Staus und Umweltverschmutzung Paris in Zeitlupe

Tempo 30 für ein Drittel von Frankreichs Hauptstadt - so will Bürgermeisterin Anne Hidalgo die Metropole sicherer und sauberer machen. Doch die Erfolgsaussichten sind umstritten.

Berufsverkehr in Paris (Archiv): Autos verstopfen die Straßen der Hauptstadt
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Berufsverkehr in Paris (Archiv): Autos verstopfen die Straßen der Hauptstadt

Von , Paris


Eiffelturm, Montmartre oder Sacré Coeur: Ausgerechnet Paris' berühmte Sehenswürdigkeiten bleiben immer wieder unsichtbar - versteckt hinter bräunlichen Autoabgasen, durchziehendem Industriesmog und fetten Schwaden von Heizungsemissionen.

Mit drastischen Mitteln will Bürgermeisterin Anne Hidalgo die Luftverschmutzung bekämpfen. Im Rahmen ihres Kampfes "Anti-Pollution" hat sich die Sozialistin zunächst den Straßenverkehr vorgenommen: Paris soll langsamer werden.

Bestehende Tempo-30-Zonen sollen bis Ende des Jahres auf mehr als ein Drittel von Paris ausgeweitet werden - insgesamt 88 Kilometer Straßen und Boulevards. Bis 2020, so das Ziel, soll das Tempolimit im gesamten innerstädtischen Verkehr der Hauptstadt gelten. "Damit wird der öffentliche Raum beruhigt", erklärt Hidalgo, "die Straßen werden sicherer und der Verkehrslärm wird vermindert."

Eine Idee, die auch in Deutschland Früchte trägt. So hatte sich auch Bundesverkehrsminister Alexander Dobrindt (CSU) für mehr Tempo-30-Zonen ausgesprochen. Die Landesverkehrsminister möchten ebenfalls häufiger Geschwindigkeitsbegrenzungen von 30 km/h - auch um den Verkehrslärm einzudämmen.

Zunächst im Visier: das Zentrum

In Paris knüpft sich Bürgermeisterin Hidalgo dazu den Kern rund um den Triumphbogen oder den Boulevard Saint Germain vor. Belebte Viertel vor allem im Osten der Stadt werden später dazukommen.

Ergänzt wird das Programm durch die Ausweitung der "Zonen des Zusammentreffens" - rund um Notre Dame oder die Seine-Insel Ile Saint Louis. Also jene belebten Straßen und Plätze, wo Fußgänger grundsätzlich "Vorfahrt" haben und Autofahrer sich an Tempo 20 halten müssen.

Auch auf der Ringautobahn um Paris könnte die Höchstgeschwindigkeit noch weiter abgesenkt werden. Dort gilt bereits seit zwei Jahren ein Tempolimit von 70 km/h, wodurch sich die Zahl der Staus auf dem "Périphérique" deutlich reduziert hat. Laut dem Verkehrsinformationsdienst Inrix 2014 im Vergleich zum Vorjahr um 36 Prozent.

Sind Autos wirklich nicht länger willkommen?

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Luftverschmutzung: Smog-Alarm in Paris
Umstritten bleibt die Frage, ob geringere Geschwindigkeit des Verkehrs auch weniger Umweltverschmutzung bedeutet. "Die Ergebnisse sind oft widersprüchlich", so die staatliche Umweltbehörde ADEME in einer Studie von 2011/12. Und betont, dass die Qualität der Luft von verschiedenen Faktoren abhängig ist, vor allem vom Verkehrsfluss. Dennoch experimentieren Europas Metropolen mit diesem Konzept, rund 20 französische Städte haben bereits ähnliche Beschränkungen verhängt.

Bei Parisern trifft die Idee des 30-km/h-Limits nicht nur auf Verständnis. "Das ist unmöglich einzuhalten", erklärte ein Kraftfahrer. "Das ist gut für die Sicherheit", sagt eine Berufspendlerin aus dem Großraum Ile-de-France, räumt aber ein: "Beachten werde ich das nicht."

"Das Auto ist nicht länger willkommen", kommentiert die Tageszeitung "Le Parisien" die Pläne der Bürgermeisterin, zu der neben der Geschwindigkeitsbeschränkung auch das angepeilte Verbot von Diesel-Fahrzeugen gehört oder der ambitionierte Plan zum Ausbau der Fahrradwege.

"Pauschal auf niedrige Geschwindigkeiten zu setzen ist Unsinn", findet auch der Lobbyverband "40 Millionen Autofahrer". In einer Stellungnahme heißt es dazu: "Ein Tempolimit wird nur dann von den Nutzern verstanden und befolgt, wenn es sich konkret auf ein bestimmtes Problem bezieht, beispielsweise in der Nähe von Schulen."

Paris fährt bereits langsam

In Wahrheit sind niedrige Geschwindigkeiten in Frankreichs Hauptstadt längst an der Tagesordnung - und nicht nur in den 20 Prozent der Straßen mit "Tempo 20". Der Verkehr in Paris erreicht im jährlichen Schnitt gerade 15,9 km/h, wie der jährliche Report der städtischen Verkehrsbeobachtungsstelle offenbart.

"Wenn wir wollen, dass Paris den Schritt ins 21. Jahrhundert macht, dann ist es überfällig, das Zentrum vom Transitverkehr zu befreien", sagt der für Verkehr zuständige Grüne Vize-Bürgermeister Christophe Najdovski und erklärt: "Das Paris des 20. Jahrhunderts wurde um das Schema 'vor allem Auto' konzipiert, ein Entwurf aus den Sechzigerjahren."

Dabei betrage der Geschwindigkeitsunterschied zwischen einer Metropole mit einer Höchstgeschwindigkeit von 50 km/h und einer Stadt mit überwiegend Tempo 30 im Schnitt nur 1,5 Kilometer, so Najdovski. Und der überzeugte Radfahrer fügt hinzu: "Um sich in Paris zu bewegen, braucht man kein Auto."



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mcpoel 29.05.2015
1. Besser als Dummweltzonen
Einschränkungen für alle sind immer besser als nur für solche, die keine Neuwagen kaufen wollen, für die es keinen "Rußfilter von der Stange" gibt, die sich teuere Abgasgutachten bei Eigeninitiative nicht leisten können oder sich nicht damit abfinden, von der Dummweltzonenbürokratie kalt enteignet zu werden. Dummweltzonen haben ja nichts mit Umwelt zu tun. Da geht es um den Absatz der KFZ Großindustrie (errr... um Arbeitsplätze natürlich, oder etwa nicht?!?).
3-plus-1 29.05.2015
2.
Was verschwiegen wurde: In Paris sollen auch Motorräder mit Baujahr vor 2000 verboten werden. http://www.motorradonline.de/recht-und-verkehr/paris-will-aeltere-motorraeder-aussperren/642438 Na, das wirkt sich bestimmt "ganz hervorragend" auf den Verkehrsfluß und die Parkplatzsituation aus, wenn die so enteigneten Vespa und Kleinkraftradbesitzer auf alternative, 15-Jahre-alte Kleinwagen für die Stadt umsteigen.
karlsiegfried 29.05.2015
3. Hilft auch nichts
Das ist der Preis für Wachstum und Frankreich hat Wachstum dringend nötig. Ansonsten ist angeraten vor jedes Auto ein Pferd zu spannen. Aber da gibt es neue Probleme und zwar tonnenweise stinkende Pferdeäppel.
nomadas 29.05.2015
4. Auto adieu
Ob Paris oder Peking - die Megastädte müssen sich vom Ottomotor verabschieden, wenn sie überleben wollen. Und das wollen sie, ganz einfach. Das wird peu à peu gehen, an der Seine. In Peking dagegen will der Audichef noch rasch dem Chinesen im Stau seinen Stau so angenehm wie möglich machen. Das Autojahrhundert bisheriger Prägung geht zu Ende. Es gibt für Paris ja bereits Pläne, den Péripherique dicht zu machen, damit in der City das smarte Leben der smarten Bourgeoisie ruhig seinen Lauf nehmen kann. Den MassenStress bitte in die Banlieus, Google- und militärüberwacht, verstehet sich! DATAR 2040 !
MS_FFM 29.05.2015
5. Erfolgsaussichten umstritten?
Aus dem Artikel geht nicht wirklich das hervor, was in der Überschrift steht. Was Lärm und Verkehrssicherheit betrifft, ist Tempo 30 in weltweiten Versuchen erfolgreich. Von der Auswirkung auf die Lebensqualität der Bewohner garnicht erst zu sprechen. Es wird lediglich eine Untersuchung zitiert, die eine Verbesserung der Luftqualität von dem Verkehrsfluss abhängig macht. Aber gerade der Verkehrsfluss ist bei niedrigen Geschwindigkeiten in der Regel besser: die Abstände zwischen den Autos sind kleiner, es werden weniger Ampel benötigt. Autoverkehr ist, das weiss die Wissenschaft, nicht wie Wasser, sondern wie Reis: wenn man versucht, den Durchfluss mit Druck zu erhöhen, stockt alles.
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