Peugeot 203, Baujahr 1955: Tante Claire im Stadtverkehr

Frischzellenkur für den "Leichenwagen": Mehrere Jahre brauchte SPIEGEL-ONLINE-Leser Christian Jenal, um seinen Peugeot in der Garage fit für den TÜV zu machen. Jetzt leistet der Oldie wieder treue Dienste - nur die Bremsen bereiten manchmal Sorgen.

Das Durchschnittsalter der rund 46 Millionen Pkw in Deutschland liegt bei knapp acht Jahren, doch einige Autos sind noch sehr viel älter. SPIEGEL ONLINE testet mit Hilfe der Leser, wo die Stärken und Schwächen des Altmetalls liegen. Diesmal berichtet Christian Jenal aus Neunkirchen über seinen Peugeot 203 aus dem Baujahr 1955.

Christian Jenal:
Im Mai 2002 kaufte ich diesen Peugeot 203 Familiale. Wobei das damals bei Peugeot noch "Limousine Longue" hieß. Im Gegensatz zur "Limousine Commerciale" trug die "Limousine Familiale" reichlich Chromschmuck und wurde im Normalfall mit drei Sitzreihen bestückt. Nur 23.642 Autos wurden überhaupt in dieser Ausführung zwischen 1949 und 1956 gebaut. Peugeot war zu dieser Zeit so unzufrieden mit dem Absatz der Kombi-Fahrzeuge, dass zu Beginn der fünfziger Jahre eine eigene Werbekampagne gestartet wurde. Denn Kombis galten damals als "Metzgerautos" oder "Leichenwagen", wenige wollten so ein Auto haben.

Zudem war der luxuriös ausgestattete, innen drei-reihige Familiale fast so teuer wie ein Cabriolet. Neumodisches Zeug wie "SUV" oder "Sporting-Break" gab es in den fünfziger Jahren noch nicht. Wer einen Kombi wollte, griff meist zum doppelt so oft gebauten Commerciale, der kostete nur rund zwei Drittel des Listenpreises für den Familiale.

Erster Härtetest über 470 Kilometer

Alte Peugeot-Kombis, so denn noch fahrbereit, landen heutzutage oft in Afrika - dieses Schicksal teilten vor 30 Jahren auch die 203er. Oder sie wurden ausgeschlachtet, um mit den Teilen "höherwertige" Varianten zu restaurieren, zum Beispiel Cabriolets. Oder sie wurden "customisiert". Oder geschreddert. Deshalb haben nur wenige Wagen überlebt.

Am 1. Mai 2002 habe ich das Auto in der Pariser Banlieue abgeholt, der Verkäufer hatte das Auto im Internet sehr günstig angeboten und gleichzeitig geschildert, es müssten Ventile und Bremsen eingestellt werden, sonst könne man nicht fahren. Tatsächlich hatte er zwei Zündkabel vertauscht und lediglich die Bremse nicht entlüftet. Nach 30 Minuten Schrauben war das Auto komplett fahrbereit und konnte über 470 Kilometer auf eigener Achse überführt werden.

Dennoch war einiges an der Karosserie und an der Technik hinüber, deshalb musste ich erst einmal den ganzen Wagen zerlegen und zum Schweißgerät greifen. Insgesamt dauerte die Restaurierung in der eigenen Garage fast vier Jahre – dann, im März 2006, bestand die "Tante Claire", wie ich mein Auto liebevoll nenne, die TÜV-Prüfung ohne Schwierigkeiten. Seither fahre ich damit regelmäßig, bislang waren es schon mehr als 4000 Kilometer.

Starke Federung, schwache Bremsen

Der Wagen ist sehr praktisch durch die große Tür hinten und den gut 1,80 Meter langen Dachgepäckträger der Marke "OLD". Das heißt nicht "alt", dieser Zubehör-Hersteller hieß tatsächlich so. Mein Peugeut hat die "einfache" Kombi-Ausstattung mit Kunstleder und klappbarer Rückbank, ebenfalls sehr praktisch. Die Lenkradschaltung ist bei den Franzosen dieser Epoche ein "Muss".

Der Anlasser hat keinen Magnetschalter: Das Ritzel wird mittels eines Drahtzuges mechanisch in die Schwungscheibe gezogen. Die zuverlässigen Blattfedern ergeben eine sehr sichere Straßenlage und erlauben eine Zuladung von 600 Kilogramm. Dank Heckantrieb fährt sich der Wagen auch voll beladen einwandfrei und die Fahrleistungen sind erstaunlich, auch bei voller Zuladung.

Allerdings ist der Peugeot ein Saison-Fahrzeug und für winterliche Straßenverhältnisse ungeeignet. Auch Ersatzteile sind schwer zu bekommen: Die Reifen der Dimension 185 x 400 gibt es nur noch bei Michelin (Michelin "X"), und der Hersteller lässt sich das gut 200 Euro kosten - pro Reifen, versteht sich. Michelin legt alle zwei bis drei Jahre 50 Sätze dieser Reifen auf für ganz Europa. Wenn die Produktion ausverkauft ist, muss man warten oder sich auf dem Teilemarkt nach gebrauchter Ware umsehen.

Zwei Jahre habe ich auf grünes Licht von Michelin gewartet und dann sofort bestellen müssen. Sonst ist die Produktion wieder ausverkauft und man muss warten. Winterreifen in dieser Dimension gibt es gar nicht mehr.

Die Bremsanlage mit ihren vier Trommelbremsen und dem einfachen Hauptzylinder ohne jeden Bremskraftverstärker ist etwas für den geübten Fahrer, der den Umgang mit solchen Fahrzeugen gewöhnt ist. Da unterschätzen schon mal andere Verkehrsteilnehmer, die mit ABS und vier Scheibenbremsen unterwegs sind, den Anhalteweg eines solchen Fahrzeugs.

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Forum - Altmetall Peugeot 203 - was sind Ihre Erfahrungen?
insgesamt 2 Beiträge
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1.
madmat 13.04.2007
Hmm..ich bezweifele dass hier allzuviele Peugeot 203 Fahrer auftauchen dürften. Ich selber habe noch 2 draufgelegt und nenne u.a. ein Peugeot 205 GTi Altmetall mein eigen. BJ88 und kein bisschen leise. Bei einem Leistungsgewicht von 6kg/PS auch heute noch durchaus konkurrenzfähig. Würde ich das von einem Neuwagen erwarten könnte ich bei ca. 30.000€ anfangen mit dem Geld ausgeben. Pannen: 0 Spass:100 Was will man mehr. :o)
2.
pteroptus 13.04.2007
es fahren mehr 203 in Deutschland als gedacht, es sind in Hamburg, Berlin, Bremen begeisterte 203fahrer! Darunter kombis, limousine, aber auch découvrable, cabrios und seltene coupés. Ich selber, bin mehrere Jahre mit einer 1958Limousine in Bremen gefahren. Es gab nie Probleme mit dem heutigen Verkehr. Nur meine Passagiere suchten vergeblich nach Sicherheitsgurten und fühlten sich unsicher nicht angeschnallt sein zu dürfen. Danach habe ich mich modernisiert und fuhr einen 403 kombi (auch Bj. 1958) in bester Zustand. Hier in Frankreich sind die 203 auch selten auf den Strassen zu sehen...
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