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Online-Börsen: Profis fegen Gebrauchtwagen-Markt leer

Von Helmut Merschmann

Es ist ein Wettrennen, das private Autokäufer nicht gewinnen können: Mit professioneller Such-Software fischen Gebrauchtwagenhändler in Deutschlands Pkw-Online-Börsen kontinuierlich die besten Angebote ab. Für Normalverbraucher bleiben häufig nur überteuerte Gurken übrig.

"Hat sich bei Dir vielleicht jemand gemeldet mit einem Tipp für ein Autosuchprogramm?", fragt ein verzweifelter User im Computerforum WinTotal. "Ich wäre Dir sehr dankbar, weil ich es satt habe, irgendwo anzurufen und da war schon ein Händler vor mir, und ich kann dann das gleiche Auto für teures Geld von ihm kaufen."

Online-Börse Autoscout24: Hase-und-Igel-Spiel

Online-Börse Autoscout24: Hase-und-Igel-Spiel

Auf dem Gebrauchtwagenmarkt im Internet ist ein Wettrüsten im Gange. Nur wer eine professionelle Such-Software einsetzt, hat bei Mobile.de oder Autoscout24.de noch Chancen, ein Schnäppchen zu ergattern. An die zwanzig Programme sind auf dem Markt. Sie heißen Autobingooo, Autoradar X oder Autotrader24. Mit ihnen lassen sich Suchabfragen in Online-Autobörsen in Windeseile starten.

Komfortabel können in die Such-Software Wagentyp, Baujahr, Erstzulassung, Kilometerstand und dergleichen eingegeben werden. Der Vorteil: Das Programm grast in festgelegten Frequenzen automatisch die Angebote verschiedener Autobörsen ab. Die begehrten Fundstücke werden sodann zusammen mit den Kontaktdaten der Verkäufer aufgelistet. Besonders moderne Software-Programme bieten dem Nutzer sogar eine telefonische Direktwahlfunktion.

Profi-Händler grasen den Gebrauchtwagenmarkt ab

So viel Komfort muss der Nutzer mit teils happigen Gebühren bezahlen. Für die Scansoftware Autoradar X, hergestellt von Radon Ecotex mit Firmensitz in Moskau, werden pro Monat 130 Euro fällig. Eine Jahreslizenz kostet 1200 Euro. Kein Wunder, dass Autoradar X fast ausschließlich von professionellen Autohändlern genutzt wird. Die aus Bonn stammende Software Autobingooo ist für schlappe 20 Euro im Monat zu haben und verspricht, die "18 wichtigsten Autobörsen Europas" zu überblicken.

Gegen die Geschwindigkeit und Flexibilität von professioneller Suchsoftware kann ein privater Käufer zu Hause wenig ausrichten – er braucht einfach ein gute Portion Glück, um ein Schnäppchen zu machen. Doch wer hat schon den ganzen Tag Zeit, sich in diversen Online-Autobörsen zu tummeln und nach seinem Wunschauto zu fahnden? Auch automatische Suchaufträge, die man dort individuell einrichten kann, helfen nicht viel. Eine Ergebnisliste erhält der Nutzer lediglich einmal pro Tag per E-Mail. Bis dahin haben Profihändler längst den Kaufvertrag abgeschlossen.

Die Plattformbetreiber erkennen darin kein großes Problem und spielen die Angelegenheit herunter. "Sämtliche Kfz-Anzeigen stehen allen Nutzern zu Verfügung, daran ändern auch die Suchmaschinen nichts", sagt Doreen Schlicht von dem zum Ebay-Konzern gehörenden Web-Portal Mobile.de. "Bei uns wird der Autokauf nicht online abgeschlossen, sondern im direkten Gespräch mit dem Verkäufer vor Ort." Mehr als 1,2 Millionen Kraftfahrzeuge stehen bei Mobile.de zum Kauf bereit. Größtenteils werden die Anzeigen jedoch von Händlern in die Datenbank eingepflegt.

Einige Börsen wollen die Auto-Scanner blocken

"Früher hatte es immer Gerüchte gegeben, dass Autohändler sich rechtzeitig Tageszeitungen besorgen und um 5 Uhr morgens zu telefonieren beginnen", erinnert sich Enrico Beltz, Sprecher von Autoscout24.de. "Autosuchprogramme sind die Fortführung des Phänomens ins Internet." Auf ungefähr 70 Prozent schätzt Beltz den Anteil der Händleranzeigen bei der größten deutschen Online-Autobörse. Dies entspreche der realen Marktaufteilung.

Was sich leicht überprüfen lässt: Bei der Suche nach einem VW Golf Diesel in Berlin stößt man bei Autoscout24 auf 82 private und 395 gewerbliche Anzeigen. Ein Opel Astra wird in Hamburg von 61 privaten Verkäufern angeboten und mehr als 500 Mal von Händlern. Ein Audi A4 steht in Berlin genau 537 Mal bei Mobile.de im Händlerprogramm und wird von 61 Privatleuten feilgeboten. Folglich fällt das Verhältnis deutlich schlechter, zu Ungunsten privater Verkäufer aus. Und es lässt sich nicht von der Hand weisen, dass die Suchprogramme den Privat-an-privat-Markt verzerrt haben.

Noch aus einem anderen Grund können die großen Kfz-Plattformen nicht ganz glücklich mit den Software-Scannern sein: Diese verursachen hohe Kosten. Bei einem Sperrfeuer von Suchanfragen seitens der 30.000 Händler, die auf die Plattform Mobile.de zugreifen, bedarf es einer hohen Belastbarkeit der Server, damit diese nicht in die Knie gehen. Es muss genügend Leistung vorhanden sein, um zu gewährleisten, dass auch der Normalverbraucher nicht minutenlang auf seine Ergebnisse wartet und möglicherweise die Autobörse künftig meidet. Mobile.de hat aus diesem Grund eine parallele Plattform errichtet, auf welche die Suchmaschinen umgeleitet werden.

Auch Autoscout24 denkt über Möglichkeiten nach, die Zugriffe seitens Suchmaschinen künftig einzuschränken. Technisch ist das jedoch problematisch, weil die Gefahr besteht, dass dadurch auch Privatnutzer blockiert werden. Mit ihnen will man es sich freilich ebenso wenig verscherzen, wie mit den Händlern, die für ihre Anzeigen Gebühren entrichten müssen.

Wie wenig ernst die beiden großen Plattformbetreiber die Angelegenheit bisher nehmen, verrät allerdings ein Blick in ihre AGBs. Dort ist festgehalten, dass eine "Umgehung der Suchmaske, insbesondere durch Verwendung von Such-Software" nicht statthaft ist - obwohl genau das millionenfach pro Tag geschieht.

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Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 46 Beiträge
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1. vielleicht...
wwwilly, 08.10.2007
Naja, vielleicht trägt dieser Artikel ja dazu bei daß sich die Leute in Zukunft nicht mehr auf solchen Plattformen auf die Suche nach einem Auto machen. Ich würde es, nachdem was ich nun gelesen habe, jedenfalls nicht mehr tun ;-)
2. Event-Basierte Architektur
FMK 08.10.2007
Meiner Meinung nach sollte man prüfen, ob man das durch eine Event-basierte Architektur ersetzen könnte. Das ist allemal besser als Polling (d.h. wiederholtes Suchen). Immer wenn ein neuer Eintrag eingetragen wird, muss nur dieser neue Eintrag auf das Matching aller im System enthaltenen Suchanfragen geprüft werden, und man wird sofort informiert. Das wäre fair und würde die Server entlasten.
3. Nichts schlimmes daran: Marktwirtschaft
score365, 08.10.2007
"Autoscout" und wie sie alle heißen verdienen daran, dass Autos ver- und gekauft werden. Ob von Privat oder Händler. Wer das professionell macht wird sich stets vom Privatmann abheben können - durch was auch immer für Methoden. Denn er muss damit in der Regel seinen Lebensunterhalt sichern. Hat man früher den Händlern andere Zeitungen "um 5 Uhr" verkauft, als später am Kiosk verfügbar waren? Wohl kaum. Auch hier geht es nur um ein rein technisches Auslastungsproblem - alles andere ist Marktwirtschaft und das "wächst" immer so, wie es für die "Hauptdarsteller" (Portale, Händler) gewinnbringend ist...
4. Tja, dumm gelaufen.
schlaubert, 08.10.2007
Zitat von sysopEs ist ein Wettrennen, das private Autokäufer nicht gewinnen können: Mit professioneller Suchsoftware fischen Gebrauchtwagenhändler in Deutschlands Pkw-Onlinebörsen kontinuierlich die besten Angebote ab. Für Normalverbraucher bleiben häufig nur überteuerte Gurken übrig. http://www.spiegel.de/auto/aktuell/0,1518,510009,00.html
Mir persönlich geht die Schnäppchen-Sucherei ja auch einigermaßen auf die Nerven, und weil ichs nun mal kann, habe ich auch schon drüber nachgedacht, mir selbst eine vereinfachte Version einer solchen Suchsoftware zu schreiben. Ich halte es für selbstverständlich, dass ich eine Information, an die ich über eine öffenlich zugängliche (wenn auch selbst angepasste) URL nach dem üblichen Schema zugreifen kann, einholen darf, wie auch immer ich darauf zugreifen will. Wer da dran rumschrauben will, hat in meinen Augen das WWW nicht verstanden. Mir das nun "verbieten" zu wollen, nur weil andere zu doof dazu sind, ist da auch die völlig falsche Stoßrichtung.
5. Wozu Gebrauchtwagen? Es gibt Billigkredite, Rabatte.
BerndAB, 08.10.2007
Das Thema ist offenkundig heiß: Man suche mal gelegentlich nach preiswerten Dieseln, noch ohne konkrete Kaufabsicht: Die testhalber "geparkten" Autos waren stets blitzschnell nicht mehr verfügbar, am Folgetag schon weg.. Offenkundig abgegrast, von flinken Profis günstig eingekauft. Wer aber braucht angesichts von Billigkrediten und Höchstrabatten für Neuwagen überhaupt noch Gebrauchtwagen? Die Hersteller drücken ihren Vertragshändlern Neuwagen aus Programmfertigung herein. Die Händler können sich nicht dagegen wehren, weil sonst ihr Händlervertrag mit dem Hersteller auf Kippekante kommt. Die Händler lassen die zwangszugeteilten Autos als Vorführwagen zu und setzen sie nach drei Monaten wieder zu Tiefstkursen ab. Ein neuer SEAT Altea TDI z.B. (Parallelmodell zum Golf Plus) kostet dann statt 26.000 auf einmal nur noch 16.000 Euro. Wer bei solchen Kursen für Neuwagen dennoch Gebrauchtwagen kauft, wird vermutlich bereits jegliche Kreditwürdigkeit verloren haben..
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