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Oldtimerprojekt Brutus: Rennauto mit Flugmotor

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Ein paar alte Bauteile, Konstruktionszeichnungen und ein kolossaler Motor mit 46 Litern Hubraum - mit viel Hingabe zimmerten der Technik-Historiker Hermann Layher und sein Team einen Rennwagen nach alten Vorbildern. Das Ergebnis ist ebenso atemberaubend wie ohrenbetäubend.

Oldtimerprojekt Brutus: Das Auto der Extreme Fotos
Tom Grünweg

Ein tiefes Grollen malträtiert das Trommelfell, der Boden vibriert, schwarze Rauchwolken verdunkeln die Sonne. Armageddon? Keineswegs. Als sich der Qualm verzieht, kommt Hermann Layher zum Vorschein, der Chef de Auto- und Technikmuseums Sinsheim und Speyer. Layher sitzt in einem einzigartigen Oldtimer und hat die scheinbare Apokalypse soeben mit seinem Gasfuß ausgelöst. Brutus heißt das schwarze Auto, dessen älteste Teile vor mehr als hundert Jahren zusammengefügt wurden und das noch immer jeden aktuellen Sportwagen aussticht. Mit 46 Liter Hubraum, zwölf Zylindern, 750 PS und urgewaltigen 10.000 Nm Drehmoment.

Dass es diesen Wagen gibt, ist einer Kette von Zufällen und verrückter Launen zu verdanken. Am Anfang des Projekts stand ein alter BMW-Flugmotor vom Typ VI, wie er ab 1925 für Kampfflugzeuge oder die Flugboote von Dornier produziert wurde. So erklären sich auch die gewaltigen 46 Liter Hubraum, die für ein Auto schier unvorstellbar sind. Jeder einzelne Zylinder verfügt über mehr Volumen als zwei komplette VW-Golf-Motoren. "Der Motor stammt von einem Flugzeug aus dem spanischen Bürgerkrieg und lag Jahrzehnte auf einem Schrottplatz", sagt Manfred Fink von der Werkstatt des Museums. Dort wurde das zwei Meter lange Stahlgebirge peu à peu aufbereitet. "Je tiefer wir in die Technik vorgedrungen sind, desto größer war die Überraschung. Für sein Alter war der Motor verdammt gut in Schuss."

Nach rund vier Jahren Schrauberei sprang die gewaltige Maschine erstmals wieder an. "Nach zwei Minuten war die Werkstatt völlig vernebelt und nach fünf Minuten stand die Feuerwehr vor der Tür", berichtet Finks Kollege Jörg Holzwart. Das war der Moment, in dem das Projekt Brutus geboren wurde. "Schlagartig wurde uns klar, dass man so einen Motor nicht aufbocken und einfach ins Museum stellen darf. Der muss in ein Auto und fahren", sagt Layher.

Dahersagen lässt sich so etwas schnell. Das Umsetzen ist das Problem. Layher allerdings verfügt über die Werkstatt, den nötigen Fundus an Teilen und die passenden Basisfahrzeuge dazu. Als Motorträger wurde das Chassis eines American-La-France aus dem Jahre 1908 ausgewählt. Da klingt nach Frevel, ist aber historisch korrekt. Denn nach dem ersten Weltkrieg, als es in Deutschland zwar viele Motoren gab, aber keine Flugzeuge mehr erlaubt waren, wurden nach diesem Muster zahlreiche Rennwagen konstruiert. Fahrgestell, Flugmotor plus Karosserie drumherum - fertig war das Auto.

Vor allem die Kühlung des gewaltigen Motors war ein Problem

Ganz so einfach war die Konstruktion in diesem Fall nicht. Zwar waren rasch Spezialisten zur Stelle, um die passenden Holzräder mit Vollgummireifen zu bauen oder die Alubleche über den Holzrahmen zu dengeln. Doch wie der Motor angelassen und danach gekühlt werden sollte, das bereitete den Mechanikern einiges Kopfzerbrechen. Die Maschine ist einfach sehr groß, sehr stark und sie wird sehr heiß. Die Lösung für den Anlasser ist ein Schwungrad, das zunächst rasant beschleunigt werden muss, und für die Kühlung kommen elektrische Zusatzkühler zu Einsatz. "Wasser allein reicht nicht, das verkocht schneller, als wir nachfüllen können", sagt Fink.

Acht Jahre, nachdem die Mechaniker zum ersten Mal Hand an den Zwölfzylinder-Motor gelegt hatten, startet die Maschine zusammen mit dem komplett neuen Oldtimer zur Jungfernfahrt. Den Korken der Champagnerflasche, mit der Layhers Mitarbeiter danach feierten, trägt der Wagen wie einen Orden an der Motorhaube.

Jetzt gehört das Extremauto Brutus zu den Stars des Museums. Vor allem, wenn der Wagen, am kommende Wochenende beim so genannten Brazzel-Tag in Speyer, nicht nur brav dasteht, sondern in Aktion tritt. Dann sieht man, wie sich die Ventile, die große wie Getränkedosen sind, auf den riesigen Zylindern bewegen und der Motor unter ohrenbetäubendem Lärm auf Touren kommt. Schon bei weniger als 1500 Umdrehungen pro Minute erreicht der BMW-Motor die maximale Startleistung von 750 PS. "2000 Touren war die Sturzkampfdrehzahl, das Höchste, was man dem Motor zumuten durfte", zitiert Fink aus einem alten Handbuch, in dem auch der Verbrauch definiert ist: 28 Gramm pro PS und Stunde. Umgerechnet also etwa 60 bis 80 Liter je 100 Kilometer.

Mit der Auspuffhitze lassen sich auch Würstchen grillen

Schon im Leerlauf macht Brutus mehr Spektakel als ein Sportwagen bei Vollgas: Aus dem Krümmer schlagen Feuerzungen und im ofenrohrgroßen Auspuff glüht die Luft. Wie stark die Hitze ist, beweisen die Mechaniker eindrucksvoll mit einem maßgeschneiderten Grill, der sich unters Auspuff-Endrohr schieben lässt. Ein paar Gasstöße, schon sind die Würstchen heiß und knusprig.

Ein Erlebnis ganz besonderer Art ist es aber auch, den Brutus zu fahren. Der Kitzel beginnt schon, wenn man sich darüber klar wird, dass man sein Leben einer knapp fünf Meter langen Aluminium-Zigarre anvertraut, die vorn aus einem Berg von Motor und hinten aus einem See von Benzin besteht. Auch Layer und die Mechaniker sind vorsichtig, wenn sie das riesige Lenkrad vor die Brust nehmen und mit den außen angeschlagenen Schaltstangen den ersten Gang einlegen. "Wenn man mit der Kupplung nicht ganz, ganz sachte umgeht, dann würde es den Wagen wohl zerreißen", warnt Fink. Wie schnell Brutus fahren kann, hat noch keiner ausprobiert. Ein kaltblütiger Museumsskollege aus England trieb den Brutus auf Tempo 200. "Da hatte der Kollege aber erst seine Grenze erreicht, der Brutus war noch weit von seiner entfernt", erinnert sich Layher.

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1. Eine Null zu wenig
genezyp kappen 05.05.2011
---Zitat--- zitiert Fink aus einem alten Handbuch, in dem auch der Verbrauch definiert ist: 28 Gramm pro PS und Stunde. ---Zitatende--- Da ist wohl dem unkundigen Autor eine Null abhanden gekommen. 280 g/(PS*h) wären wohl etwas korrekter.
2. .
Seska Larafey 05.05.2011
Was ist den die Theoretische Höchstgeschwindigkeit für diesen "Flugzeug Motor"? Ab wie viel KM/H hat man genug Auftrieb um vom Boden abzuheben, und sicherlich noch viel mehr, wenn es auf Maximale 2000 Umdrehung geht. Weia. Hält das überhaupt das Chais aus? Sollte man nicht ein kleinen "Windschutzscheibe" einbauen? :) Der arme Kopf des Fahrers. der wird auch im Sommer kalt um die Nase :)
3. je nachdem...
gilbrator 05.05.2011
Zitat von Seska LarafeyWas ist den die Theoretische Höchstgeschwindigkeit für diesen "Flugzeug Motor"? Ab wie viel KM/H hat man genug Auftrieb um vom Boden abzuheben, und sicherlich noch viel mehr, wenn es auf Maximale 2000 Umdrehung geht. Weia. Hält das überhaupt das Chais aus? Sollte man nicht ein kleinen "Windschutzscheibe" einbauen? :) Der arme Kopf des Fahrers. der wird auch im Sommer kalt um die Nase :)
hängt ganz von der Karosserie/Spoiler/Tragfläche ab..ein Formel-1-Renner auch bei 300km/h plus eher nicht (ganz im Gegenteil, es ist dann noch schwerer als im Stand), ein Fieseler Storch hebt hingegen bei unter 50 km/h...
4. Technische Daten
penogra 05.05.2011
....und urgewaltigen 10.000 Nm Drehmoment. Sorry, aber dieser Drehmomentwert ist quatsch. Selbst heute schaffen Saugmotoren maximal nur etwa 100 Nm pro Liter Hubraum.
5. Die Höchstgeschwindigkeit eines Motors
genezyp kappen 05.05.2011
Zitat von Seska LarafeyWas ist den die Theoretische Höchstgeschwindigkeit für diesen "Flugzeug Motor"? Ab wie viel KM/H hat man genug Auftrieb um vom Boden abzuheben, und sicherlich noch viel mehr, wenn es auf Maximale 2000 Umdrehung geht. Weia. Hält das überhaupt das Chais aus? Sollte man nicht ein kleinen "Windschutzscheibe" einbauen? :) Der arme Kopf des Fahrers. der wird auch im Sommer kalt um die Nase :)
Ein Motor an sich hat keine theoretische Höchstgeschwindigkeit. Diese ergibt sich für ein Auto bei gegebener Antriebsleistung hauptsächlich aus dem Luftwiderstandsbeiwert Cw, multipliziert mit der Stirnoberfläche. Wenn die Fahrwiderstände des Fahrzeuges (bei höheren Geschwindigkeiten vor allem Luftwiderstand) die Antriebskraft ausgleichen, ist die Höchstgeschwindigkeit erreicht. Wenn keine Tragflächen vorhanden sind, hat dieses Auto bei keiner realistischen Geschwindigkeit genug Auftrieb, um vom Boden abzuheben. BTW Kilometer pro Stunde werden abgekürzt mit km/h und nicht mit KM/H. Das habe ich nicht verstanden. Ohne das Chassis auch nur gesehen zu haben, von der Berechnung desselben ganz zu schweigen, ist es sinnfrei, über die Festigkeit zu spekulieren.
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Oldtimer-Info

Brutus

Baujahr Fahrgestell: 1908

Baujahr Motor: 1925

Motor: V12-Flugzeugmotor

Hubraum: 46.930 ccm

Startleistung: 750 PS/550 kW

Dauerleistung: 500 PS/368 kW

Drehmoment: 10.000 Nm



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