Aus für das Opel-Werk Bochum, ich kam aus dir

Hier rollten Kultautos wie Kadett, Manta und GT vom Band, fast 14 Millionen Wagen insgesamt. An diesem Freitag wird im Opel-Werk Bochum das letzte Auto gebaut. Ein Rückblick auf Zeiten, als die Marke mit dem Blitz rebellisch und modern war.

Opel

Von Jürgen Pander


"Bochum, ich komm aus dir" - der Liedvers von Herbert Grönemeyer trifft auch auf einige der erfolgreichsten Autos des Herstellers Opel zu. In Bochum stand das Opel-Werk, in dem die Modelle Kadett, GT, Manta und Ascona gebaut wurden. Allesamt coole Neuwagen - damals, in den Sechzigern, Siebzigern und Achtzigern. Doch 2014 ist Schluss bei Opel in Bochum. Diesen Freitag rollt der letzte Wagen vom Band, nach mehr als 52 Jahren endet die Produktion.

Das letzte Modell wird ein Zafira Tourer sein. Sieben Sitze, familienfreundlich, die automobile Antithese zum Opel GT, dem Sexsymbol auf Rädern von 1968.

"Ein neues Auto aus einem neuen Werk", so warb Opel im Herbst 1962 für den Kadett A aus Bochum. Mehr als eine Milliarde Mark hatte die Anlage gekostet. Der SPIEGEL schrieb damals: "Niemals zuvor nahm ein Automobil-Unternehmen in Deutschland für einen einzigen Fahrzeugtyp ein so großes finanzielles Risiko auf sich." Der kompakte Viersitzer war als Konkurrent zum damaligen Platzhirsch VW Käfer konzipiert. Das Risiko sollte sich bezahlt machen - zunächst.

Der Kadett avancierte zum Opel-Bestseller. Die billigste Version mit 40-PS-Motor kostete 5075 Mark und war damit nur wenig teurer als ein Käfer mit 34 PS für 4980 Mark. Bereits 1965 folgte die zweite Generation, der Kadett B. Schicker, stärker und geräumiger als der Vorgänger, aber immer noch zuverlässig und günstig. Dieses Auto stand für Modernität und Aufbruch - vor allem im Vergleich zum VW Käfer. Der Opel bot einen wassergekühlten Motor, eine selbsttragende Karosserie und er wog trotz des besseren Platzangebots auch noch gut hundert Kilogramm weniger als der Käfer.

Der Kadett B bildete auch die Basis für eines der aufregendsten Opel-Modelle überhaupt: den GT. In Bochum gebaut von 1968 bis 1973, berühmt für seine ultra-knackige Karosserie und den zum geflügelten Wort gewordenen Werbeslogan "Nur fliegen ist schöner". Gut 103.000 Exemplare wurden produziert. Es wären wohl noch viele mehr geworden, wenn nicht die französische Karosseriefirma, die das taillierte Blechkleid des GT fertigte, von Renault aufgekauft worden wäre und die Lieferungen an Opel eingestellt hätte.

Die coolen Kisten aus dem Ruhrgebiet

Der Kadett B und der GT waren aber nur die Vorstufe für die Heydays des Autobaus in Bochum. Denn ab 1970 lief die Produktion gleich zweier Typen an, die Opel-Geschichte schreiben sollten: Ascona und Manta. "Mit jedem Kilometer wächst die Freundschaft", so rührend bieder warben die Rüsselsheimer damals für das komplett neue Modell Ascona. Weitaus zugkräftiger dürfte gewesen sein, dass Walter Röhrl auf einem Ascona A 1974 die Rallye-Europameisterschaft gewann und 1982 auf einem Ascona B Weltmeister wurde.

Es waren goldene Zeiten für Opel. Die Belegschaft im Werk Bochum erreichte damals ihren Höchststand von mehr als 20.000 Beschäftigten.

Der Manta wiederum war die Coupé-Variante des Ascona und wurde als Widerpart zum damals erfolgreichen Ford Capri positioniert. Vor allem die zweite Generation ab 1975, der Manta B, war mit den stärkeren Motorisierungen ein grandioser Sportwagen und in Deutschland über viele Jahre das meistverkaufte Auto dieser Klasse.

Passend zum automobilen Aufschwung im Ruhrgebiet hatte sich auch noch der VfL Bochum 1971 bis in die Fußballbundesliga hochgespielt - und hielt sich dort tapfer bis zur Saison 1992/1993, Ehrentitel "Die Unabsteigbaren". Genau zu dieser Zeit erreichte auch die Produktion im Bochumer Opel-Werk ihren Höhepunkt: mit jährlich 361.994 Fahrzeugen.

Dann begann der Abstieg. Und zwar nicht nur für den VfL.

Nach mehr als 13,7 Millionen Autos ist Schluss

Der Astra, der 1991 als Kadett-Nachfolger auf den Markt kam, war anfangs ein solider Kompaktwagen, verlor aber später von Generation zu Generation an Pep und Solidität. Die Nachfrage sank, der Preisdruck wurde schärfer. Als die Produktionsaufträge für den Astra H vergeben wurden, erhielten Opel-Werke in Großbritannien und Polen den Zuschlag. Für Bochum blieb ab 2004 lediglich das Kombimodell Astra Caravan, und das auch nur bis 2009.

In diesem Jahr wurden in Bochum noch gut 142.000 Autos gebaut, von etwa 6000 Mitarbeitern. Der Pkw-Markt in Europa, Opels wichtigste Absatzregion, schrumpft seit Jahren. Die enormen Überkapazitäten haben bereits Millionensummen verschlungen. 2010 wurde bereits die Opel-Produktion in Antwerpen geschlossen. Jetzt ist Bochum an der Reihe.

Das Ende kommt nach mehr als 13,7 Millionen gebauten Autos. Das finale Fahrzeug wird übrigens nicht in der werkseigenen Sammlung aufbewahrt, sondern ganz normal verkauft. Und vermutlich wird der Besitzer nie erfahren, dass er den letzten Opel fährt, für den die Zeile gilt: "Bochum, ich komm aus Dir".



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Seite 1
chrutchfield 04.12.2014
1. Schön die Geschichte...
...von den Autos aus Bochum. Die Menschen, die dort lange Jahre gearbeitet haben, tun mir ehrlich leid. Hoffentliich finden die Jüngeren unter ihnen einen neuen und vernünftigen Arbeitsplatz, aber keinen mit Niedrigstlohn. Ist das Ende des OPEL-Werkes auch eine Folge der Globalisierung? Wenn Autobauer aus anderen Kontinenten so langsam marktbeherrschend werden, kann die Enttwicklung auch andere Autobauer in D treffen. Irgendwann ist auch bei dem Autoabsatzwachstum die 'Luft raus'. Hoffen wir das Beste!
brassica 04.12.2014
2.
Zitat: "Der Astra, der 1991 als Kadett-Nachfolger auf den Markt kam, war anfangs ein solider Kompaktwagen, verlor aber später von Generation zu Generation an Pep und Solidität." Den Satz kann man so nicht stehenlassen. Es ist eher umgekehrt: Der erste Astra war zwar noch von ähnlich mieser Qualität wie der letzte Kadett. Aber bereits mit dem nachfolgenden G-Modell haben die Bochumer wieder ein recht vernünftiges Alltagsfahrzeug auf die Räder gestellt. Mein Astra G z.B. (Bj. 2001, knapp 200.000 km gelaufen) hat bis auf den Tausch normaler Verschleißteile wie Auspuff und Zahnriemen plus ein paar Ölwechseln noch nie die Werkstatt gesehen.
herrbausb 04.12.2014
3. Heute endet ein besonderes Kapitel Wirtschaftsgeschichte...
Wenn der Abschied auch nicht glanzvoll ist: es gab auch gute Jahre! Ein filmischer Rückblick in die Zeit, als Opel noch Erfolgsgeschichte war: http://www.bochumschau.de/schliessung-opelwerk-bochum-2014.htm
basiliusvonstreithofen 04.12.2014
4. Opel war zwar nicht so richtig mein Fall...
...aber einmal wäre ich fast schwach geworden, als es den Calibra 2.0 Turbo mit 206 PS Anfang der 90er gab. Der Opel Calibra war an sich schon ein extrem schönes Auto und mit dem Turbo und 206 PS (vmax = 245 km/h) für die damaligen Verhältnisse enorm sportlich. Damals waren maximale Geschwindigkeiten bis scharf ran an 250 km/h eine Ausnahme. Angeblich soll aber der Opel-Turbo beim Calbra sehr fehleranfällig gewesen sein. Ich hatte mich dann doch für den noch etwas sportlicheren Coupe-Konkurrenten FIAT (220 PS) entschieden. Beide Coupes von Fiat und Opel waren eine Augenweide und spiegelten den Zeitgeist der frühen 90er wider. Opel und FIAT, beide i. A. nicht den besten Ruf genießend, wobei ich noch heute von diesem Coupe FIAT während der drei Jahren Fahrzeit begeistert bin, haben es versämt, jeweils einen Coupe-Fachfolger zu präsentieren. Das Modell-Programm heute ist nicht sehr berauschend für sportlich ambitionierte Fahrer. Vielleicht war das auch der Grund für den Niedergang beider Marken.
aha-aha 04.12.2014
5.
Zitat von chrutchfield...von den Autos aus Bochum. Die Menschen, die dort lange Jahre gearbeitet haben, tun mir ehrlich leid. Hoffentliich finden die Jüngeren unter ihnen einen neuen und vernünftigen Arbeitsplatz, aber keinen mit Niedrigstlohn. Ist das Ende des OPEL-Werkes auch eine Folge der Globalisierung? Wenn Autobauer aus anderen Kontinenten so langsam marktbeherrschend werden, kann die Enttwicklung auch andere Autobauer in D treffen. Irgendwann ist auch bei dem Autoabsatzwachstum die 'Luft raus'. Hoffen wir das Beste!
Eher das Gegenteil. Opel hatte als GM-Tochter schon immer das Problem, daß sie nicht Zugang zu allen Märkten hatten. Opel darf nach wie vor nur dort anbieten, wo GM selbst nicht verkauft. Damit halten sie sich die Konkurrenz aus eigenem Haus vom Hals. Daß das Unsinn ist, sieht man bei VW. Aber der Qualitätsunterschied zwischen einem Opel und einer GM-Ami-Schüssel ist wohl auch grösser als der zwischen VW und Audi.
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