Neues Elektroauto Opel Ampera E Das Überraschungsei

Ein Elektroauto mit fünf Sitzen, hoher Reichweite und einem moderaten Preis. Davon träumte die Branche bislang. Jetzt ist es da - ausgerechnet von Opel.

Christian Frahm

Von Christian Frahm


Achtung, anschnallen, hinsetzen, festhalten: Das erste alltagstaugliche und vor allem bezahlbare Elektroauto kommt aus Rüsselsheim. Von Opel (und GM, aber dazu später mehr). Ausgerechnet! Dem Brot- und-Butter-Hersteller gelingt damit fast ein Coup: Während VW, BMW oder Mercedes für die nächsten Jahre Modelloffensiven mit vielen neuen Elektroautos nur ankündigen, stellt Opel den Ampera E ab Frühjahr 2017 in die Verkaufsräume.

Zack, da ist es, das Auto, das die gängigen Argumente gegen den Kauf eines Elektroautos einfach wegfegt. Zu geringe Reichweite? Nicht im Ampera E. 500 Kilometer stehen im Datenblatt, bemessen am heute gängigen NEFZ-Verbrauchsmesszyklus. 380 Kilometer sollen es nach dem Ende 2017 eingeführten realitätsnäheren WLPT-Zyklus sein. Das reicht im Alltag dicke.

Zu hohe Kosten? Zwar will sich Opel noch nicht festlegen, aber hinter vorgehaltener Hand kursiert ein Preis von 35.000 Euro. Sollte er so kommen, hätte Opel auf die Beine gestellt, was selbst Tesla bisher nicht geschafft hat: Das Elektroauto zum Erstfahrzeug zu machen - für eine breitere Kundenschicht.

Die bislang erhältlichen Fahrzeuge hatten nämlich eher das Zeug zum Zweitwagen für Gutbetuchte, sie dienten vor allem als Öko-Statussymbol für die Early Adopter der Mobilitätswende. Auch etwas weniger teure Stromer wie der Nissan Leaf, Renault Zoe oder E-Golf waren eher Autos für Überzeugungstäter, die keines der beiden oben angeführten Argumente kratzte. Und jetzt - der Durchbruch? Die Demokratisierung des Elektroantriebs?

Der neue Opel Ampera E im Video:

Christian Frahm

Professor Franz-Rudolf Esch, Professor für Markenmanagement und Automobilmarketing an der Universität in Oestrich-Winkel, mag da nicht mitgehen. Er kann sich eher für die zögerliche Strategie der anderen Deutschen Autohersteller erwärmen: "Die deutschen Hersteller sind derzeit noch gut beraten, abzuwarten und zu schauen, was der Markt will und Produkte erst anzubieten, wenn sie marktreif sind."

Wenn man sich den Wagen anschaut, erweckt er nicht den Eindruck, als wäre er nicht marktreif. Der 4,17 Meter lange Ampera E ist von außen nicht auf Anhieb als Elektroauto zu erkennen. Der Wagen ist optisch eine Mischung aus Corsa und Meriva. Das muss man zwar nicht als einen gestalterischen Geniestreich empfinden, aber immerhin verkauft Opel von diesen Autos erkleckliche Stückzahlen, es muss also Menschen geben, die das mögen.

Reichweitenproblem gelöst?

Im Innenraum bietet der Ampera E Platz für fünf Personen. Dabei sitzt man auch auf der hinteren Sitzbank bequem und hat mit 1,85 Metern Größe noch ausreichend Kopf- und Kniefreiheit. Auch der Kofferraum kann sich mit 381 Litern (bei umgelegten Rücksitzen 1270 Liter) sehen lassen. Im Cockpit dominiert ein 10,2-Zoll-Touchscreen, über den einerseits das Infotainment-System bedient wird und andererseits sämtliche Daten zu Ladestand, Restreichweite, Rekuperation oder die Effizienz der Fahrweise abgerufen werden können. Klingt doch alles so, wie man es von Autos kennt und erwartet.

Auch bei der wohl zentralsten Disziplin eines Elektroautos, dem Energiespeicher, hat Opel seine Hausaufgaben offenbar gemacht: "Der Ampera E ist komplett auf den Elektroantrieb hin ausgerichtet", sagt Rainer Bachen, leitender Entwicklungsingenieur bei Opel.

Der 429 Kilogramm schwere Akku, den Opel in einem Joint Venture mit LG Electronics entwickelt hat, sorgt für einen tiefen Schwerpunkt und somit eine bessere Fahrdynamik. Zudem gibt Opel acht Jahre oder 160.000 Kilometer Garantie auf den Stromspeicher, der an einer 50-kW-Schnellladestation innerhalb einer halben Stunde Strom für 150 Kilometer Fahrt tanken kann. Der Elektromotor leistet 204 PS und beschleunigt das Auto in 7,3 Sekunden auf 100 km/h, maximal sind 150 km/h möglich.

Mit solchen Gesamtwerten kann bislang kein anderer Hersteller in diesem Segment aufwarten. Entsprechend gibt es auch Beifall von Branchenexperten. "Der Ampera ist ein großer Schritt nach vorne. Gleichzeitig zeigt er, dass die deutschen Autobauer die Elektromobilität zu großen Teilen verschlafen", sagt Professor Ferdinand Dudenhöffer, Automobilwirtschaftler der Universität Duisburg-Essen. Er hält es für eine schlechte Strategie, wenn ein Hochindustrieland wie Deutschland die Entwicklung alltagstauglicher Elektroautos immer weiter aufschiebt.

Ohne Ladesäulen kein Elektroauto

Die Rüsselsheimer haben nun also einen gewaltigen Vorsprung. Doch ist ein Durchmarsch des Ampera E noch lange nicht garantiert. Ein Problem ist die noch immer dünn ausgebaute Ladeinfrastruktur. Zwar wird das Netz an Ladesäulen ständig dichter, doch noch muss man als Elektroautofahrer Einschränkungen einkalkulieren. Ist Opel also vielleicht sogar zu früh dran?

Es ist das alte Henne-Ei-Problem, das die Diskussionen um die Elektromobilität genauso lang begleitet wie die beiden anderen bisherigen Totschlagargumente: Solange es keine Ladesäule gibt, kauft auch keiner Elektroautos. Und solange es nicht genug Elektroautos gibt, wird es auch keine Ladesäulen geben. Auf die beiden ersten Totschlagargumente (Preis, Reichweite) scheint Opel Antworten gefunden zu haben. Bei den Ladesäulen bleibt ein Fragezeichen.

Hinzu kommt, dass Opel vermutlich nicht die Marke ist, der Kunden ähnlich viel verzeihen wie die Tesla-Jünger dem Auto-Start-up aus Kalifornien. Dem Überraschungseinsteiger aus den USA verzeihen die Kunden sogar, dass er sie mit unausgereifter Technologie (der fehlerhafte "Autopilot") durch die Gegend fahren lässt. Sie ertragen die heute noch vorhandenen Einschränkungen bei der Elektromobilität wie einen Dornenkranz und hängen an den Lippen von Tesla-Chef Elon Musk wie bei einem Prediger.

Ist Opel die richtige Marke für eine E-Revolution?

Zwar hat auch der Ampera E seine Wurzeln in den USA - er ist der deutsche Zwilling des mit dem Mutterkonzern GM entwickelten Chevrolet Bolt, der in den USA bereits bestellt werden kann. Doch bei allem Respekt für Opels Mut: Eine Strahlkraft wie Tesla kann das Unternehmen im Bereich Elektromobilität bislang nicht bieten.

Doch Image und die perfekte Vermarktung sind essenziell, will man die Käufer über die noch stehenden Hürden bei der Elektromobilität heben. Genau bei diesem Punkt nützt Opel, verglichen mit Firmen wie BMW oder Mercedes oder natürlich, allen voran Tesla, der technische Vorsprung wenig: Zwar feierte Opel mit der "Umparken im Kopf"-Kampagne einen Achtungserfolg und schüttelte etwas von dem Staub, der sich auf der Marke mit dem Blitz im Logo angesammelt hatte, wieder ab. Doch seitdem ist es wieder ruhig geworden, die Kampagne nicht konsequent fortgesetzt.

Apropos Konsequenz: Auch, dass der Ampera E nur eines von vielen Autos im Portfolio von Opel ist - der Rest sind nicht unbedingt immer ganz saubere Verbrenner-Fahrzeuge -, erschwert eine schlüssige Marketingstrategie. Hier ist Tesla allen anderen Herstellern gegenüber klar im Vorteil. "Opel wird meiner Meinung nach nie der Vorreiter der Elektromobilität sein wie beispielsweise Tesla", sagt Esch.

Die Diskussion, welche Marke, welcher Zeitpunkt und welche Strategie die richtige ist, um ein Elektroauto einzuführen, ließe sich noch beliebig fortsetzen. Fakt ist: Mit dem Opel Ampera E gibt es ein Elektroauto für den Alltag, das im Frühjahr 2017 auf die Straße kommt. Mercedes etwa hat ein brauchbares Elektroauto für 2019 angekündigt, VW sogar erst für 2020. So einen Vorsprung hatte Opel schon lange nicht mehr.

In einer früheren Version des Textes hieß es fälschlicherweise, eine Ladung an der Haushaltsteckdose dauere etwa neun Stunden. Dieser Wert bezog sich allerdings auf das Schwestermodell Chevrolet Bolt, für den Opel Ampera gibt es noch keine Angaben. Zudem hat für das Modell Bolt in den USA derzeit erst der Bestellstart begonnen. Wir bitten, den Fehler zu entschuldigen.

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insgesamt 699 Beiträge
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Seite 1
jufo 16.11.2016
1. Super für Opel
ja was denn nun? tun die deutschen Hersteller nix schreit man auf, tun sie was sind sie zu früh und die falsche Marke. sollte ich mich für ein neues Auto interessieren wäre der Opel derzeit das einzige e-Auto mit dem ich mich befassen würde. nix Schickimicki sondern brauch- und bezahlbar.
patihubi 16.11.2016
2. Bolt noch nicht verfügbar
"Chevrolet Bolt, der in den USA schon auf den Straßen unterwegs ist." das stimmt so leider nicht. Der volt fährt hier schon, der Bolt ist noch nicht raus. Bitte korrigieren.
DenkenKannHelfen! 16.11.2016
3. Fast schon peinlich...
Zitat: "Das erste alltagstaugliche und vor allem bezahlbare Elektroauto kommt aus Rüsselsheim." Falsch. Das kommt von Renault. "Zwar hat der Ampera-E seine Wurzeln in den USA" Leicht untertrieben. Das ist ein Chevrolet mit Opel-Logo vorne drauf. "alltagstauglich" Aufgrund grottenschlechter AC-Ladeleistung (nur einphasig) wäre das noch zu beweisen...
Falsche Küste 16.11.2016
4. Kilowatt und Kilowattstunden
Ich glaube ich habe noch keinen einzigen Artikel über Elektromobilität vor die Nase bekommen, wo nicht mindestens ein Einheiten-Fehler drin steckt. Die Leistung einer Ladeanlage wird in Kilowatt ausgedrückt. Im Satzfragment ?Stromspeicher, der an einer 50-kWh-Schnellladestation innerhalb einer halben Stunde Strom für 150 Kilometer Fahrt tanken kann? muss es also ?50-kW-Schnellladestation? heissen.
neutraldenker 16.11.2016
5. 360 km Reichweite?
Das nennen Sie ein gelösten Problem???
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