Pariser Carsharing-Projekt Autolib: Mit E-Autos gegen die Blechlawine

Aus Paris berichtet Tom Hillenbrand

Paris feiert stolz seinen Autosalon - und erstickt zugleich am Straßenverkehr. Bürgermeister Delanoë arbeitet jetzt fieberhaft daran, stinkende Blechkisten zu verbannen. Hat sein Plan Erfolg, bekommt die Stadt schon 2011 das größte Elektroauto-Netzwerk der Welt - und die Pkw-Industrie ein Problem.

Pariser Verkehrskonzepte: Frankreichs Mobilitätsevolution Fotos
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Paris erscheint vielen als ideale Stadt für eine Automesse; wenn dem Publikum in der Modemetropole ab Samstag neue Modelle und Studien präsentiert werden, dann ist das Spektakel den berühmten Prêt-à-porter-Schauen an der Seine nicht unähnlich. Einerseits.

Andererseits ist Paris ein seltsamer Ort für eine PS-Show, denn in kaum einer anderen europäischen Metropole lässt sich das Scheitern des motorisierten Individualverkehrs so eindrucksvoll erleben wie hier.

Autofahren in und um Paris ist ein Alptraum. Parkplätze gibt es sowieso nicht, und auf dem Peripherique genannten Innenstadtring steht man schon einmal eine Stunde, ohne sich auch nur hundert Meter vorwärts zu bewegen. Motorjournalisten, Pressesprecher und Vorstände werden diese Woche wieder stundenlang entnervt in ihren Shuttle-Limousinen sitzen, im Dauerstau, auf dem Weg zur nächsten Pkw-Präsentation.

Das entbehrt nicht einer gewissen Komik. Einer, der den Verkehrsinfarkt jedoch überhaupt nicht witzig findet, ist Paris' Bürgermeister Bertrand Delanoë. Der erklärte Elektroautofan bastelt derzeit an einem öffentlichen Carsharing-Modell mit akkubetriebenen Pkw.

Autolib-Abo für 15 Euro im Monat

Autolib soll es heißen, nach dem Vorbild des vor drei Jahren gestarteten Pariser Bikesharing-Systems Vélib. 3000 Elektroautos werden bereitstehen, über 700 Stationen in der Stadt verteilt. Autolib soll bereits im Juni 2011 in den Testbetrieb gehen, ab September muss das System nach dem Willen Delanoës voll einsatzfähig sein. Man mache keine halben Sachen, sagt ein Sprecher der Stadt. "Wir wollen einen großen Wurf."

Autolib-Abonnent zu werden soll 15 Euro im Monat kosten, eine halbe Stunde Nutzung dann fünf Euro. Das klingt bezahlbar, das Killerargument für die Nutzer dürfte jedoch der garantierte Parkplatz sein: Autolib-Kunden müssen nie mehr um den Block fahren, denn an der Zielstation ist schon ein Plätzchen für sie reserviert.

Derzeit balgen sich drei Konsortien darum, Autolib im Auftrag der Stadt betreiben zu dürfen: Die Konzerne Bolloré und Véolia sowie eine Gruppe um die französische Staatsbahn SNCF und den Autovermieter Avis.

Wie bei S-Bahn und Bus: Der Staat zahlt

Wäre so etwas in Deutschland auch denkbar? Eher nicht. Erstens gibt es keinen vergleichbaren Stadtmoloch. Die Not ist also nicht ganz so groß. Und zweitens würde man hierzulande vermutlich auf eine privatwirtschaftliche Lösung pochen, während man in Frankreich eher auf massive staatliche Förderung setzt: Allein jede der Ladestationen wird mit bis zu 50.000 Euro subventioniert.

Ein Verlustgeschäft? Das kommt darauf an, wie man rechnet. Ein Carsharing-Pkw ersetzt, so die Daumenregel, 15 Autos. Die Autolib-Flotte entspräche also 45.000 Privat-Pkw. In Paris ein Fahrzeug zu unterhalten, kostet im Jahr 7000 Euro, sagt Vizebürgermeisterin Annick Lepetit. Autolib könnte den Pariser Bürgern somit bis zu 315 Millionen Euro im Jahr sparen. Hinzu kämen weniger Straßenschäden, Umweltverschmutzung und Unfälle, weil Zehntausende Autos mittelfristig verschwinden würden.

Sorgen macht den Verantwortlichen noch das Thema Vandalismus. Von den 20.000 Vélib-Fahrrädern wurde fast die Hälfte zerstört. Wenn die ungleich wertvolleren Elektroautos demnächst in der Seine landen oder mangels Reichweite irgendwo am Straßenrand verenden, wird das für Stadt und Betreiber ein teurer Spaß. Man habe, heißt es aus dem Rathaus, die Bewerberfirmen deshalb aufgefordert, entsprechende technische Sicherheitsmaßnahmen zu entwickeln.

Sicher ist: Wenn Autolib im kommenden Sommer startet, werden Abgesandte aus Metropolen in der ganzen Welt nach Paris pilgern, um sich Delanoës Prestigeprojekt anzuschauen. Denn die Vorstellung, Zehntausende stinkender Blechkisten loszuwerden, findet wohl fast jeder Bürgermeister toll. Für die Autoindustrie könnten solche großen Carsharing-Programme mittelfristig zum Problem werden. Folgen viele Städte dem Pariser Beispiel, wird das den Absatz drücken.

Falls der Autolib-Plan funktioniert, können die Automanager beim Pariser Salon 2012 ja mit dem Elektro-Leihwägelchen zur abendlichen Party fahren. Ob ihnen das besser gefällt als in der S-Klasse im Stau zu stehen? Vermutlich nicht.

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