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Pedalritter: Allein unter Kampfradlern

Sind Radfahrer rücksichtsloser als andere Verkehrsteilnehmer? Gerichte konstatieren inzwischen eine "verbreitete Disziplinlosigkeit" unter Bikern. Leider sind das nicht nur Vorurteile, meint Holger Dambeck. Ein kleine Gruppe von Aggro-Bikern ruiniert den Ruf aller Radler.

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Fahrradkurier: "Verbreitete und allgemein bekannte Disziplinlosigkeit"

Ich habe Recht, denn ich fahre Rad. Diese Haltung erlebe ich auf Berlins Straßen leider dauernd. Der Klassiker: Ich stehe mit meinem Rad an einer Kreuzung, bekomme Grün, kann aber nicht losfahren, weil auf der Querstraße noch ein anderer Radler über die Kreuzung geschossen kommt. Klar, er fährt bei Rot. Dass ich und andere Fußgänger oder Radfahrer Grün haben, juckt ihn nicht.

Ich kann ja verstehen, dass man an Kreuzungen nur ungern halten will. Bremsen kostet Energie und Zeit, das ist simple Physik. Ich bin auch kein Pedant, der zu jeder Tages- und Nachtzeit darauf besteht, dass man nur bei Grün fahren darf. Aber wer ist schon so verrückt, bei dichtem Verkehr Ampeln zu ignorieren?

Niemand. Außer Radfahrern.

Der Anarchismus auf zwei Rädern wird mittlerweile sogar von Gerichten bestätigt. Das OLG Celle hat Radfahrern kürzlich eine "verbreitete und allgemein bekannte Disziplinlosigkeit" attestiert (Aktenzeichen 14 U 157/09).

Das kuriose Urteil hat einen noch kurioseren Hintergrund: Eine Radfahrerin hatte den Radweg in einer Einbahnstraße in verkehrter Richtung befahren. Häufig werden Einbahnstraßen ja für Drahtesel in beide Richtungen freigegeben, in diesem Fall war das aber nicht der Fall. Ein Auto, das aus einer Nebenstraße in die Einbahnstraße rechts einbog, kollidierte mit der Radfahrerin, diese brach sich den Fuß, es kam zum Prozess.

"Komplett daneben"

Das Gericht sah natürlich eine Schuld bei der Geisterfahrerin - aber nicht die alleinige. "Autofahrer haben auch mit einer Benutzung von Radwegen in falscher Richtung zu rechnen", entschied der Richter. Oder salopper formuliert: Mit irren Anarcho-Radlern muss man immer rechnen. Die zuvor vom Landgericht festgelegte Haftungsquote von 50:50 wurde vom OLG bestätigt - PKW-Fahrer und Radfahrerin müssen also sämtliche Schäden je zur Hälfte bezahlen.

"Gericht schützt Kampfradler", schrieb eine Berliner Zeitung über die Entscheidung und löste in ihrem Onlineforum eine heftige Debatte aus. Er fahre selbst viel in Berlin Rad, schrieb einer der Diskussionsteilnehmer, aber die meisten Radfahrer würden sich "komplett danebenbenehmen". Ein anderer rief zu mehr Rücksicht auf: "Liebe Verkehrsteilnehmer, bitte gebt acht aufeinander und auf euch selbst." Niemand breche sich ein Bein, wenn er mal eine Ampelschaltung abwarten oder etwas vom Gas müsse.

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Cross oder Fixie: Was für ein Radtyp sind Sie?
Ich kann dem Letztgesagten nur zustimmen. Für äußerst sinnvoll hielte ich eine Art Fahrrad-Etikette, wie sie sogar schon diskutiert wird. Natürlich gibt es die Straßenverkehrsordnung. Paragraf 1 Satz 1 ist eigentlich unmissverständlich: "Die Teilnahme am Straßenverkehr erfordert ständige Vorsicht und gegenseitige Rücksicht."

Aber Hand aufs Herz: Denken Sie an diesen Satz, wenn sie spät dran sind? Oder wenn Ihnen ein Autofahrer gerade die Vorfahrt nimmt?

Immer ganz nach vorn

Als Gedankenstütze wäre eine Radlerethik durchaus sinnvoll - und auch fürs Selbstverständnis. Was sollte darin stehen? Zum Beispiel, dass man Fußgänger nicht bedrängt oder belästigt, wenn man schon verbotenerweise über den Gehweg rauscht. Und dass man rote Ampeln nicht einfach ignorieren sollte.

Und noch etwas gehört da hinein: Bitte nicht vordrängeln! Wie unhöflich manche Berliner Radfahrer sind, erlebe ich immer wieder an Kreuzungen. Ich stehe mit dem Rad an einer roten Ampel, und von hinten kommen mehrere Biker, überholen und stellen sich flugs vor mich. Die breiten Straßen und Radspuren der Hauptstadt machen's möglich.

Wenn die Ampel auf grün schaltet, fahren wir alle los, allerdings verschieden schnell. Die ungeduldigen Nach-vorne-Fahrer schleichen über die Kreuzung, ich muss überholen. Wenn ich Pech habe, bremsen mich die nebeneinander rollenden Trödler sogar aus.

Damit nicht genug. An der nächsten Kreuzung wiederholt sich das Spiel. Die Bummler kommen als letzte und stellen sich wieder ganz vorn in die erste Reihe. Warum machen sie das? Vermutlich, weil sie keine Manieren haben. Bei Autofahrern ist es möglicherweise nicht besser, aber bei Radlern merkt man es sofort.

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Zum Autor

Holger Dambeck, Jahrgang '69, arbeitet seit 2004 als Wissenschaftsredakteur bei SPIEGEL ONLINE. Er fährt praktisch täglich Fahrrad und hat schon diverse Urlaube im Sattel verbracht.


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