Opel Adam Cup: Kleine Drecksau

Von Tom Grünweg

Opel Adam Cup: Die Schlammpackung Fotos
Opel

Der poppige Opel Adam wurde als Trendauto für Großstadt-Hipster erdacht. Nun aber darf das Wägelchen die Sau rauslassen - in Form der Rallyeversion Cup. Das Auto für Breiten-Motorsportler macht im Dreck richtig Laune. Nur beim Einsteigen gibt es ein Problem.

Au Backe, ist das eng. Klar, der Opel Adam ist ein Kleinwagen. Aber jetzt, wo auch noch ein Überrollbügel und riesige Schalensitze ins Auto gezwängt wurden, wird das Einsteigen zum Beweglichkeitstest. Ein Bein über die hohe Quertraverse und unters Lenkrad fädeln, den Hintern hinterher schieben, dann irgendwie Schultern und Kopf ins Auto winden und schließlich den zweiten Fuß auch noch nach drinnen holen. Dann hört man so etwas wie ein Schmatzen - und die Sitzschale hat den Körper geradezu verschluckt.

Zu Ende ist die Prozedur jedoch noch nicht: Die breiten, roten Hosenträgergurte müssen noch angelegt und auch der Helm muss noch aufgesetzt werden. Erraten: Das hier ist kein normaler Opel Adam, sondern das Modell Adam Cup, mit dem Opel sich seit diesem Frühjahr wieder im Rallye-Sport engagiert.

Gedacht ist das Auto als Sportgerät für engagierte Privatfahrer. Wer sich das knapp 30.000 Euro teure Gefährt kauft, willigt damit zugleich ein, mindestens eine Saison - das heißt: acht Rennen - in der von Opel und dem Automobilclub ADAC gemeinsam organisierten Rallyeserie "Opel Adam Cup" mitzuheizen. Das geht natürlich nicht einfach so, denn erstens benötigt man dafür eine Rennlizenz, und zweitens einen Etat von rund 25.000 Euro zusätzlich. So viel nämlich sollte man insgesamt für Reifen, Bremsbeläge, Sprit und Reisekosten für die acht Rallye-Wochenenden veranschlagen - größere Blessuren am Auto nicht mit eingerechnet.

Ähnlichkeiten mit dem Serienmodell sind noch vorhanden

Wenn man sich dem Rallye-Knirps zum ersten mal nähert, fällt zunächst die Ähnlichkeit mit dem Serienmodell auf. Die ist allerdings nur äußerlich. Drinnen ist die kunterbunte Plastiklandschaft verschwunden, stattdessen gibt's ein schwarzes Cockpit und ein sehr kleines Lenkrad. Auf dem Armaturenbrett flammt in roten LED-Punkten eine Ganganzeige auf und aus dem Fahrzeugboden ragt, groß wie ein Baseballschläger, der Schaltknauf für das sequentielle Getriebe.

"Das H-Schaltschema kannst Du hier vergessen", ruft Testfahrer Horst Rotter in den Lärm des aufgebohrten Vierzylindermotors, der das entkernte Auto mit wütendem Dröhnen füllt. "Am Hebel ziehen heißt hoch schalten, runter schalten geht mit Drücken. Und je schneller du bist, desto besser ist es fürs Getriebe." Ach ja, und kuppeln muss man nur beim Runterschalten. "Kapiert? Dann los!", sagt der Instruktor und scheucht mich auf den kleinen Rundkurs im Vogelsberg, der regennass ist, voller Dreck und auf einigen Abschnitten geschottert.

Hoch oder runter schalten, kuppeln oder nicht? Natürlich klappt das nicht auf Anhieb. Außerdem braucht man Kraft, wenn man den Schaltknüppel flott bewegen will. Aber das macht nichts: Weil der erste Gang locker bis Tempo 80 geht und die längste Gerade des Kurses höchstens 50 Meter misst, lässt sich der Adam Cup hier auch schaltfaul flott bewegen.

Mit Handbremseinsatz in den Drift

Verdammt flott sogar. Das stärkste Serienmodell tritt mit 100 PS an, sind es hier 140; das ist ordentlich Leistung bei 1090 Kilogramm Gewicht, aber zugleich auch nicht so viel, dass es den Frontantrieb überfordern würde. Nach zehn Runden hat man das Auto im Griff, die Dreckbatzen fliegen nur so ums Auto und Schottersteine prasselt gegen den Unterboden wie Schrotkugeln.

Obwohl der rechte Arm immer schwerer wird, gelingen die Gangwechsel immer besser. Anbremsen, Einlenken, Gas geben - schneller geht es mit keinem anderen Opel um die Ecke. Und das ist nur der Anfang. Denn kaum registriert Beifahrer Rotter eine gewisse Routine, verrät er den Trick, wie man den Wagen in den Drift bekommt. Das Geheimnis ist der zweite Hebel neben dem Schaltknauf: die Handbremse. Zieht man an der, blockieren augenblicklich die Hinterräder und den Adam wird zum Brummkreisel. Fast spielerisch stellt sich der Wagen quer, nimmt die Schikanen seitwärts und dreht sich wie von selbst um die engsten Kehren. So ungefähr muss sich Ken Block fühlen.

Neuer Motor, neues Getriebe, neue Handbremse - technisch verbindet den Rallye-Renner kaum noch etwas mit dem poppigen Kleinwagen. "Aus der Fabrik in Eisenach übernehmen wir nur noch die Rohkarosse mit dem Cockpit", sagt Opel-Motorsport-Mann Jörg Schrott. "Alles andere baut unser Sportpartner ein, die Firma Holzer aus der Nähe von Augsburg."

Rennsemmel in Handarbeit

Binnen hundert Stunden werden nicht nur Schalensitze und Überrollkäfig implantiert, sondern auch der neue 1,6-Liter-Motor, das sequentielle Getriebe und das Rennfahrwerk, das aus dem Opel Corsa OPC stammt. Dazu gibt's eine bissfeste Bremsanlage von Brembo, Zusatzinstrumente im Cockpit und Schnellverschlüsse für Hauben und Klappen.

Gefertigt werden in diesem Jahr lediglich rund 40 Autos für zwei Markenpokal-Serien, eine in Deutschland, die andere in Frankreich. Alle waren quasi über Nacht verkauft. "Wir hatten mehr als doppelt so viel Anfragen", sagt Schrott. Im kommenden Jahr soll es mehr Autos für mehr Länder geben. Schließlich sei die Rückkehr von Opel in den Motorsport eine strategische und damit langfristig ausgerichtete Angelegenheit. Künftig soll es neben dem Adam Cup auch eine schärfere Variante für die nächst höhere Klasse R2 mit dann schon 190 PS geben.

Gemessen am Engagement der Konkurrenz wie VW oder Ford in der World Rallye Championship (WRC) brennt der Einsatz der Hessen auf kleiner Flamme. "Wir wollten ein Engagement mit Breitenwirkung", sagt Schrott, "und eines, das zur aktuellen Situation der Marke passt." Millionensummen auf der Rallyepiste zu verbrennen, während Fabriken abgewickelt werden und Arbeitnehmer um ihre Existenz bangen - das passe nicht zusammen.

Deshalb ist der Rallye-Adam ein eher bodenständiges Auto, nicht teurer als ein VW Golf GTI oder Astra OPC im Serientrimm. Allerdings: Diese darf man auf der Straße fahren, den Adam Cup ausschließlich auf der Rennstrecke und auf öffentlichen Straßen nur im Rahmen der Rallyeveranstaltungen.

Den meisten Spaß macht das Auto ohnehin im Dreck. Das Spiel mit der Handbremse wird zum köstlichen Kick, das Armdrücken mit dem Schaltknauf wird zu einem Spaß mit fast masochistischen Zügen. Die Sause macht süchtig und ans Aussteigen möchte man nicht denken - auch, weil einem dann wieder eine knifflige Kletterpartie bevorsteht.

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insgesamt 74 Beiträge
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1.
adal_ 08.06.2013
Zitat von sysopDer poppige Opel Adam wurde als Trendauto für Großstadt-Hipster erdacht.
Genau. Poppig und hip. Oder wie wir früher zu sagen pflegten: Opel Popel.
2. Naja
bluemetal 08.06.2013
Fette 1,1 Tonnen Gewicht bei einem entkernten (!!?) Kleinstwagen, wie geht denn das ? Und nur bescheidene 140PS. Da kommen viele vollausgestattete Serienfahrzeuge auf ein besseres Leistungsgewicht. Wenn das schon Rallye ist, ist mein Fahrzeug ein Rennwagen.
3.
Kamillo 08.06.2013
Zitat von sysop... liest sich für mich jedenfalls wie Werbung.
Das ist das Ziel der Aktion, es geht darum Opel (wieder) ein sportliches Image zu geben. Vor allem bei jüngeren Autofahrern.
4. Nur 174 km/h???
krautrockfreak 08.06.2013
Vertippt würde ich sagen. Sollte locker 210 laufen....
5.
Kamillo 08.06.2013
Alle Autos sind heute so schwer, wegen passiver Sicherheit. Und nicht vergessen, der Adam Cup hat einen Innenrahmen in der Fahrgastzelle, der wiegt auch was. Aber schon ein 1983 gebauter 45PS FIAT Uno aus dünnstem rostgefährdetem Blech (kaum einer ist im nördlichen Teil Europas noch über...) wog schon um die 950 kg. Da ist ein Rennbolide nach heutigen Sicherheitsstandards mit nur 150 kg fast schon Leichtbau.
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Fahrzeugschein Opel Adam Cup
Hersteller: Opel
Typ: Adam Cup
Karosserie: Kleinwagen
Motor: Vierzylinder-Benziner
Getriebe: Sequenzielles Fünfgang-Getriebe
Antrieb: Front
Hubraum: 1598 ccm
Leistung: 140 PS/103 kW
Drehmoment: 160 Nm
Beschleunigung: 8,8 Sek. (von 0 auf 100 km/h)
Höchstgeschwindigkeit: 174 km/h
Verbrauch: Zwischen 10 und 30 Liter
Gewicht: 1090 kg
Preis: 29.631 EUR
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