Phänomen Stau Vorwärts, schneller, aber wie?

Staumelder, Luftaufklärung, Handy-Daten: Mit großem Aufwand versuchen Planer, den Verkehr auf Autobahnen im Fluss zu halten. Manchmal hilft die Technik sogar, manchmal macht sie alles nur schlimmer. Kein Kraftakt der Welt kann das Phänomen Stau ausrotten - man kann aber klüger damit umgehen.

dapd

Von und Jürgen Pander


Der frühe Morgen ist bei Familie Ermert genau getaktet. Während seine beiden Kinder sich aus den Betten schälen, schmiert der Bonner Oberstudienrat die Frühstücksbrote und überprüft noch einmal den Terminplan für den Tag. Um 7.40 Uhr geht es aus dem Haus, kurz an der Schule vorbei - und ab auf die Autobahn nach Köln, wo der 54-Jährige unterrichtet. "Wenn ich um zehn vor acht am Autobahnkreuz Bonn Nord vorbei bin, komme ich glatt durch", sagt Ermert. "Fünf oder zehn Minuten später ist alles dicht."

Aus Sicht der Stauforscher verkörpert der Pädagoge damit den Idealtypus eines Verkehrsteilnehmers. Er verfügt über genaue Kenntnis der Strecke, und er weiß, was sich täglich verändert - wenn eine Baustelle eingerichtet wird, bekommt er bereits die Vorbereitungen mit und kann sich danach richten. Und zuletzt verfügt er über einen reichen Erfahrungsschatz, zu welchen Zeiten der Verkehr besonders dicht ist und wann sich Lücken auftun.

Noch besser wäre es allerdings, wenn Autofahrer wie Ermert einen solchen Erfahrungsschatz allen Verkehrsteilnehmern zugänglich machen könnten - und dies nicht nur für deren Hausstrecke, sondern für jede beliebige. Zu jedem Zeitpunkt des Tages. Denn dann ließe sich vielleicht das Chaos, das täglich auf unseren Straßen herrscht, ein wenig mildern, und die Staus, die sich in der Hauptreisezeit auf Tausende Kilometer addieren, wenigstens zum Teil verhindern.

Immenser Aufwand

Doch die Aufgabe ist alles andere als trivial: Die Vorausberechnung der Verkehrsströme erfordert ungefähr so viel Rechenleistung wie die Wettervorhersage. Und sie verliert in gleicher Weise an Genauigkeit, je weiter der Zeitpunkt in der Zukunft liegt, den sie beschreiben will. "Prognosen sind extrem schwierig", räumt Michael Schreckenberg, Stauforscher an der Universität Duisburg, ein.

Der Aufwand ist dafür umso größer. Was auf deutschen Autobahnen vorwärts geht oder eben nicht, wird schon heute akribisch erfasst - durch Polizeistreifen, Sensoren oder Kameras an Schilderbrücken oder über Induktionsschleifen in der Fahrbahn. Immer geht es darum, die Autos zu zählen und ihre Geschwindigkeit zu ermitteln. Nimmt die erste Zahl zu und fällt zugleich die zweite drastisch ab, dann ist klar: Es droht ein Stau. Der Verkehr fließt immer zäher, und wenn nur ein Fahrer stark bremst, kommt es zum Stillstand, der sich nach Art des Dominoeffekts entgegen der Fahrtrichtung ausbreitet.

Das Prinzip ist allseits bekannt. Staus entstehen an Engstellen, nach Unfällen, vor Baustellen oder einfach so. "Die Engstellen beeinflussen nur die Rahmenbedingungen", erklärt Schreckenberg. "Den Stau verursachen dagegen immer die Verkehrsteilnehmer." Ein Autofahrer bremst plötzlich, der Nachfolgende reagiert mit Verzögerung und kompensiert den Zeitverlust durch einen stärkeren Druck aufs Bremspedal, und so weiter - bis die Autokolonne steht. Je schlechter die Sicht, etwa bei Regen oder in der Dämmerung, desto stärker fallen diese Faktoren ins Gewicht. Zu geringer Sicherheitsabstand und Spurwechsel seien deshalb die entscheidenden Faktoren, die zum Stillstand führten, sagt der Experte.

Unterschiedliche Strategien

Ein so plötzlich entstehender Stau ist natürlich nicht vorherzusagen. Aber selbst die schnelle Information, dass es an dieser oder jener Stelle zum Stillstand gekommen ist, stellt die Verkehrsplaner vor größte Probleme. Verkehrsrundfunk und auch manche Navigationssysteme tragen sogar bisweilen zur Verwirrung oder gar zur Staubildung bei. Indem vor Stockungen gewarnt wird, die sich längst aufgelöst haben.

Die Strategien, um dieses Problem zu lösen, sind unterschiedlich: Der ADAC beispielsweise nutzt für die eigenen Verkehrsinformationen unter anderem die Angaben von rund 100.000 registrierten Staumeldern, also Autofahrern, die sich immer dann bei einer kostenlosen Hotline melden, wenn ihnen eine Verkehrsstörung auffällt.

Ergänzend wertet der ADAC die Daten von rund 100.000 Flottenfahrzeugen aus. Und es gibt zudem rund 25.000 Besitzer von Smartphones mit GPS-Funktion, die über eine spezielle App als Verkehrsdatenlieferant dienen. Deren anonymisiertes Bewegungsprofil wird ebenfalls genutzt, um Verkehrsströme und voraussichtliche Engstellen und damit Staupotentiale zu berechnen. Der holländische Navigationsgeräte-Hersteller TomTom wiederum greift dafür auf die Handy-Daten der circa 35 Millionen Vodafone-Nutzer in Deutschland zurück.

"Es ist eine Fülle von Daten, aus der wir die sogenannte Verkehrslage ermitteln", sagt Markus Bachleitner von der Verkehrsinfozentrale des ADAC. Inzwischen komme jede zweite Staumeldung aus einer der neuen Informationsquellen.

Nutzen hält sich in Grenzen

Doch selbst wenn die Staumeldungen präziser werden - der Nutzen hält sich, zumindest dem persönlichen Empfinden nach, in Grenzen. Denn nicht selten endet der gigantische Aufwand zur Ermittlung eines Staus mit der Empfehlung, langsam an das Stauende heranzufahren. "Der Autofahrer will schon wissen, warum es zum Stillstand kommt und was da vorn eigentlich los ist", begründet Bachleitner die Mühe. "Man kann sich dann besser auf den Stau einstellen."

Die verbesserte Planbarkeit der Reise steht auch für Schreckenberg im Vordergrund. "Wir werden uns mit Staus abfinden müssen, so viel steht fest. Doch wir können viel leichter damit umgehen, wenn wir wissen, was uns erwartet", erklärt er.

Das gilt insbesondere für die Ferienzeit, in der die Straßen an den Wochenenden besonders voll sind. "An 11 bis 13 Sommerwochenenden wird es auf den Autobahnen extrem eng und zäh", sagt Staufachmann Bachleitner. Da könnten die Straßen achtspurig sein - es würde auch nichts helfen. "In diesem Jahr wird es am letzten Juliwochenende extrem", fügt der ADAC-Mann hinzu. "Denn da beginnen zeitgleich die Ferien in Bayern, Baden-Württemberg und Nordrhein-Westfalen." Mit anderen Worten: Es wird massenhaft zum automobilen Stillstand kommen.

Was tun? "Auf jeden Fall rechtzeitig und ausreichend Pausen machen", rät der Mann vom ADAC. "Denn gerade im Stau ist der Stress hinterm Lenkrad oft größer als bei freier, zügiger Fahrt."



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insgesamt 131 Beiträge
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Seite 1
free1789 25.06.2011
1. Mittelspurfahrer sind mit schuld
Wenn die Kapazität überschritten ist, gibt es Stau. Staus weit vor der Kapazitätsgrenze haben wir zu allererst den stoischen Mittelspurfahrern zu verdanken. Verstösse gegen das Rechtsfahrgebot sollten häufiger geahndet werden.
firem 25.06.2011
2. Es/er geht
Zitat von sysopStaumelder, Luftaufklärung, Handydaten: Mit großem Aufwand versuchen Planer, den Verkehr auf Autobahnen im Fluss zu halten. Manchmal hilft die Technik sogar, manchmal macht sie alles nur schlimmer. Kein Kraftakt der Welt kann das Phänomen Stau ausrotten - man kann aber klüger damit umgehen. http://www.spiegel.de/auto/aktuell/0,1518,769696,00.html
Blumenpflücken für die Frau während des Stillstandes. Ein philosophische Lehrbuch zu Ende lesen. Mit dem Spiegel in die Büsche verschwinden. Fernsehen auf dem neuen Laptop oder ins Internet gehen. Telefonieren, dass das mit dem Termin heute nicht klappt und wie es nächste Woche aussieht um 11:00 Uhr am Mittwoch, weil um 9:00 Uhr ein passender Zug fährt. Einfach mal eine Pause kreativ nutzen. Sich darauf zu verlassen, dass die KFZ-Steuer, die immer noch (seit Adolf) eine zweckgebundene Steuer ist, auch für den Straßenbau verwendet wird, ist ja wohl hoffnungslos, da die Grünen sich geschworen haben, den Individualverkehr zum Erliegen zu bringen. Was Sie ja auch Jahr für Jahr nun schaffen. Demnächst bei 5 Mark (2,50 €) pro Liter Benzin. Man kann natürlich auch seine Kiste abschaffen und nur noch die nötigsten Fahrten mit Rad-Bahn-Bus-Taxi-Rikscha erledigen. Oder sogar die unteren Extremitäten einsetzen. Ist ja auch viel gesünder und fördert die Intelligenz. Der Mensch wurde ohne Auto geboren und geht auch ohne Auto. Es geht.
Lutz Dressler 25.06.2011
3. Und Stau ist doch vermeidbar...
Zitat von sysopStaumelder, Luftaufklärung, Handydaten: Mit großem Aufwand versuchen Planer, den Verkehr auf Autobahnen im Fluss zu halten. Manchmal hilft die Technik sogar, manchmal macht sie alles nur schlimmer. Kein Kraftakt der Welt kann das Phänomen Stau ausrotten - man kann aber klüger damit umgehen. http://www.spiegel.de/auto/aktuell/0,1518,769696,00.html
Was für ein Käse! Haben denn die beiden Autoren noch nie etwas von alternativen Verkehrsmitteln oder Verkehrsvermeidung gehört?
mynona3 25.06.2011
4. Zu geringer Abstand und Spurwechsel
sind laut diesem Artikel die Hauptursachen. Spurwechsel entstehen nach den gültigen Verkehrsregeln durch unterschiedliche Geschwindigekeiten. Warum werden dann nicht für die Hauptreisezeit mal versuchshalber die Geschwindigkeiten auf Autobahnen vereinheitlicht: 80km/h (oder 90 oder 100) für alles über 2,8t (Busse/LKW/....) oder mit Anhänger und 130km/h für den Rest. Dann noch ein wenig Druck mit Geschwindigkeits- und Abstandsüberwachung - da könnten auch die deutschen Autobahnen entsprechende Transportleistungen ermöglichen. Auf meiner Hausstrecke habe ich die positive Wirkung von neu installierten Geschwindigkeitsmessungen erfahren können: der Verkehr läuft viel flüssiger, im Endeffekt schneller. Und den vereinzelt auftauchenden Bremsdeppen könnte man mit gelegentlichen Geschwindigkeitsmessungen vor oder nach den fest installierten auch noch beikommen.
dröhnbüdel 25.06.2011
5. Phänomen Stau
Ich könnte wetten, dass gerade die Autofahrer, die am lautesten über den Stau schimpfen, auch zu einem anderen Zeitpunkt hätten losfahren können. Warum denn Oma gerade dann besuchen, wenn in sechs Bundesländern die Ferien beginnen? Ein Blick in den Ferien-Terminplan könnte in vielen Fällen Stau-Ärger vermeiden. Ebenso werden die alltäglichen Rush-Hour-Staus in den Städten von vielen Autofahrern mit verursacht, die ebensogut (oft sogar schneller) mit Bus und Bahn zur Arbeit und zurück fahren könnten. Aber sie müssen sich den täglichen Stau-Frust antun - warum, wird mir für immer ein Rätsel bleiben.
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