Opel Raketenauto "Ungeeignetes Gelände"

Vor 75 Jahren fegte Fritz von Opel mit einem Raketenauto über die Berliner Avus und stellte einen neuen Streckenrekord auf. Der Traum des 29-jährigen Unternehmers aus Rüsselsheim: mit der Raketentechnik die bemannte Raumfahrt einzuleiten.


Skurriles Raketenauto: 120 Kilogramm Sprengstoff katapultierten Fritz von Opel mit seiner RAK2 auf 238 km/h

Skurriles Raketenauto: 120 Kilogramm Sprengstoff katapultierten Fritz von Opel mit seiner RAK2 auf 238 km/h

Ende Mai des Jahres 1928 versammelten sich etwa 2000 geladene Gäste auf der Nordkurve der Berliner Hochgeschwindigkeitspiste Avus. Filmstar Lilian Harvey war gekommen, der Dichter Joachim Ringelnatz und Box-Idol Max Schmeling ebenso. Sie alle blickten gespannt auf ein seltsames Fahrzeug, den RAK 2. Ein zigarrenförmiges, schwarz lackiertes Rennauto mit 24 Eisenröhren sowie zahlreichen elektrischen Drähten, die aus dem Heck des Wagens ragen.

Ein Mann in weißer Hose und blauer Lederjacke steht am Auto. Fritz von Opel, 29 Jahre alt, Enkel des Rüsselsheimer Firmengründers Adam Opel. Er wird gleich die 24 Pulverraketen und damit 120 Kilo Sprengstoff zünden, um seinen Raketenwagen mit einem Schub von rund 6000 Kilogramm zu beschleunigen. Gezündet werden sie Sprengsätze über ein Fußpedal. Von Opel wird sich später erinnern: "Ich trete auf das Zündpedal. Hinter mir heult es auf und wirft mich vorwärts. Es ist wie eine Erlösung."

Mit einem Höllenspektakel, mit Feuerfontänen und einer gewaltigen Rauchwolke geht die Rekordfahrt einher. Nach weniger als drei Minuten ist der Spuk vorbei. Maximal 238 km/h hatte der RAK 2 erreicht - ein neuer Streckenrekord auf der Avus. Im Trubel nach der spektakulären Fahrt sagt Lilian Harvey einem Reporter: "Mit Fritz von Opel möchte ich im Raketenauto fahren."

Erfolgreicher Erfinder: "Mit Fritz von Opel möchte im Raketenauto fahren"

Erfolgreicher Erfinder: "Mit Fritz von Opel möchte im Raketenauto fahren"

Dazu kommt es jedoch nicht. Obgleich der Unternehmer seine Raketen-Experimente mit Hochdruck fortsetzt. Das nächste Mobil mit Raketenantrieb, der RAK 3, steht auf Schienen und erreicht am 23. Juni 1928 auf Eisenbahngleisen bei Burgwedel vor 30.000 Zuschauern eine Geschwindigkeit von 256 km/h - ein neuer Schienen-Weltrekord.

Im August wird ein zweites Schienen-Raketen-Fahrzeug namens RAK 4 zerstört. Von Opel sattelt um und baut ein Motorrad. Sein Plan: Er will die mit einem 22 PS starken Einzylindermotor bestückte Maschine zunächst auf Tempo 120 beschleunigen, dann den Leerlauf einlegen und schließlich sechs Pulverraketen mit insgesamt 30 Kilogramm Sprengstoff zünden. Die Behörden werden misstrauisch und untersagen den halsbrecherischen Rekordversuch.

Im folgenden Jahr, 1929, will "Raketen-Fritz" abheben. Er baut einen Hochdecker mit doppeltem Leitwerk, das erste speziell für Raketenantrieb konstruierte Flugzeug der Welt. Am 30. September 1929 klettert er ins Cockpit des "RAK 1 Friedrich" und hebt vom Frankfurter Flughafen ab. Erstmals gelingt es einem Menschen, ausschließlich mit Raketenkraft zu starten, aufzusteigen und anschließend in den Streckenflug überzugehen. In gut 15 Meter Höhe legt er binnen eineinhalb Minuten knapp zwei Kilometer zurück. Dann endet der Rekordflug jäh. Ein Zündmechanismus versagt, das Raketenflugzeug schmiert ab und landet in "ungeeignetem Gelände", wie Zeitungen berichten. Fritz von Opel bleibt unverletzt.

Seine Pläne, die bemannte Raumfahrt voranzutreiben, muss er jedoch aufgeben. Der Flug der "RAK 1 Friedrich" war der letzte Raketenversuch bei Opel. Die Weltwirtschaftskrise stoppte das ehrgeizige Unterfangen. Opel konzentriert sich seither auf die Autoentwicklung. An die spektakulären Raketentests erinnert jetzt eine Ausstellung bei "Opel in Berlin" (Friedrichstraße), wo unter anderem originalgetreue Nachbauten des RAK 2 und des Raketen-Motorrads zu sehen sind.



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