Comeback der Marke Hongqi: Luxus in Überlänge

Aus Peking berichtet Tom Grünweg

Autoshow Peking: Konkurrenz für deutsche Luxusautos Fotos
Tom Grünweg

5,2 Millionen Dienstwagen und jedes Jahr 900.000 neue Bestellungen: In China gibt es keinen besseren Abnehmer als die Behörden. Dieses Geschäft will Peking nicht mehr den Ausländern wie Audi überlassen - und belebt deshalb eine Traditionsmarke wieder.

Weil China den Absatz der heimischen Automarken stützen will und die Behörden mit gutem Beispiel voran gehen sollen, wird jetzt die Traditionsmarke "Hongqi" wiederbelebt. Benannt nach der Roten Fahne aus Maos Zeiten, die als Kühlerfigur auch die Motorhaube der Limousinen ziert, soll sie vom nächsten Jahr an in den Fuhrpark von Partei und Politik aufrücken.

Los geht es mit dem H7, der diese Woche auf der Motorshow in Peking enthüllt wurde. Allein in dieses Modell und den Neustart in der bereits seit etwa zwei Jahren ruhenden Fabrik hat der Mutterkonzern First Automotive Works (FAW) umgerechnet mehr als 200 Millionen Euro investiert.

Dabei herausgekommen ist ein Luxusliner der Fünf-Meter-Klasse. Er sieht so gefällig aus wie der Audi A6, den er bei den Ministerien verdrängen soll. Er bietet jede Menge Platz und allerlei Finessen im Fond, die den täglichen Stau halbwegs erträglich machen. In Fahrt bringt ihn ein drei Liter großer V6-Motor mit 231 PS, der gut und gerne für Geschwindigkeiten um 250 km/h reichen sollte.

Wie viel genau der H7 kosten wird, will Dainlin Ji noch nicht verraten. Aber der FAW-Manager nennt 400.000 Renminbi (RMB) oder umgerechnet 50.000 Euro als Schätzwert. Auch das ist ein Grund, weshalb zunächst erst einmal nur 30.000 Fahrzeuge im Jahr produziert werden sollen. Denn für das Gros der Ministeriellen endet die Dienstwagenfreigabe bei 280.000 RMB. "Aber wenn die Behörden mehr Autos wollen, werden wir auch mehr liefern", sagt Ji. "Nur Privatkunden bedienen wir fürs erste nicht."

Kooperation mit Geschichte

Wenn man sich den H7 genauer anschaut, stellt man schnell fest, dass längst nicht alles an dem Wagen "Made in China" ist. Unter dem Blechkleid stecken Plattform, Technik und Motoren des Toyota Crown. Auch innen sind die Parallelen zum Flaggschiff der Japaner augenfällig. Das ist bei Hongqi allerdings nichts besonderes, räumen die Chinesen ein. Schon das erste Auto aus China, das Hongqi 1958 gebaut hat, basierte auf einem Chrysler. Später flatterte die Rote Fahne auf der Plattform des Audi 100 und zuletzt hat FAW seinen Joint-Venture-Partner Toyota in die Pflicht genommen.

Dass die Entwickler in China deshalb nicht ohne eigene Ideen sind, sieht man auf der Messe in Peking aber nicht nur an den eigenen Vierzylindern, die den H7 auch für niedrigere Chargen erreichbar machen sollen und an der Technologiestudie mit Plug-In-Hybrid. Sondern vor allem an den zwei Showcars, die an den alten Pomp aus Maos Zeiten erinnern. Direkt neben dem H7 dreht sich ein noch größerer H9 mit barockem Chrom-Grill. Und in einem gläsernen Separee unter einem Kristalllüster parkt auf einem flauschigen Teppich der L9.

Das nüchterne Kürzel prangt an einer imposanten Stretchlimousine von geschätzten sieben Metern Länge, die jeden Rolls-Royce zierlich aussehen lässt und förmlich nach einer Parade auf dem Platz des Himmlischen Friedens schreit. Noch ist das Auto genauso eine träumerische Vision wie der V12-Motor, der mal unter der Haube stecken soll, räumt Ji ein: . "Doch wenn die Regierung es ernst meint mit ihrem Patriotismus, kommt sie an einem Auto wie diesem kaum vorbei."

Das Geschäft mit großen Dienstagwagen war bislang fest in der Hand ausländischer Marken, sagt Automobilwirtschaftler Gong Zaiyan von der Tongji Universität. Rund 80 Prozent der Bestellungen entfielen auf ausländische Marken. Rund 30 Prozent allein auf Audi. Glaubt man Analyst Zaiyan, bekommen diese ausländischen Autos jetzt nicht nur verstärkt Konkurrenz von lokalen Marken, sondern seien sogar ganz von der Beschaffungsliste geflogen.

"Chinesen, fahrt chinesische Autos"

"Alle 412 Modelle in diesem Katalog sind von chinesischen Marken", sagt Zaiyan und will aber selbst nicht ganz glauben, dass sich daran alle Beschaffer halten werden. Außerdem sei noch völlig offen, was mit den in China von chinesischen Joint-Venture-Partnern gebauten Auslandsmodellen sei: Ist ein Fünfer BMW aus Shenyang, eine Mercedes E-Klasse aus Beijing oder ein Audi A6 aus Changchun nicht auch ein chinesisches Auto?

Egal wie diese Diskussion ausgeht, für Zaiyan ist die Stoßrichtung klar und die Botschaft die richtige: "Chinesen, fahrt chinesische Autos - Wie kann die Regierung das verlangen, wenn sie nicht selbst mit gutem Beispiel voran geht?", fragt der Analyst.

Obwohl es die Bayern wohl am härtesten trifft, kann Audi mit dem Protektionismus aus Peking gut leben: Die VW-Tochter gibt den lachenden Verlierer und freut sich, dass damit der Anteil im Privatkundengeschäft weiter wächst: "Ja, wir waren mal eine Marke, die viele Autos an den Staat verkauft hat, aber diese Zeiten sind vorbei", sagt China-Chef Dietmar Voggenreiter. Heute liege der Flottenanteil nur noch bei zehn Prozent, und darunter seien mehrheitlich private Firmen.

Audi will sich gar nicht als "Marke der Mächtigen" sehen, erläutert ein Konzernsprecher: Denn je mehr Bonzen und Beamte in einem Audi sitzen, desto schwerer lässt sich das moderne und jugendliche Markenbild vermitteln: "Partei und Pepp passen nicht so recht zusammen."

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insgesamt 8 Beiträge
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1.
jierdan 28.04.2012
Vom Design des L9 können sich die europäischen, japanischen und koreanischen Designer ne ordentliche Scheibe abschneiden!
2.
wolltsnursagen 28.04.2012
http://www.spiegel.de/fotostrecke/fotostrecke-81531-6.html Langversion des 6ers? Cool, also praktisch nen BMW CLS? Wussts garnicht das es sowas gibt...
3. ... guter witz
herrwestphal 28.04.2012
Zitat von jierdanVom Design des L9 können sich die europäischen, japanischen und koreanischen Designer ne ordentliche Scheibe abschneiden!
Sieht ja wohl eher so aus als ob Hongqi sich einen Rolls Royce besorgt hat und ihm ein Paar Rundscheinwerfer und andere Details am Heck angebastelt wurden. China ist noch meilenweit vom eigenständigen Automobildesign entfernt.
4. Ja, ja...
Illya_Kuryakin 28.04.2012
Zitat von herrwestphalSieht ja wohl eher so aus als ob Hongqi sich einen Rolls Royce besorgt hat und ihm ein Paar Rundscheinwerfer und andere Details am Heck angebastelt wurden. China ist noch meilenweit vom eigenständigen Automobildesign entfernt.
Ja genau!!! Ich hatte mal einen alten OPEL. Der Hong Qi hat auch vier Räder, genauso wie mein OPEL. 2 vorne und 2 hinten, ganz genau so. Und ein Lenkrad das dazu noch vorne links ist, ganz genauso wie bei meinem OPEL. Und schwarz lakiert haben die Chinesen das Auto auch noch. Genauso wie meinen OPEL... FAZIT: Der Hong Qi ist eine unverschämte Raubkopie meines ollen OPELS!!! Das sieht jeder Blinde mit Krückstock! (Muss ich da jetzt noch Ironie-Tags dranmachen, oder geht es so?)
5.
Altesocke 28.04.2012
Zitat von jierdanVom Design des L9 können sich die europäischen, japanischen und koreanischen Designer ne ordentliche Scheibe abschneiden!
Genau, die Front-Lampen alleine wuerden dem Wagen wegen Fussgaengerunfallgefahr das Zulassungsverfahren ersparen! Ohne dise komischen Hoerner wuerde die Kiste wirklich nett aussehen. Naja, noch nicht im 21 Jahrhundert angekommen, die Designer der Staatsbetriebe!
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Fläche: 9.572.900 km²

Bevölkerung: 1341,335 Mio. Einwohner

Hauptstadt: Peking

Staatsoberhaupt: Xi Jinping

Regierungschef: Li Keqiang

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