Verlassenes Autohaus Die vergessenen Oldtimer von Passau

Ein Ford aus den Zwanzigerjahren, ein Roadster aus den Siebzigern: Mitten im niederbayerischen Passau standen jahrzehntelang wertvolle Oldtimer in einem ehemaligen Autohaus. Jetzt wurden sie entdeckt und sollen bald wieder fahren.

Von Hubert Denk

Tobias Köhler / mediendenk

Erst vor wenigen Tagen ist in Paris für mehrere Millionen Euro ein Schatz von 60 Oldtimern versteigert worden, der jahrzehntelang auf einem Schloss unbemerkt vor sich hin rostete. In Passau wiederholt sich jetzt diese Geschichte: Zwar sind es viel weniger Autos, die dort entdeckt wurden - aber dafür an einem kuriosen Fundort. Die Fahrzeuge aus den Zwanziger- bis Siebzigerjahren tauchten nämlich nicht irgendwo in der Pampa auf, sondern mitten in der Stadt.

Als Heinz R. vergangene Woche die Pforten zu einem grünen Stadthaus in Passau-Neumarkt öffnete, betrat er die verstaubte Welt eines Autohauses, in dem vor 40 Jahren die Zeit stehen geblieben ist. In der Werkstatt im Erdgeschoss steht ein orangefarbener Roadster der britischen Marke MGB aus den Siebzigerjahren. Das Stoffdach ist zurückgeklappt, die Reifen sind platt.

Auf der Werkbank, unter einem von Efeu überwuchertem Lichtdach, liegt neben Schraubenschlüsseln ein ausgebauter Motor. "Das Haus der guten Gebrauchtwagen seit 1928" steht auf der Leuchtreklame über der Einfahrt. Ein langer schwarzer Ledermantel, der vielleicht mal dem Werkstattmeister gehörte, hängt auf einem Kleiderbügel neben einer Hebebühne. Ein Reisigbesen lehnt an der Wand. Es riecht nach altem Holz, Schmieröl und Autoreifen. Das Chefbüro im ersten Stock hinter einer Riffelglaswand ist ganz im Stil der Sechzigerjahre gehalten: grünes Polstersofa, Schreibtischsessel mit Holzarmlehnen, der Bücherschrank aus dunklem Holz mit kunstvoll geschnitzten Schiebetüren.

Feierabend - seit 1975

Der Gründer des Autohauses, der niederbayerische Ford-Großhändler Otto Hausmann hat - das lassen die letzten Tageszeitungen auf einem Schreibtisch am Empfang vermuten - im Sommer 1975 den Betrieb geschlossen. Zwölf Jahre später starb er im Alter von 82 Jahren. Seine Nachfahren kümmerten sich nicht weiter um das Autohaus. Jetzt starb die letzte Eigentümerin im Alter von 83 Jahren, am Donnerstag wurde sie auf dem Passauer Innstadtfriedhof zu Grabe getragen. Sie hat in ihrem Testament die Autos und Einrichtungsgegenstände einem Mann vermacht, dessen Vater ein uneheliches Kind des Autohausgründers war - Heinz R.

Der 60-Jährige stand vergangene Woche im Schauraum im ersten Stock des Stadthauses, hier parkt ein Ford Baujahr 1928, passend zum Gründungsjahr des Betriebs. Daneben vier weitere Oldtimer. Mit einer der großen Ford-Limousinen, so Heinz R., soll beim Katholikentag 1950 in Passau nicht nur Bischof Landersdorfer chauffiert worden sein, sondern auch Bundeskanzler Konrad Adenauer.

Dass sich hinter den dunkelbraunen verglasten Schiebetüren eine verlassene Autowerkstatt befindet, haben zwar viele Passauer geahnt, denn durch die verstaubten Scheiben konnte man einige Fahrzeuge erspähen. Doch dass sich hinter der verwitterten grünen Fassade mit den neun Fenstern über alle Stockwerke bis zum Dach ein komplett ausgestattetes Autohaus mit Oldtimern versteckt, wusste niemand.

Alte Ersatzteile, die sich bis unter die Decke stapeln

In den beiden oberen Stockwerken stapeln sich in deckenhohen Holzregalen Ersatzteile und Dokumente: Autositze und Stoßstangen, Zahnräder und Getriebe, Autozeitschriften und Verkaufsprospekte. Teile aus dieser Sammlung stammen aus den Vierzigerjahren.

Wie die Fahrzeuge in den ersten Stock des Gebäudes kamen? Eine spezielle Hebebühne trug sie durch ein scheunentorgroßes Loch in der Decke von der Werkstatt hinauf in den Schauraum. Die 50 Jahre alte Vorrichtung, so hat Otto Hausmann seinem Enkel Heinz einmal erzählt, sei der erste "Autoaufzug" Deutschlands gewesen.

Ein Dutzend der vergessenen Fahrzeuge hat der Erbe inzwischen abtransportieren lassen. In seinem Heimatort sollen sie restauriert werden. Was aus dem ehemaligen Autohaus wird, ist ungewiss. "Ich würde das Gebäude gerne kaufen", sagt der neue Besitzer der Autos. Aber das Haus selbst sei ein Fall fürs Nachlassgericht. Es gibt offenbar mehrere mögliche Erben, die aber erst noch gefunden werden müssen.

Eine Nachbarin wüsste schon eine Verwendung: In der Innenstadt ist es schwierig, einen Stellplatz fürs Auto zu finden - "Das legendäre Autohaus wäre die perfekte Parkgarage für unsere Straße."



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insgesamt 33 Beiträge
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Seite 1
ratxi 13.02.2015
1. Raum für die schönsten Träume
Was für eine schöne, aufregende Geschichte. Sie bietet Raum für die schönsten Träume. Vielleicht--und ich halte das für wahrscheinlich--sind einige Fahrzeuge ja sogar Neuwagen ohne Erstzulassung...
omnium_consensu 13.02.2015
2. ...Kulturgut!
es wäre zu schön, wenn so etwas im Ganzen als Museum erhalten werden könnte. Aber da Oldtimer boomen, werden sich die Profitgeier sehr schnell auf die guten Stücke stürzen. Damit ist jetzt Geld zu machen, man kann den vielen neuen (und gut betuchten) "Oldtimerfreunden" eine hippe Hintergrundkulisse für I-Phone-Selfies oder eben auch eine vermeintlich sichere Geldanlage verkaufen. Wirklich traurig!
clauswillypeter 13.02.2015
3.
Merkwürdig. Sieht gar nicht verwahrlost aus. Hoffentlich stimmt der Hinweis auf Adenauer. Wäre sonst nur clevere PR und Marketing.
andreasm.bn 13.02.2015
4. Bitte, bitte....
erhaltet wenigstens den Showroom und die Werkstatt! Das hat so einen morbiden Charme, da geht einem das Herz auf!
Bin_der_Neue 13.02.2015
5. Wie geil ist das denn?
Was mich an der ganzen Geschichte nur wundert: wie ist das überhaupt möglich? Mitten in den Innenstadt und niemand soll sich Jahrzehnte lang dafür interessiert haben, was in dem Haus für Schätze schlummern? Nicht einmal der ehemalige Mitarbeiter? Kurios..
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