Passstraßen in Südtirol: Kurven ohne Ende

Von Jürgen Pander

Die Fahrt über einen Pass gilt als hohe Schule des Autofahrens. Spaß macht es sowieso, wenn man sich über enge Kurven in die Höhe schraubt und mit jeder Serpentine mehr Weitblick genießt. Südtirol ist das Eldorado für Pass-Profis - SPIEGEL ONLINE war dort unterwegs.

Für Ski- und Kraftfahrer gleichermaßen attraktiv ist die Sella-Ronda, die große Schleife um den mächtigen Sellastock in Südtirol, die über den Sella-Pass, das Pordoi-Joch, den Campolongo-Pass und das Grödner-Joch führt. Die Tour ist schlichtweg eine Sensation, sowohl fahrerisch als auch landschaftlich. Das Problem dabei allerdings sind - wie so oft - die anderen, denn die Sella-Ronda ist ähnlich überlaufen wie die Sixtinische Kappelle nach der Kassenöffnung und daher nur für extreme Frühaufsteher wirklich ein Genuss.

Ganz anders, weil sehr viel ruhiger, geht es auf einigen nicht minder spektakulären Pässen ganz in der Nähe zu. Wer zum Beispiel das Grödner-Tal gen Osten verlässt, kann in St. Ulrich links abbiegen und kommt dann auf die Straße nach Kastelruth - dem Heimatort der Volksmusiktruppe "Kastelruther Spatzen", aber auch des Ski-Rennläufers Peter Fill und ist vor allem ein bildhübsches Dolomitendorf. Auf dem Weg dorthin vergisst man die triste und vollkommen überlastete Straße durchs Grödner-Tal augenblicklich. Denn von der Abzweigung weg schmiegt sich die Straße in engen Kurven und mehreren Haarnadelkehren über bucklige Almwiesen auf den Panider Sattel (1437 Meter Höhe, teilweise 15 Prozent Steigung).

Die Passhöhe selbst übersieht man beinahe, sie liegt im Wald und es gibt nur ein Straßenschild, das darauf hinweist. Doch die Auf- und Abfahrt des Übergangs sind landschaftlich durchaus reizvoll. Vor allem die Strecke hinunter nach Kastelruth, dessen frei stehender, mächtiger Kirchturm schon von weitem grüßt. Gleich hinter Kastelruth in Richtung Seis geht es wiederum links ab. Dies ist die Straße hinauf zur Seiser Alm, der größten Hochalm Europas, neuneinhalb Kilometer lang und für den Touristenverkehr die meiste Zeit des Tages gesperrt.

Kurvenklassiker auf die Seiser-Alm

Denn die Wanderer und Bergsteiger werden seit vier Jahren von einer Gondelbahn aus Seis direkt auf das wunderbare Hochplateau geschaufelt. Wer jedoch die tolle Straße erleben möchte, kann dies vor neun Uhr morgens oder nach 17 Uhr abends tun - dann nämlich ist die Route öffentlich befahrbar. Und der tolle Slalom - zunächst vorbei an stattlichen Bauernhöfen, weiter oben dann steil und spitz durch Wald und schließlich wieder flacher über Almen - ist zweifellos ein Erlebnis. Zumal der Dolomiten-Wunderberg Schlern mit seinen beiden markanten Türmen steter Begleiter der Tour ist.

Ob man die Sackgasse zur Seiser Alm nun absolviert oder nicht - über Seis, Völs und Tiers kommt man auf ebenso reizvollem wie kurzem Weg zu einem weiteren Höhepunkt des Südtiroler Straßennetzes: dem Niger-Pass. Praktisch schon mit den letzten Häusern von Tiers beginnt gleich die steilste Rampe gen Himmel, denn dort weist die Straße eine Steigung von 20 Prozent auf, die maximale Steigung auf der Strecke beträgt gar 24 Prozent. In engen, nicht enden wollenden Kurven und Kehren geht es immer weiter in die Höhe, stets unterhalb der wilden Felsabbrüche des Rosengarten-Massivs, das auf der Ostseite des Passes wie ein Felsen-Fächer aufragt. Die Passhöhe auf 1688 Meter ist zwar unspektakulär, die weitere Fahrt bis zum Karer-Pass (1745 Meter), vor dessen Passhöhe der Niger-Pass einmündet, aber entschädigt durch die feine Dolomitenlandschaft ringsum.

Einsam durchs Touristenland

Zu der gehört beispielsweise auch das Latemar, eine kompakte Dolomitengruppe, deren höchster Gipfel 2846 Meter erreicht. Und, das ist die gute Nachricht für Menschen, die weder wandern noch klettern, es gibt auch eine Straße durch diese steinerne Wildnis: Dazu fährt man, vom Niger-Pass kommend, den Karer-Pass ein wenig bergab Richtung Bozen bis zum Ort Welschnofen. Dort wiederum wendet man sich südwärts, denn hier beginnt die Auffahrt zum Lavaze-Joch, die Welschnofen im Eggental mit Cavalese im Val di Fiemme verbindet.

Auch dieser Pass ist eher einsam, ziemlich waldreich und mit 1808 Meter Höhe nicht unbedingt ein Riese. Doch gerade die Abgeschiedenheit und die dann doch immer wieder grandiosen Weitblicke machen die schmale Strecke zu einer genussreichen Fahrt. Vor allem für jene Motortouristen, die eine fahrerische Herausforderung suchen und nicht den Kolonnenverkehr über die Paradepässe der Gegend. Denen sei übrigens auch der Passo Manghen (südlich von Cavalese) oder der Passo di San Pellegrino sowie der Passo di Valles im Osten zwischen Moena, Falcade und Predazzo empfohlen. Doch davon mehr bei einer anderen Passkontrolle.

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