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Gabriel-Besuch auf der Peking Auto Show: Gorillas im Nebel

Aus Peking berichtet

Gabriels Besuch auf der Auto Show in Peking: Mit Elektroautos gegen den Smog Fotos
DPA

Chinas Städte leiden unter Smog, trotzdem sind große Autos auf der Peking Auto Show der Renner. Die lästige Umweltdiskussion wollen Hersteller mit Plug-in-Hybriden abwürgen - Deutschlands Wirtschaftsminister Gabriel ist davon begeistert.

Die Schadstoffwerte sind mal wieder auf das normale Katastrophenmaß geklettert. In Peking melden die Messstationen am Mittwochmorgen einen Luftqualitätsindex von 235: sehr ungesund. Die Feinstaubwerte sind um ein Vielfaches höher als das, was die Weltgesundheitsorganisation für maximal zulässig hält.

Das ökologische Desaster ist mit bloßem Auge sichtbar. Die Hochhäuser am Ende der Straßenschluchten verschwinden im breiigen Dunst der Abgase. Trotzdem wälzt sich wie an jedem Tag eine Blechlawine von mehreren Millionen Autos durch die chinesische Hauptstadt. Jeder Tritt auf das Gaspedal kommt einem Akt der Selbstzerstörung gleich.

An einem Morgen wie diesem gehört schon eine gehörige Portion Masochismus dazu, eine Automesse zu besuchen. Aber was bleibt Sigmar Gabriel anderes übrig? Er ist Wirtschaftsminister. Da muss er durch. Die Vorstände der deutschen Autokonzerne laufen bereits nervös zwischen ihren hochpolierten Luxuskarossen herum. Volkswagen, Mercedes, BMW - sie alle wollen mit schier unglaublichen Wachstumsraten vor ihm prahlen.

Auf der Suche nach dem Öko-Motiv

Nervös hält der Pressestab des Ministers Ausschau nach einem Fotomotiv, vor dem sich Gabriel, der mal Umweltminister war, dem ökologisch sensiblen Publikum daheim präsentieren kann. Auf dem Stand von BMW ist das geeignete Objekt gefunden: Ein schickes kleines Elektroauto vom Typ i3.

Gleich will der Minister alles wissen über das Gefährt: Woher die Batterien stammen, wie lange sie halten, was das Gefährt in China denn koste? 50.000 Dollar, antwortet Karsten Engel. Er ist bei BMW für das China-Geschäft verantwortlich. "Das ist aber eine ganze Menge", staunt Gabriel.

Für die Aussteller auf der Messe ist diese Umweltverschmutzung ein lästiges Thema, das so gar nicht in ihre Jubelmeldungen hineinpasst. Pflichtschuldig stellen sie alle ein Elektroauto auf ihrem Messestand aus. Der Pekinger Smog? "Eine Herausforderung für unsere Ingenieure", wiegelt China-Mann Engel auf Nachfrage Gabriels ab.

Ohne Groß nix los

Dabei ignorieren die meisten chinesischen Kunden auf der Pekinger Autoshow, die mittlerweile zu den Top 5 der großen Automessen aufgestiegen sind, die Elektrowagen geflissentlich. Sie drängt es zu den protzigen Geländewagen und in die eigens für den chinesischen Markt verlängerten Limousinen. Allenfalls einem Sportwagen wie dem Mercedes SL schenken sie noch ihre Aufmerksamkeit.

"Die Chinesen bevorzugen große Autos", erklärt Volkswagen-China-Vorstand Jochem Heizmann. "Was verbaut werden kann an Luxus, das wird verbaut", bestätigt BMW-Kollege Engel. Gefragt sind viel Chrom, viel Holz. Innen bevorzugt der chinesische Kunde Beige, außen dürfen es auch schon mal knalligere Farben sein. Die deutschen Autobauer liefern.

Seit dem vergangenen Jahr hat die Nachfrage nach Autos in China stark angezogen. Volkswagen hat allein im Jahr 2013 3,3 Millionen Autos verkauft, also jedes dritte der weltweit gut neun Millionen abgesetzter Fahrzeuge. Ob die Wachstumsraten zweistellig bleiben werden, bezweifeln die Produzenten. Aber im nächsten Jahr rechnen sie dennoch mit Verkaufszahlen, die ihresgleichen auf der Welt suchen.

Schluss mit dem Imperialismus

Der chinesische Automarkt ist mittlerweile so mächtig, dass die Konzerne dort auch neue Modelle präsentieren. 20 neue Typen zeigt allein BMW in Peking, darunter die 2er- und die 4er-Serie. Mercedes produziert und verkauft eigene Limousinen-Versionen der C- und der E-Klasse im Reich der Mitte.

Wirtschaftsminister Gabriel jedenfalls lässt sich von der guten Laune an den Ständen durchaus anstecken. "Nicht schlecht", entfährt es dem SPD-Chef, als er den BMW-Stand betritt. Er zeigt Verständnis dafür, dass die Chinesen, so wie jedes Volk, das zu Wohlstand kommt, das Auto als Statussymbol für sich entdecken.

Das sei zu Wirtschaftswunderzeiten in Deutschland nicht anders gewesen. Wie selbstverständlich chauffiere man in immer komfortableren Gefährten durch das Land. Wer den Chinesen das verbieten würde, den hält Gabriel für geradezu imperialistisch.

Am Ende haben auch die Deutschen was davon

Die deutschen Autohersteller lassen sich jedenfalls ihre Feierlaune in China nicht verderben. Sie statten jetzt ihre großen Modelle mit so genannten Plug-in-Hybriden aus. Das ist eine Mischung aus Verbrennungs- und Elektroantrieb, dessen Batterien sich über Steckdose aufladen lassen. 50 Kilometer reicht so eine Ladung. Ausreichend, um in die Stadt zu fahren und wieder zurück. Wenn der Akku leer ist, springt der Verbrennungsmotor an.

Den Wirtschaftsminister Gabriel freut der Optimismus der Konzerne. Er hofft darauf, dass die Chinesen die Plug-in-Modelle kaufen, weil sie damit die Zulassungsrestriktionen umgehen könnten, die viele Städte wegen des Smogs bereits erlassen haben.

Je mehr Chinesen E-Mobile kaufen, desto mehr wachsen die Chancen, dass es auch in Deutschland noch etwas werden könnte mit der E-Mobilität. "Wenn die Akkus in immer größeren Mengen produziert werden, purzeln auch bei uns die Preise", sagt Gabriel.

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1.
m.henseler 23.04.2014
Was ist der Gabriel in Rekordzeit zur Lachnummer in seiner Position verkommen. Zur nächten Legislaturperiode wird er dann im Vorstand eines deutschen Automobilunternehmens zu finden sein. Hoffentlich richtet er dann dort weniger Schaden an und glänzt dann endlich durch seine Abwesenheit. Hoffen wir nur das sein Nachfolger den Karren aus dem Dreck ziehen wird.
2. Scheint wohl nicht genug wichtiges zu geben!
schamot 23.04.2014
das Gabriel zu lösen hätte als nach China zu Jetten und es sich gut gehen zu lassen...
3. Brückentechnologie
jojack 23.04.2014
Ein Plug-in Hybrid mit 50km elektrischer Reichweite ist doch nicht mal schlecht. Jedenfalls solange nicht, wie der Strom aus CO2-neutraler Kernenergie oder erneuerbaren Quellen kommt. Falls die Chinesen deshalb jedoch ein weiteres Kohlekraftwerk bauen müssen, dann können die Autos auch weiter Benzin schlucken.
4. "Oberlehrer" Gabriel ......
daslästermaul 23.04.2014
Zitat von sysopDPAChinas Städte leiden unter Smog, trotzdem sind große Autos auf der Peking Auto Show der Renner. Die lästige Umweltdiskussion wollen Hersteller mit Plug-In-Hybriden abwürgen - Deutschlands Wirtschaftsminister Gabriel ist davon begeistert. http://www.spiegel.de/auto/aktuell/peking-auto-show-sigmar-gabriel-zu-besuch-in-china-a-965726.html
...... in China. Wenigstens scheint er die SPD-Traktate zum Thema "Menschenrechte" dieses mal zur Hause gelassen und den Chinesen keine naseweisen moralinsauren Belehrungen erteilt zu haben. Oder musste er seine roten "Heftchen" vorher bei "Mutti" abgeben ??!.
5. In China tut sich...
jasuly 23.04.2014
...bezüglich Elektromobilität weit mehr als hier. So wird auch das Gemeinschaftsprojekt von BYD und Daimler, der "Denza", ein reines Elektroauto (also kein Hybrid) mit immerhin 300 km Reichweite, nur in China, nicht aber in Europa verkauft. Die Akkus stammen wohlgemerkt von BYD und nicht von Daimler: http://www.wsj.de/article/SB10001424052702303825604579513661612499216.html
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