auch die Grünen sorgen. Erstmals ist deren Bundestagsfraktion auf der IAA vertreten, mit einem 32 Quadratmeter großen Stand im Obergeschoss der Halle 4. Man suche das Gespräch mit der Autoindustrie und den Messebesuchern, heißt es aus Berlin. Fritz Kuhn, der Fraktionsvorsitzende der Partei, will mehrere Termine auf der IAA wahrnehmen. Er drückt es so aus: "Wir wollen den Schlafmützen in der deutschen Autoindustrie Dampf machen. Es ist ein Trauerspiel, wenn nur ein deutsches Fahrzeug unter den Top Ten der VCD-Auto-Umweltliste landet. Öko muss Serie werden und darf nicht länger teure und exotische Sonderausstattung sein."

Selbst der bisher als ökoresistent geltende Verband der Deutschen Automobilindustrie (VDA) steuert um. Der neue Präsident Matthias Wissmann, ehemals Verkehrs- und Forschungsminister der CDU, setzt auf Innovation. Die Autolobbyisten sind offenbar zu der Einsicht gelangt, dass ein stures Festhalten an Pkw-Konzepten aus dem vergangenen Jahrhundert keine kluge Strategie ist, um den Erfolg der deutschen Autohersteller und die hiesigen Arbeitsplätze zu sichern. Der VDA-Wettbewerb für Nachwuchsdesigner, dessen Preisträger auf der IAA bekannt gegeben werden, trägt das Motto: Nachhaltigkeit emotional gestalten.

Auf der Kartbahn gewinnt der Sparsamste

Der Drang zur Ökologisierung schlägt sich auch im Publikumsprogramm nieder. So bietet der VDA ein Training an, bei dem Besucher Tricks zum umweltschonenden Autofahren lernen können. Außerdem führt ein sogenannter Ökopfad durch die Messehallen, vorbei an den wichtigsten Innovationen zur CO2-Reduzierung. In einer Bio-Fuel-Bar sollen Öko-Drinks serviert werden. Und auf der IAA-Kartbahn gewinnt in diesem Jahr nicht mehr derjenige, der am schnellsten fährt - sondern der Spritsparendste. Die Rennen laufen unter dem bizarren Label CO2-Cup.

Manch altgedienter Auto-Manager fremdelt ein wenig. Ist das noch die gute alte IAA? Die Messe, auf der Chrom blitzt, dicke Schlitten im Scheinwerferlicht glänzen, leichtbekleidete Models um martialische Sportwagen flittern und sich erwachsene Männer um geöffnete Motorhauben versammeln wie Büffel ums Wasserloch?

VDA-Präsident Wissmann versichert allen, die der Dringlichkeit der Verkehrs- und Umweltprobleme am liebsten davonrasen würden: "Auf der IAA geht es eben nicht nur um Umweltschutz, sondern mindestens ebenso um faszinierende Fahrzeugpremieren und die Freude am Auto."

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