Olympia-Gassen in London Straßenblockade wie bei den Sowjets

London ist berüchtigt für seinen Dauerstau, nun droht der Olympia-Kollaps. Schuld sind die Olympic Lanes, für Athleten und Funktionäre reservierte Fahrspuren. Viele Briten wettern gegen die VIP-Straßen. Und die Medien haben einen reißerischen Vergleich parat.

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Wenn Grant Taylor die fünf Olympischen Ringe auf der Straße sieht, kriegt er einen Wutanfall. "Gucken Sie mal hier, gleich zwei Spuren ", sagt der Londoner Taxifahrer. Taylor erregt sich in seinem schwarzen Arbeitsgefährt, während er die Park Lane im Stadtteil Mayfair entlangfährt. Hier liegen viele Luxushotels, in denen die Sportfunktionäre während der Olympischen Spiele absteigen.

Die Park Lane ist Teil des olympischen Straßennetzes. Zwei der vier Spuren sind mit weißen Olympischen Ringen auf der Straße gekennzeichnet. Sie sind ab Mittwochmorgen sechs Uhr für die Wichtigen reserviert. Als wichtig gelten Athleten, die Delegationen der 205 Teilnehmerländer und die akkreditierten Journalisten. Sie sollen über die Spuren schnell zwischen ihren Unterkünften und den Wettkampfstätten hin und her fahren können.

Allen anderen Autofahrern droht eine Strafe von 130 Pfund, wenn sie auf einer der markierten Gassen gesichtet werden. Wer hier parkt, muss sogar 200 Pfund zahlen - plus Abschleppkosten. Auch Radfahrer sind von den Strafen betroffen. Anders, so haben die Planer entschieden, ist der Verkehrsfluss in der notorisch verstopften Metropole nicht zu gewährleisten.

Strenge Regeln in Pink

48 Kilometer solcher VIP-Fahrspuren sind während der 17-tägigen Spiele eingerichtet. Insgesamt ist das olympische Straßennetz sogar noch länger. Auf insgesamt 175 Kilometern quer durch London wurden Ampeln neu getaktet, Barrieren errichtet und neue Abbiegeregeln eingeführt. So sollen die Gäste aus aller Welt dem Londoner Dauerstau entkommen.

Für die gewöhnlichen Autofahrer dürften die Straßen dadurch allerdings erst recht zum Alptraum werden. Taylor, der sich seit 19 Jahren mit seinem Taxi durch die überfüllte Stadt kämpft, prognostiziert Chaos. Vertraute Routen funktionieren auf einmal nicht mehr, veränderte Ampelschaltungen und neue Abbiegeverbote sorgen für Verwirrung. Die Durchschnittsgeschwindigkeit auf manchen Straßen, die schon in normalen Zeiten nur Schritttempo beträgt, dürfte weiter Richtung null sinken.

"Letzte Woche haben wir alle ein Handbuch zu den Olympia-Routen bekommen", sagt Taylor und wedelt mit einem pinkfarbenen Ordner durch die Luft. "Erwarten die, dass wir das in einer Woche durcharbeiten?" Er hat es mal durchgeblättert und entschieden, dass er weiter fährt wie bisher. Wenn er auf ein unerwartetes Hindernis stößt, sucht er sich einen Weg drum herum.

Wie einst das Politbüro

Wie viele andere Taxifahrer fürchtet Taylor erhebliche Umsatzeinbußen. Denn wer im Stau steht, verdient weniger. Am Montag blockierten 50 Cabbies die Tower Bridge und forderten Zugang zu den Olympia-Spuren. Ihr Protest stößt bei der Regierung jedoch auf taube Ohren.

Sie verteidigt sich mit dem Hinweis, dass die Spuren in jeder Olympia-Stadt vorgeschrieben seien. Obendrein habe man sie auf ein Minimum beschränkt. In Peking habe es vor vier Jahren 300 Kilometer VIP-Spuren gegeben, in Athen vor acht Jahren 160 Kilometer. Dagegen nehmen sich die 48 Kilometer in London fast bescheiden aus.

In den britischen Medien werden die Olympia-Fahrbahnen nur "Zil Lanes" genannt - so wie die Spuren, auf denen einst die Mitglieder des sowjetischen Politbüros mit ihren Wagen der Marke Zil durch Moskau fuhren. Dass die ausländischen Olympia-Kommissare nun zu ihren Terminen an ihnen vorbeirauschen, während die Einheimischen im Stau schmoren, bringt die Volksseele zum Kochen.

Hinzu kommt, dass die Wettkampfstätten und VIP-Unterkünfte über die gesamte Stadt verstreut sind. Das olympische Straßennetz verbindet den Flughafen Heathrow im äußersten Westen mit dem Olympia-Gelände im äußersten Osten. Fußball wird im Nordwesten in Wembley gespielt, Tennis im Südwesten in Wimbledon und das Reiten findet im Südosten in Greenwich statt.

Die Autofahrer werden dem Olympia-Wahnsinn also kaum entkommen können. Der Londoner Verkehrsbeauftragte Peter Hendy empfiehlt, das Auto nach Möglichkeit stehen zu lassen. Doch was machen die, die im Auto ihr Geld verdienen? Taylor erzählt von Kollegen, die extra in den Urlaub gefahren sind, um während der Spiele nicht im Taxi sitzen zu müssen. Er selbst habe entschieden, er wolle das Großereignis miterleben. In den vergangenen Tagen ertappe er sich aber immer häufiger bei einem Gedanken: "Ich wäre besser auch weggefahren."



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Seite 1
frank.w 25.07.2012
1. Traurig, traurig...
..wie zu oft in all den letzten Jahren entfernt sich das was mit heren Idealen entstanden ist immer weiter vom Ursprung bis es den Kontakt entgültig verliert und in die Weiten des (eigen geschaffenem) Universum abdriftet.... ...doof nur, dass das Geld immer noch bei uns kleinen Leuten gescheffelt wird... So hilft nur eines - sehr langfristig - nach Möglichkeit Großveranstaltungen die in eigenen Universen stattfinden boykottieren und auch möglichst alles Sponsoren! Lieber klein und regional denken und kaufen! Da hat man dann auch was davon! Kostet weniger! Ist nachhaltiger!
howagri100 25.07.2012
2. Ob das in Leipzig besser gewesen wäre?
Die ambitionierte Bewerbung von Leipzig im Kopf bin ich ganz froh, dass diese Probleme nicht hier sondern in London stattfinden werden. Also London. Alles gut gemacht und jetzt nicht jammern.
BillyTalent 25.07.2012
3. man kann diskutieren...
Klar, London ist fast immer rappelvoll, es leben dort halt auch 8 Mio. Menschen. Aber: würde man nichts machen, würde (v.a. ganz Deutschland in der typischen Selbstgefälligkeit) über das Unvermögen der Briten gelästert werden. Macht das LOCOG
BillyTalent 25.07.2012
4. Man kann darüber diskutieren...
Klar, London ist ständig voll und es herrscht viel Stau. Aber hätte das LOCOG nichts gemacht, würde viele (allen voran Deutschland mit fast schon typischer Selbstgefälligkeit) darüber lästern, dass Briten nichts, aber auch gar nichts organisiert bekommen. Macht man etwas, lästert man darüber, dass es ja auch nichts taugt. Aber mit Sicherheit wäre alles gaaaanz toll und noch nie so super-supi, wenn Olympia in Berlin (wo sonst in D., weil es gibt ja nur noch diese Stadt in D.) stattfinden würde. Und überhaupt: liebe Leute und Medien, anstatt ständig zu mäkeln, dass eine Woche vor Eröffnung das Beachvolleyballstadion noch nicht ganz fertig ist, wäre es vielleicht schöner zu zeigen und zu erwähnen, was in London geleistet wurde. Auch im Hinblick auf die Nutzung der Sportstätten und Einrichtungen nach Olympia. z.B. dass viele Sporstätten abgebaut und in kleinerer Form in anderen Städten auf der Welt weitergenutzt werden. Aber dann müsste man ja die Organisatoren loben.... Und damit hat man ja in D. so seine Probleme.
fatherted98 25.07.2012
5. Die Londoner...
Zitat von sysopLondon ist berüchtigt für seinen Dauerstau, nun droht der Olympia-Kollaps. Schuld sind die Olympic Lanes, für Athleten und Funktionäre reservierte Fahrspuren. Viele Briten wettern gegen die VIP-Straßen. Und die Medien haben einen reißerischen Vergleich parat. http://www.spiegel.de/auto/aktuell/0,1518,846201,00.html
...sind gut beraten für die Zeit der Olympiade Urlaub zu nehmen und dem Ganzen fern zu bleiben....für die Urlaubszeit kann man die eigene Klause ja auch an Olympiagäste teuer vermieten....
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