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Operieren auf Rädern: Die größten Krankenwagen der Welt

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Sie sind bis zu 18 Meter lang, viele Millionen Euro teuer und haben Platz für 80 Patienten. Das macht die Klinikbusse für Dubai zu den größten Krankenwagen der Welt. Zwei sind bereits ausgeliefert, am dritten wird noch gearbeitet - zwischen Wiesbaden und Limburg.

Klinikbusse: Rollender Operationssaal Fotos
Von Bergh Global Medical Consulting

Zugunglück, Großbrand, Chemieunfall oder ein Erdbeben - je größer die Katastrophe, desto schlimmer ist meist auch das Chaos am Unglücksort. Deshalb können - selbst wenn genügend Retter zur Stelle sind - Verletzte oft nicht rechtzeitig versorgt und in Krankenhäuser gebracht werden. Das Emirat Dubai möchte derartige Situationen entschärfen und gab deshalb gleich drei Großraumrettungswagen in Auftrag. Mit bis zu 18 Metern Länge und mit Platz für mehr als 80 Patienten sind sie die größten Krankenwagen der Welt. Vielmehr sind es Krankenhäuser auf Rändern - mit Intensivbetten, Operationstischen und Röntgenapparaten.

Gebaut werden die Busse beim deutschen Spezialunternehmen Heymann in Nastätten zwischen Wiesbaden und Limburg. Die Firma kam eher zufällig an den Auftrag. Der seit 75 Jahren bestehende Betrieb ist spezialisiert auf Busumbauten aller Art - von Nightlinern für Rockstars über Mannschaftsbusse für Fußballclubs bis zu VIP-Shuttles für Fluglinien. "Mit Medizintechnik allerdings hatten wir bisher kaum etwas zu tun", räumt Geschäftsführer Michael Aulmann ein. Einzig das Land Rheinland-Pfalz ließ vor der Fußball-Weltmeisterschaft 2006 zwei Krankenbusse für den WM-Standort Kaiserslautern ausrüsten. Und genau auf diese Fahrzeuge wurden die Araber aufmerksam - und so kam es dann zum Großauftrag.

Binnen drei Monaten werden die zwölf Meter langen Busse vom Typ Mercedes Citaro in Handarbeit von Nahverkehr auf Notfall umgerüstet. Klinikbetten, Röntgen- und Ultraschallgeräte werden eingebaut, von der Decke hängt eine taghelle Operationslampe die allein 200 Kilogramm wiegt, und die 12.000 Liter Sauerstoff der Beatmungsanlage reichen für drei Tage. Vier Mediziner können an Bord parallel arbeiten; ob schwerste Brandverletzungen, Knochenbrüche oder Kaiserschnitt - es gibt kaum eine Operation, die hier nicht möglich wäre.

Die ersten beiden Busse waren für die Spezialisten um Monteur Stefan Meyer so etwas wie ein Auftakt, denn danach folgte der größte Brocken. Ein Gelenkbus von 18 Metern Länge, der auch Aufnahme ins Guinness-Buch der Rekorde finden soll. "Wir haben den Bus leer aus dem Mercedes-Werk in Mannheim geliefert bekommen", sagt Meyer, während er gerade die Fenster mit Sichtschutzfolie beklebt und bereits ein paar Spezialsitze eingebaut sind. Danach folgen die OP-Tische, die Transportpritschen und zum Schluss Dutzende von Wandschränken, allesamt passgenau geschreinert und in schmucker Karbonoptik.

Insgesamt 800 Meter Kabel und Schläuche sind im Klinikbus verlegt

Schließlich wird der Innenraum noch komplett verkleidet, denn unter den Blenden des Busses sind mehr als 700 Meter Kabel und mehr als 100 Meter Sauerstoffleitungen verlegt. Auch zahlreiche Zusatzscheinwerfer und sogar vier Video-Kameras sind installiert, über die jeder Winkel im Bus einsehbar ist. Die Bilder der Kameras laufen in der Regiezentrale neben dem Fahrersitz zusammen. Dort kann der Chef der fahrenden Klinik auch alle Untersuchungsergebnisse einsehen und hält über Fax, Telefon und Datenleitung den Kontakt zur Außenwelt. Die Karosserie des Klinikbusses ist in den typischen Rettungsfarben lackiert, dazu gibt es jede Menge Aufkleber mit Notfall-Beschriftungen und auf dem Dach gibt es natürlich Blaulicht und Sirene.

Auf die neue Arbeit an den Klinikbussen sind die Heymann-Mitarbeiter durchaus stolz - auch wenn sie sich an Themen wie das Verlegen von Sauerstoffleitungen erst vorsichtig herantasten mussten. "Busse für Rockstars oder Fußball-Profis bauen wir jeden Tag, aber diese Klinikfahrzeuge sind schon etwas Besonderes", sagt ein Monteur.

Der Dieselmotor dient auch als Notstromaggregat

Nicht nur die Medizintechnik macht die Busse besonders. Auch der Rohfahrzeug-Hersteller Mercedes musste alle Register ziehen. Der 354 PS starke Dieselmotor treibt nämlich nicht nur das Fahrzeug an, sondern auch eine besonders wüstenfeste Klimaanlage und die Notstromversorgung für das Lazarett im ehemaligen Linienbusmodell. Außerdem wurde die Federung so überarbeitet, dass man den Klinikaufbau komplett auf den Boden absenken kann, erläutert Heymann-Geschäftsführer Aulmann. "Denn beim Operieren sollte der Wagen besser nicht wackeln."

Wie viel die Kliniken auf Rädern gekostet haben, mag der Geschäftsführer nicht verraten. "Schon das nackte Basisfahrzeug kostet zwischen 400.000 und 600.000 Euro. Und mit der ganzen Medizintechnik und der wochenlangen Handarbeit steigt der Preis auf ein Vielfaches"; das ist das Einzige, was er sich entlocken lässt. Künftig könnte auf Aulmann und sein Team noch mehr Arbeit zukommen. Denn seit der Premiere des Klinikfahrzeugs auf der Fachmesse Rettmobil, gibt es zahlreiche Anfragen aus Arabien. "Mit den Großraumrettungsfahrzeugen ist es dort wie mit den Supersportwagen: Hat sie ein Scheich, wollen sie die anderen auch."

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