Oldtimer-Bergrennen in Kassel Jubilare beim Gipfelsturm

Die Kassler Berge - ein Autobahnabschnitt der A7 - sind berüchtigt für die sogenannten Elefantenrennen der Lkw. Es gibt aber auch richtigen Motorsport dort. Alle zwei Jahre findet ein Oldtimer-Bergrennen im Park Wilhelmshöhe statt. Jetzt ist es wieder so weit.


Dies ist der größte Bergpark Europas und ein heißer Kandidat für einen Platz auf der Unesco-Weltkulturerbe-Liste. Früher stand der grüne Hügel am Fuß des Kasseler Herkules weniger für Ruhe und Beschaulichkeit, als für röhrende Motoren, quietschende Reifen und Raserei. Denn lange bevor die internationale PS-Elite ihre Meisterschaften auf der Avus in Berlin oder dem Nürburgring ausfuhr, jagte sie beim Bergpreis von Kassel dem Herkules entgegen. Von 1923 bis 1927 startete hier alles, was Rang und Namen hatte: Rudolf Caracciola, Karl Kappler, Carl Jörns und Fritz Rosenberger waren die Stars auf der bis zu 18 Prozent steilen Stichstrecke. Erst als die Zuschauer mehr zu Rundstreckenrennen pilgerten, kehrte im Bergpark Wilhelmshöhe Ruhe ein.

"Nach dem Krieg wurde das Bergrennen zwischen 1951 und 1954 noch einmal als Motorradveranstaltung aufgelegt", erinnert sich Motorsportenthusiast Heinz Jordan. Und immerhin habe der damalige Mercedes-Sportchef Alfred Neubauer die da schon im Kreis geführte Strecke damals mit drei 300 SLR getestet, ob sie nicht doch für Autorennen taugt. "Aber die nötigen Umbauten waren der Stadt wohl zu teuer. Und als dann auch noch die Bundesgartenschau in den Bergpark kam, war es mit dem Rennen endgültig vorbei."

Doch mehr als 50 Jahre nach dem Abwinken des letzten Rennens haben Privatleute um Heinz Jordan eine Neuauflage durchgeboxt und im Jahr 2005 zum ersten Mal wieder die Startflagge geschwenkt. "Da kamen 20.000 Zuschauer an die Strecke", erinnert sich der Initiator. 2007 waren es schon 50.000 Gäste, und wenn an diesem Wochenende die 60 Oldtimer und 30 historischen Motorräder genug Fans locken, könnte der Bergpreis zum bestbesuchten Oldtimer-Rennen der Republik werden, sagt Jordan stolz.

Am liebsten sind den Organisatoren alte Originalautos

Zwar dürfen im Prinzip alle Autos mitfahren, die älter als 30 Jahre sind. "Doch wir sortieren das Starterfeld schon", räumt Jordan ein. "Und wir schauen, dass immer auch Originalautos von damals dabei sind." Im Mittelpunkt des diesjährigen Rennens steht die Marke Bugatti, die 2009 ihr 100-jähriges Bestehen feiert. Aus diesem Grund, und weil Kassel über die französische Partnerstadt Mulhouse gute Kontakte in die Bugatti-Heimat Elsass hat, konnten die Initiatoren ein knappes Dutzend PS-Pretiosen aus der legendären Sammlung Schlumpf loseisen und diese in der Documenta-Halle präsentieren.

"Das kostete viel Überredungskunst und ist eine kleine Sensation", sagt Jordan, "denn in den letzten 50 Jahren haben diese Autos das Museum nie verlassen. Und die allermeisten sind sogar Prototypen und damit Einzelstücke." Kein Wunder, dass Jordan den Wert der Exponate im zweistelligen Millionenbereich taxiert.

Noch bis zum Donnerstag stehen unterhalb des Friedrichplatzes eine Reihe der rarsten Renner aus der an Edelfahrzeugen ohnehin nicht armen Bugatti-Geschichte. Der geniale Konstrukteur Ettore Bugatti baute nach seinem Rauswurf bei Deutz in Köln bis zum Zweiten Weltkrieg nicht einmal 8000 Autos, doch viele von diesen gehören heute zu den edelsten Oldtimern der Welt.

Bugatti-Raritäten für Kenner und Genießer

Unter den Kasseler Schaustücken sind unter anderem der wunderschöne Typ 64 von 1939, mit dem Ettores Sohn Jean noch kurz vor seinem tödlichen Unfall bei einer Testfahrt unterwegs war. Außerdem ein 1936er Cabrio vom Typ 50, das Reifenmagnat Pierre Michelin mit dunkelblauer Karosserie und hell abgesetzter Motorhaube bestellte, sowie, als ältestes Auto der Schau, ein offener Typ 23 mit Holzkarosserie aus dem Jahr 1914.

Ein aktueller Veyron ist natürlich auch ausgestellt. Zwar hat er bis auf den Namen und den hufeisenförmigen Kühlergrill so gar nichts mehr gemein mit den Klassikern, doch ist es diesem Modell und dem Engagement von VW-Patriarch Ferdinand Piëch zu verdanken, dass die Marke überhaupt wieder in Erinnerung gerufen wurde. Denn die Wiederbelebungsversuche des italienischen industriellen Romano Artioli mit dem EB 110 in den achtziger und neunziger Jahren gingen gründlich daneben.

Für den Veyron ist die Strecke wohl nicht zu schaffen

1001 PS stark, 406 km/h schnell und 1,19 Millionen Euro teuer, stellt der aktuelle Supersportwagen die Oldtimer in diesen Papierkategorien in den Schatten. Doch während die allermeisten Klassiker der Bugatti-Ausstellung am Wochenende auch beim Bergrennen an den Start gehen, hat der Bolide der Neuzeit vermutlich Stubenarrest. "Wir wissen noch nicht, ob er die Strecke schafft", sagt Jordan mit Blick auf die engen und bisweilen holprigen Wege am Fuße des Herkules. Die alten Bugattis dagegen dürften mit großen Rädern und mehr Bodenfreiheit als manch aktueller Geländewagen mühelos durch die Serpentinen zum Gipfel stürmen.

Für die meisten von ihnen ist der etwa vier Kilometer lange Rundkurs im idyllischen Park buchstäblich Neuland. Doch der weiße Bugatti Typ 35 mit der Startnummer 26 hat hier quasi ein Heimspiel: Mit dem 140 PS starken und 215 km/h schnellen Roadster hat Vorkriegs-Schumi Karl Kappler das Rennen des Jahres 1927 gewonnen.



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