Optisches Tuning: Bodybuilding fürs Auto

Von Philip Wesselhöft

Wer tunt, liebt Breitreifen, bullige Spoiler und Lackierungen mit "Boah-ey"-Effekt. Warum aber motzen gerade Besitzer von Klein- und Familienwagen ihren Fiesta, Polo oder Kangoo zum Boliden auf? Psychologen sehen dahinter den "drängenden Wunsch nach eigener Identität".

Steffen Loose stand vor einem Problem. Zum einen hatte er in der Tuning-Szene einen Namen zu verlieren. Unter dem Künstlernamen "Sallus" gilt der gelernte Lackierer und Kfz-Mechaniker als einer der besten Tuner im Land. In seiner Werkstatt in Weißenfels bei Leipzig werden vor allem Autos der Marke BMW zu derart eigenwilligen und spektakulären Mobilen aufgerüstet, dass man in Bayern sicher am liebsten eine Unterlassungsklage nach der nächsten verfassen würde, gäbe es dafür nur irgendeine rechtliche Handhabe. Und nun sollte Sallus, der Tuning-Gott aus Sachsen-Anhalt, einen VW Sharan veredeln?

Und zwar nicht irgendeinen, sondern exakt den Wagen, der zu Hause in der eigenen Garage stand: den Van der Familie Loose, auf speziellen Wunsch von Ehefrau Grit. Denn die ist ebenfalls Tuning-Fan. Und da für Nachwuchs Max-William im Zweitwagen, einem wegen diverser Hifi-Komponenten um den Gepäckraum beraubtem BMW 3er Touring, nicht genügend Platz war, wurde nun der Sharan in Papas Werkstatt gefahren. Dort mutierte der Van mit Audi-A4-Schürzen, Seitenschwellern, verchromten 19-Zoll-Rädern und Klavierlackierung zu einer der markantesten Familienkutschen auf deutschen Straßen, zumindest aber zu einem einzigartigen Gefährt, das seine Wolfsburger Herkunft gekonnt verdrängt. Zum ganzen Stolz von Familienvater Steffen Loose: "Der Wagen ist die beste Tuning-Werbung überhaupt. Wenn man sogar aus einem Sharan etwas machen kann, dann gibt es keine Grenzen mehr."

Mit der Veredelung des Vans liegt der Tuner ganz im Trend: Immer mehr Familienväter lassen sich ihre eigentlich praktisch-langweiligen Autos aufrüsten, bis diese mit dem Ursprungsmodell nicht mehr viel gemein haben. Ob Renault Kangoo, VW Sharan oder jedweder Kombi – Tuning macht vor keiner Marke und keinem Modell halt. "Wer sein Auto veredeln lässt, will seiner Individualität Ausdruck verleihen", sagt Bodo Buschmann, Vorstand des Verbandes Deutscher Automobiltuner (VDAT). "Und das gilt auch für den Familienvater, der sich zu Gunsten des Nachwuchses für einen praktischen Wagen entscheiden muss, aber trotzdem noch etwas darstellen will."

Da sind dann schnell 15.000 Euro investiert

Dann wird aufgerüstet: Mit so großen wie breiten Leichtmetallrädern, tiefer gelegtem Fahrwerk, Sportauspuff, Highend-Musikanlage, Multimedia-Geräten, aerodynamischen Seitenschwellern, Spoilern sowie Front- und Heckschürzen und einer neuen Lackierung, bei der sich nach Wunsch ein Airbrush-Künstler verwirklichen darf. Alles in allem können dabei schnell 15.000 Euro investiert werden, kalkuliert Christian Schmidt, Redakteur der Branchenzeitschrift "Tuning". "Damit setzt man sich von der Masse der Alltagsfahrzeuge ab", sagt der Experte. "Und fährt immer noch günstiger, als wenn man sich etwa einen Porsche gekauft hätte."

Denn rund 70 Prozent der getunten Autos in Deutschland sind vor der Fahrt in die Veredelungs-Werkstatt Gebrauchtwagen – vor allem auch deshalb, weil sich ihre Halter keinen teuren Neuwagen leisten können und lieber einen gebrauchten Kleinwagen wie Ford Fiesta, VW Polo oder Renault Clio in die Tuning-Werkstatt ihres Vertrauens überführen. Davon gibt es in Deutschland mehrere hundert. Während die großen Hersteller wie BMW, Mercedes oder Audi das Veredeln ihrer Limousinen in den Tochterfirmen M GmbH, AMG und Quattro selbst in die Hand nehmen, wird in freien Werkstätten wie etwa Sallus-Tuning jedes denkbare Modell aufgemotzt.

"Ich bin mein eigener Designer"

Gerade die unscheinbaren Kleinwagen erfreuen sich in der Tuning-Gemeinde großer Beliebtheit als Basismodell für größere Materialschlachten. "Ein getunter Wagen muss unbedingt etwas hermachen", sagt der Hamburger Verkehrspsychologe Jörg-Michael Sohn. "Je schlichter das Modell, desto größer ist später der Aha-Effekt." Vor allem junge Männer, die ohne Partnerin oder größeren beruflichen Erfolg durchs Leben gehen, hat der Experte als typische Tuning-Klientel ausgemacht. Er sieht "den drängenden Wunsch nach Bestätigung, Individualität und Stolz auf etwas Selbstgeschaffenes" als Motivation, Tausende von Euro in einen gebrauchten Fiesta oder Polo zu stecken. "Ein getuntes Auto ist eine Eigenkreation", sagt Sohn. "Auch wenn man nicht selbst Hand angelegt hat, hat man doch die Entscheidungsgewalt über die Gestaltung. Im Prinzip geht es darum, sagen zu können: Ich bin mein eigener Designer."

Dass das nach eigenen Vorstellungen entworfene Auto oft ein größerer Hingucker ist als der Fahrer selbst, macht für den Psychologen durchaus Sinn. "Tuning ist Bodybuilding fürs Auto", sagt Sohn. "Man identifiziert sich mit dem eigenen Wagen und gleicht Unzulänglichkeiten des eigenen Körpers aus. Das Auto wird zu einem Ersatzkörper, zu einer schönen Rüstung, die ihren Besitzer schützen und schmücken soll." Nach entsprechender Behandlung können dann sogar Corsa, Polo oder 206 zum Blickfang werden – und zur Not behilft man sich eben noch mit einem Zweitwagen, ebenfalls getunt.

Steffen Loose von Sallus-Tuning jedenfalls fährt, wenn der Nachwuchs nicht dabei ist, nach wie vor lieber seinen tiefer gelegten und flammend-roten 3er Touring als den ebenfalls veredelten Familien-Van mit integriertem Kindersitz. Erst kürzlich beeindruckte er auf einer Tuning-Messe am Bodensee sogar Reggae-Star Shaggy mit dem bulligen BMW, woraufhin Loose den Superstar zu einer spontanen Spritztour einladen durfte. Ob das auch mit dem Sharan gelungen wäre, bleibt fraglich.

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Forum - Schöner fahren - wie wichtig ist Design beim Auto?
insgesamt 140 Beiträge
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1.
DJ Doena 16.10.2006
a) Design sollte nicht den Spritverbrauch unmäßig erhöhen. b) Design sollte nicht bei allen gleich aussehen.
2. wie das?
fritze meier 16.10.2006
wieso sollte die gestaltung eines autos nicht wichtig sein? verstehe ich nicht. ein gegenstand ist immer irgendwie entworfen oder gestaltet worden, deswegen kann man um dessen design nicht herumkommen. vermutlich meinen sie eine aussergewöhnliche gestaltung oder eine unverwechselbar entworfene form. bei autos ist das ja wohl ziemlich erheblich. selten kann man unterstellen, dass ein auto wegen seiner funktionalität besticht. selbst solche un-autos wie nissan micra oder dacia logan sehen nicht aus versehen wie dunstabzugshauben aus, nur, weil sie "vernünftig" sein sollen. und nicht alle bundesbürger fahren einen lupo 3l, das einzige auto, bei dem die form konseuent der funktion gefolgt ist. autos sind ein absolutes phänomen der menschlichen seele: je absurder das autohaben und -fahren wird, desto mehr scheint es von den karren zu geben. daran hat die gestaltung einen erheblichen anteil. für mich sinnbild dieser verführung ist das "böse-gesicht-design": die schüsseln von bmw haben es jetzt sogar am gesäß! und der liebe junge von nebenan klebt sich die entsprechenden im zubehörmarkt käuflichen klebefolien auf die lampen seines golf 3. endlich mal erschrecken! spätestens mit dem kläglich scheiternden burnout der 75 ps ist es aus mit der boshaftigkeit...
3.
Muffin Man 16.10.2006
Design kann dazu beitragen, Funktionalität und Ergonomie zu erhöhen. Leider dient Design aber vor allem dazu, das Automobil (bzw. Konsumgüter überhaupt) zu emotionalisieren. Ein gelungenes Design stellt die Eleganz des Gegenstandes heraus, es sollte nicht zu verspielt sein, und es sollte den NUTZWERT nicht schmälern... Bei den meisten Fahrzeugen der letzten rund 20 Jahre ist die Karosserie unübersichtlich geworden, man kann zumeist kaum abschätzen, bis in welchen nicht einsehbaren Bereich der vordere oder der hintere Stoßfänger hineinragen... Unübertroffen hierin ist und bleibt also der von Alec Issigonis entworfene Ur-Mini. Natürlich verlangene andere Fahrzeugkategorien eine andere Linienführung: Die Repräsentationslimousine muß "unerschütterlich" wirken, wie ein Rolls Royce Phantom V also - oder ein Mercedes 600 Pullmann, wogegen beispielsweise die schwülstigen Wölbungen eines Tatra, eines ZIL oder eines Hong-Qi nur bemüht wirken, die Dimensionen amerikanischer Straßenkreuzer nachzuahmen. Ein Sportcoupé, ein GT, muß aussehen, als würde gerade zum Sprung angesetzt werden: Der Lamborghini Miura, der Ferrari 375, der Iso Grifo, der Maserati Ghibli, auch der Alfa Romeo Montreal sind perfekte Vertreter dieser Art! Auch heute ist es wieder Alfa, deren GT, so sehr er in den Proportionen dem 147er ähnelt, den größten Fahrspaß verspricht. Da jedoch die Anforderungen an Zuladung und Variabilität gestiegen sind, verwundert es kaum, daß das Gros der Fahrzeugzulassungen im Bereich der Kompaktklasse zu vermuten ist - und das Bedürfnis nach Exklusivität sich eher im Kauf eines SUV ausdrückt. Der Urahn der "Golfklasse" ist sicher der Renault 16 - und der heutige Peugeot 307 der eleganteste Wagen seiner Klasse. Jüngeren Zielgruppen steht mit dem aktuellen Fiat Panda ein Auto ähnlichen Platzangebotes zur Verfügung, dessen Form gewissermaßen "die Infantilisierung der Gesellschaft" aufgreift und ironisiert. Gelungen war auch der "Grand Cherokee" von Jeep - nicht für's Gelände (da ist jeder Pinzgauer überlegen!), der bzw. dessen Urahn (Jeep Wagoneer) ja auch auf den Mercedes G-Klasse mit langem Radstand abgefärbt hat. Letzterer ist wirklich schon ein Traumwagen - wogegen ein VW Touareg, ein Porsche Cayenne usw. als Karikaturen eines All-Terrain-Vehicle anmuten.
4. Oje!
Muffin Man 16.10.2006
Heute kam nun doch wieder ein Schock: Mercedes kopiert bei der neuen S-Klasse den "Bangle-Buckel" des 7er BMW! Als ich heute nachmittag zufällig am Verlagsgebäude Axel Springer (in Hamburg) vorbeikam, stand auf dem Gehweg (= VIP-Parkzone...) ein nagelneuer S-Klasse mit Stuttgarter Kennzeichen. Livrierter Chauffeur, Bodyguard, und offensichtlich irgendein DAX-Mafioso waren anwesend. Anhand der Seitenlinie des Wagens war jedoch nicht mehr erkennbar, ob das Auto aus Stuttgart oder aus München kam. Lediglich die Frontpartie verriet, daß der Falschparker seiner Zulassung gemäß aus dem Schwäbischen stammte... Damit dürfte das Renommée der Untertürkheimer ihren Tiefpunkt erreicht haben.
5. Unabhängig von der Fahrzeugklasse: form follows function!
Heinrich20 16.10.2006
Der Grundsatz gilt in meinen Augen für jeden Gebrauchsgegenstand. Die Funktion *unterscheidet* ihn ja vom Kunstgegenstand. Das spricht natürlich überhaupt nicht gegen die aufregende Form eines Jaguar E, Peugeot 504 Cabrio oder meinetwegen auch Ford Capri. Grundsätzlich sollte ein Sportwagen ebenso Emotionen wecken wie ein VAN und genau darin liegt die Schwierigkeit! Das Ziel ist doch entscheidend: Wofür wird das Auto gebaut, was erwartet der Kunde? Soll ein Sportwagen agil und schnell fahrbar sein, so sollte ein VAN komfortabel für die Familie sein und trotzdem die Chance bieten zur schneller und ermüdungsarmer Überbrückung von Strecken. Interessiert das dreijährige Kind in einem VAN, ob der VAN von außen schnittig aussieht oder ob der Innenraum familienfreundlich, kindgerecht gestaltet ist? Da werden ebenso Emotionen geweckt und hohe Anforderungen an das Design gestellt! Es ist natürlich viel leichter, ein schönes Coupé zu bauen als einen schönen Kompaktvan, darüber sollte sich jeder im Klaren sein, der über die Form, z.B. eines Fiat Multipla lacht. Ich fahre inzwischen meinen vierten Saab 900, jetzt als Cabiolet ein echter Kompromiss zwischen Funktionalität und Fahrfreude. Sicher, ein echter Roadster wäre auch nicht schlecht aber dennoch ziehe ich den hohen Nutzwert dieses Autos dem reinen Spaßfaktor vor. Gerade hier zeigt sich, dass beides vereint werden kann, denn ich kann problemlos zu viert in Urlaub fahren und friere auch im Winter nicht. (Auffallen tue ich mit meinem 17 Jahre alten Auto allemal! ;) ) So stelle ich mir Design vor! Gruß Martin
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