Opels Transparenz-Offensive Der Kosmetikverkäufer aus Rüsselsheim

Auch Opel werden erhöhte Abgaswerte vorgeworfen, nun verspricht Unternehmenschef Neumann mehr Transparenz und sauberere Motoren. Manche Details verschweigt er jedoch lieber.

Opel-Chef Karl-Thomas Neumann: "Die Welt ist nicht mehr wie zuvor"
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Opel-Chef Karl-Thomas Neumann: "Die Welt ist nicht mehr wie zuvor"

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Bei Opel hat man in den vergangenen Wochen stärker als sonst auf VW geflucht. Gerade erst hatten die Rüsselsheimer es mit viel Werbeaufwand geschafft, ihr biederes Image aufzupolieren - dank Reklameallzweckwaffe Jürgen Klopp und der "Umparken-im-Kopf"-Kampagne. Da kam der Abgasskandal und sorgte für neuen Ärger: Im Zuge von zwei unabhängigen Messungen präsentierte zuerst die Umweltorganisation DUH starke Abweichungen der NOx-Werte beim Opel-Modell Zafira. Dann legte das TV-Magazin "Monitor" nach und verwies auf zweifelhafte CO2-Angaben, ebenfalls beim Zafira.

Opel-Chef Karl-Thomas Neumann hat nun auf die Vorwürfe reagiert. Er kündigte mehrere Maßnahmen an, die Vertrauen bei den Kunden schaffen sollen. Die "Diesel-Diskussion", sagte Neumann der "Frankfurter Allgemeinen Zeitung", sei eine "Zäsur", die Welt nun "nicht mehr wie zuvor". Es liege in den Händen der Automobilindustrie, "die Wahrnehmung dieser neuen Realität zu verändern." Große Worte. Was steckt dahinter?

Die Opel-Ankündigungen im Überblick:

  • Ab Frühjahr 2016 will Opel neben den im momentan gültigen Prüfzyklus NEFZ ermittelten CO2- und Kraftstoffverbrauchwerten auch die Werte aus dem sogenannten WLTP-Zyklus veröffentlichen. Zunächst nur beim Opel Astra, weitere Modelle sollen folgen. Experten sind sich einig, dass der WLTP realitätsnaher als der NEFZ ist - damit sind höhere Angaben zum Verbrauch zu erwarten. Opel greift hier allerdings einer unausweichlichen Änderung vor; ab 2017 wird der WLTP-Test in der EU verbindlich eingeführt.

  • Von Sommer 2016 ab will Opel die Stickoxid-Emissionen seiner Dieselfahrzeuge senken. Dafür solle die Wirksamkeit des Abgasreinigungssystems bei Euro-6-Dieselmotoren mit SCR-Technologie ("Selective Catalytic Reduction") erhöht werden - auch mit Blick auf künftige Vorgaben der RDE-Richtlinien ("Real Driving Emissions"). Diese schreiben vor, dass ein Auto bei Tests unter Realbedingung die Laborwerte nicht um mehr als das zweifache übersteigen darf. Bei einer Serviceaktion sollen laut Angaben von Opel bei 43.000 Fahrzeugen ein Software-Update aufgespielt werden. Auch diese Maßnahme zur NOx-Reduzierung sind früher oder später aber zwingend nötig, weil die RDE-Richtlinien ab 2017 greifen.

  • Neumann kündigte zudem an, Opel werde die für die Motorsteuerung zuständige Software den Prüfbehörden offenlegen - das sind jene Daten, in die VW ihre Betrugs-Codezeilen programmiert hatte. Eigentlich sollte das laut einer Vorgabe der EU schon längst verpflichtend sein, in Deutschland hat sich die Autolobby jedoch bisher erfolgreich dagegen gewehrt. Bundesverkehrsminister Dobrindt erklärte kürzlich, in dieser Angelegenheit endlich tätig zu werden und die Offenlegung der Software auch hierzulande anzuordnen.

  • Neumann gibt in der "FAZ" den Anschein, das Ziel des von der EU ab 2021 vorgeschriebenen Flottenverbrauchs von 95 Gramm CO2 pro Kilometer auch dann gutzuheißen, wenn mit dem WLTP höhere Werte herauskommen - obwohl, so Neumann "sich an Verbrauch und Ausstoß nichts ändert". Meint er damit, dass die WLTP-Ergebnisse ein zu eins übernommen werden und damit also größere Anstrengungen erfolgen, das Emissionsziel zu erreichen? Offenbar nicht: Denn Neumann verschweigt, dass die WLTP-Werte nach dem Willen der Autohersteller durch einen Umrechnungsfaktor, der die strengeren Anforderungen des Test in Betracht zieht, aufgeweicht werden sollen.

In Zukunft wird alles besser - aber was ist mit den Vorwürfen aus der Vergangenheit?

Die Vorhaben von Opel in Ehren, aber diese angekündigten Maßnahmen sind zunächst einmal lediglich Pflichterfüllungen, die etwas früher als gefordert umgesetzt werden. Der Abgasskandal mag eine "Zäsur" gewesen sein - die von Neumann genannten Punkte jedoch nur Zugeständnisse. Opel will sich in Zukunft also bessern - aber was ist mit der Vergangenheit?

Zu den starken Abweichungen, die DUH und "Monitor" bei eigenen NOx- und CO2-Messungen im Vergleich zu den offiziellen Opel-Angaben festgestellt haben wollen, äußert sich Neumann nur mit einem Satz: "Unsere Untersuchungen beweisen, dass wir keine Einrichtungen haben, die erkennen, ob ein Fahrzeug gerade einem Prüfstandstest unterzogen wird." Im Klartext: Opel entlastet Opel.

Wie man sich auf glaubwürdigere Art mehr Transparenz verordnet, hat unlängst der Autokonzern PSA Peugeot Citroën vorgemacht. Die Franzosen sind mit der Nichtregierungsorganisation Transport & Environment (T&E) eine Partnerschaft eingegangen. T&E wird künftig den Verbrauch und die Schadstoffemissionen verschiedener Modelle des französischen Herstellers messen und veröffentlichen - und zwar unter Realbedingungen auf der Straße.

Auch Fahrzeuge von Opel werden derzeit von unabhängiger Stelle untersucht - allerdings auf Anordnung: Das Kraftfahrt-Bundesamte (KBA) hatte nach Bekanntwerden des VW-Betrugs Nachprüfungen bei mehreren Dutzend Modellen verschiedener Hersteller vorgenommen. Dabei, soviel hat das KBA bereits bekannt gegeben, seien einige extrem hohe Abweichungen aufgetreten. Um welche Marken es sich handelt, ist noch nicht bekannt - nach Angaben eines Opel-Sprechers stünden die jetzt verkündeten Maßnahmen nicht im Zusammenhang mit diesen Prüfungen. Man kenne die Ergebnisse des KBA nicht, sagte der Sprecher SPIEGEL ONLINE.

mit Material von dpa

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insgesamt 30 Beiträge
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Seite 1
Referendumm 15.12.2015
1. Immerhin
tut Opel mehr als VW. Welche Ankündigungen kamen denn aus Wolfsburg? Die sind ja noch nicht einmal in der Lage, ne geänderte Software schnell / zeitnah aufzuspielen und ein Plastik-Haarfönteil in Kürze zu produzieren und einzubauen. Sicherlich, das was Opel ankündigt, sind keine riesen Meilensteine, aber immer noch mehr als der olle Koloss in Wolsburg tut - imho. Ach ja, ändert / ergänzt mal diese Nonsenssatz: "Die Franzosen sind mit der Nichtregierungsorganisation Transport & Environment (T&E) eingegangen."
dlmb 15.12.2015
2.
Opel stellt als Erster auf die neuen Zyklen und Messverfahren um, aber der Spiegel muss das natürlich extrem negativ darstellen. Und zu den Vorwürfen der DUH und von Monitor gibt es jeweils eine Pressemitteilung, in denen detailliert Stellung bezogen wird. Warum der Spiegel diese beharrlich ignoriert und so tut, als gäbe es keine Antwort und keine Begründung, lässt ziemlich tief blicken.
iq34acal 15.12.2015
3. Unfaire, schlecht recherchierte Berichterstattung
auf Kosten eines deutschen Traditionsunternehmens! Opel hat in der Vergangenheit wiederholt bewiesen, dass keine Software verwendet wird, die eine mögliche Testsituation erkennen könnte. Das die vorgeschriebenen Tests nicht der Realität entsprechen und bei Realfahrten höhere Emissionen gemessen werden ist sicherlich nicht Opel anzulasten und des Weiteren kein Betrug sondern schlichtweg die Erfüllung von vorgegebenen Tests. Des Weiteren werden und wurden bei Opel die Fahrzeuge durch unabhängige Institute, wie z.b. dem TÜV untersucht. Ändert man allerdings die Rahmenbedingungen einer Messreihe, sollte man sich nicht wundern, wenn andere Ergebnisse herauskommen. Die proaktive Reaktion seitens der Geschäftsführung der Opel AG in ein schlechtes Licht zu rücken und dafür auch noch mit Spekulationen, schlecht recherchierten Behauptungen und verdrehten Wahrheiten zu argumentieren, lässt auf die Charaktereigenschaften des Autors schließen!!! Auch Journalisten sollten sich der eigenen Verantwortung bewusst sein und nicht der 'Klicks' und der Karriere wegen jeden Schrott publizieren.
derkohn 15.12.2015
4. Das grenzt ja an Hetze!
Auf der einen Seite ein Autohersteller aus dem östlichen Niedersachsen, dessen Namen wir mal verschweigen. Der manipuliert seine Fahrzeuge absichtlich, damit sie auf dem Prüfstand die Abgasgrenzwerte einhalten, im Fahrbetrieb jedoch nicht. Auf der anderen Seite Opel. Die haben nicht nur nachgewiesenermaßen nicht betrogen (die Fehler des DUH-Tests kann man leicht ergoogeln), sondern machen sogar einen freiwilligen Schritt in Richtung mehr Transparenz. Wohlgemerkt als allererster Hersteller, noch vor Premiummarken, die sich mit ihrer i-Reihe als Speerspitze beim Umweltschutz verstehen. Und was sagt der Spiegel? Kosmetikverkäufer. Ich will gar nicht wissen, was bei Ihnen losgewesen wäre, wenn Opel derjenige mit dem Defeat device gewesen wäre. Die hätten Sie schon in die Insolvenz geschrieben.
bikebergtom 15.12.2015
5. Unglaublich, diese Berichterstattung!
Natürlich sind diese Maßnahmen wie die Angabe der Verbrauchswerte nach WLTP in der Zukunft erforderlich. Aber diese deutlich früher umzusetzen, wäre eigentlich ein Lob wert, mindestens jedoch eine neutrale Berichterstattung. Die einseitige Berichterstattung wird leider hier zur Regel... Wenn der VW-Konzern vorsätzlich und im großen Stil betrügt, ist von "schummeln" die Rede. Wenn Opel Maßnahmen ankündigt, die klar in die richtige Richtung weisen und weit über die Bemühungen der anderen Hersteller hinausgehen, wird einfach ein negativer Kontext konstruiert. Ein Schelm, wer böses dabei denkt!
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