Pikes Peak Hill Climb: Das Himmelfahrtskommando

Aus Colorado Springs berichtet Tom Grünweg

Pikes Peak Hill Climb: Mit PS-Monstern auf den Gipfel Fotos
Tom Grünweg

Der Pikes Peak Hill Climb ist eines der spektakulärsten Motorsport-Events. Mit PS-Monstern schießen sich nicht nur Profis wie Rallyefahrer Sébastien Loeb auf den Gipfel, sondern auch ganz normale Leute - mit teils aberwitzigen Auto-Kreationen.

Echte Rennwagen sehen irgendwie anders aus. Doch Simon Pagenaud steht mit seinem weißen Honda Odyssee wie selbstverständlich in dem lichten Waldstück, das am Pikes Peak die Boxengasse ersetzt. Der Van ist im Innenraum bis auf den Fahrersitz und den Überrollkäfig komplett ausgeräumt, hat irrwitzige 550 PS und damit allemal das Zeug, den Pikes Peak zu stürmen.

Dass der Wagen in den Kurven ein bisschen sperrig ist und der Schwerpunkt ruhig etwas tiefer liegen könnte, ficht Pagenaud nicht an: "Wenn der Turbo bis oben durchhält, geht das Ding wie die Hölle", sagt der Mittdreißiger, bevor er sich den Helm überstülpt, sich in seinem Sitz festzurren lässt und die Sauerstoffflasche öffnet, mit der er die dünne Luft am 4301 Meter hohen Gipfel kompensieren will. Man sollte bei klaren Sinnen bleiben, wenn man die 19,9 Kilometer mit 156 Kurven und rund 1500 Höhenmetern in Angriff nimmt.

Pagenaud ist nur einer von vielen Exoten, die das berühmteste Bergrennen der Welt so spektakulär und spannend machen. Mit dem Ausgang des Hill Climbs hat er zwar am Ende nichts zu tun, weil den eine Handvoll Favoriten in hochgezüchteten Rennwagen unter sich ausmachen und Sébastien Loeb bei seiner Pikes-Peak-Premiere im Peugeot 208 T16 ohnehin nicht zu schlagen ist.

Jeder darf ran an den Pikes Peak

Aber weil hier für 1400 Dollar Startgebühr im Grunde jeder mitfahren darf, der die nötige Erfahrung nachweisen kann, einen Überrollkäfig im Auto hat und schon bei der Anmeldung schnell genug war, sind im Feld auch Dutzende ungewöhnliche Fahrzeuge vertreten. Nicht nur Motorräder mit und ohne Seitenwagen, klassische Sportwagen, Rennautos und Rallyefahrzeuge stehen im Parc Fermé. Auch Quads, All-Terrain-Vehicles wie auf dem Golfplatz und sogar ein Lastwagen fahren mit.

Und weil es Amerika ernst meint mit dem Umstieg aufs Elektroauto, surren auch ein paar Batterieboliden und eine Handvoll "Zero"-Motorräder über die Strecke. Die fallen zwar beim Publikum glatt durch, weil Elektrizität und Emotionen nicht so recht zusammenpassen. Doch auch sie erzielen respektable Zeiten: Der Toyota EV P002 zum Beispiel schafft den Gipfelsturm mit 400 kW Leistung und 1200 Nm Drehmoment in zehn Minuten und 24 Sekunden. Elektro-Motorräder von Zero Bikes sind nach runden zwölf Minuten im Ziel.

Egal ob zwei oder vier Räder, Benzin oder Batterien, vier, sechs oder acht Zylinder - alles, was hier und heute auf die Strecke geht, hat nur ein Ziel: Das ebenso staubige wie stürmische Plateau auf dem Gipfel des meistbesuchten Berges in Amerika, von dem aus man auf der einen Seite die grünen Ebenen Colorados und auf der anderen Seite die Gipfel der Rocky Mountains sehen kann.

Und meist kommt auch der Rettungshubschrauber

Männer wie Pagenaud haben für die Schönheiten der Landschaft allerdings kein Auge. Sie schalten am Start auf Tunnelblick und sehen nichts als die Strecke, die sich mal in sanft geschwungenen Bögen und mal in engen Serpentinen den Berg hinaufwindet. "Race in the Clouds" nennen die Fans das Spektakel, das nach den 500 Meilen von Indianapolis die älteste Motorsportveranstaltung der Welt ist und vielfach an ein echtes Himmelfahrtskommando erinnert.

Zwar ist die Piste mittlerweile durchgehend asphaltiert, und an den gefährlichsten Stellen gibt es sogar ein paar Leitplanken. Doch unten fährt man durch dichten Wald, weiter oben hat man links die Felswand und rechts den Abgrund - normalerweise wird hier nicht mit Tempo 200 gefahren. So ist es wenig verwunderlich, dass bei den Läufen der Motorräder der Rettungshubschrauber gleich drei Mal fliegen muss.

Wie die meisten Motorsport-Events in Amerika ist auch das Pikes-Peak-Rennen keine sterile Veranstaltung, bei der man Dutzende von VIP-Pässen, Passierscheinen und Armbändern braucht, wenn man nur mal in die Nähe von Fahrern und Fahrzeugen kommen will. Der Hill Climb ist eine große PS-Party, bei der sich ganze Familien am Lärm der Motoren erfreuen und sich der Geruch von verbranntem Gummi und heißem Öl mit dem von Bier und Popcorn mischt. Nur Barbecue gibt es hier keins - man ist schließlich in einem Naturpark.

PS-Party auf dem Gipfel

Die Party beginnt schon lange vor dem eigentlichen Rennen mit einem großen Fan-Fest in Colorado Springs, für das eigens die Innenstadt gesperrt wird. Rund 30.000 Autonarren können dort auf Tuchfühlung mit den Rennfahrern gehen. Dass beim Rennen selbst nur 10.000 Zuschauer dabei sind, die oft wie Bergziegen an den Hängen kauern, liegt weniger am langen Stau, der sich ab morgens um drei den Highway 24 hinauf zur Startlinie bildet und auch nicht an den moderaten Eintrittspreisen von 50 Dollar. "Die Park Ranger lassen einfach nicht mehr Leute auf den Berg", sagt Veranstalter Tom Osborne.

Wer es bis zur Horseshoe Curve, den Halfway Picknick Grounds, zum Devil's Playground oder zum Boulder Park schafft, sieht eine wunderbar hemdsärmelige Raserei, bei der erst im Halbminutentakt rund 80 Motorräder und dann alle zwei Minuten eines von 60 Autos eine der schönsten Ausflugsstrecken zu einer Rennpiste machen. Man sieht, wie sich die Mitfahrer in den Beiwagen von der einen auf die andere Seite werfen wie die Affen. Man hört, wie aufgeladene Sechs- oder Achtzylinder so laut aufbrüllen, dass sich an den Hängen kleine Gerölllawinen lösen.

Und er sieht in diesem Jahr eine fabelhafte Rekordfahrt von Sébastien Loeb: acht Minuten, 13 Sekunden und 878 Tausendstel. Mit diesem Höllenritt in den Himmel über Colorado hat der Peugeot-Fahrer den Streckenrekord pulverisiert, dem bisherigen Rekordhalter Rhyss Millen rund anderthalb Minuten abgenommen und darf sich nun "King of the Hill" nennen.

Immer neue Bestzeiten

"Diese Zeit ist einfach unglaublich", sagt Gay Smith. Er sitzt in einem neuen Range Rover Sport, der vor ein paar Wochen die Rekordzeit für Serienfahrzeuge geknackt hat und deshalb zum Pacecar für das aktuelle Rennen gekürt wurde. Smith weiß genau, wovon er spricht. Schließlich war er vor genau 50 Jahren zum ersten Mal am Pikes Peak, ist mittlerweile rund tausendmal zum Gipfel gejagt und hat seine Rennen damals mit Zeiten um die zwölf, dreizehn Minuten gewonnen.

"Jetzt schafft schon ein ganz gewöhnlicher Geländewagen 12:35,61 Minuten", wundert sich der schnelle Senior. "Und nachdem wir jahrelang an der Zehn-Minuten-Grenze gekaut und dann vielleicht, ein, zwei Fahrer pro Rennen darunterbekommen haben, konnten sich heute gleich sieben im Nine-Minute-Club eintragen. Und Loeb hat sogar den Acht-Minuten-Club gegründet", sagt Smith und schüttelt den Kopf. "Wenn das so weitergeht, sind wir bald bei sieben Minuten und kommen gar nicht mehr hinterher."

Loebs Rekordzeit und ihre eigene Ankunft feiern die Rennfahrer oben auf dem Gipfel ohne Unterschiede zwischen Amateuren und Profis, zwischen Bikern und Autofahrern. Dann führt Smith sie im Pacecar wieder als Pulk zurück an den Start.

Van-Fahrer Pagenaud hat für seinen Sturm an die Spitze genau 12:54,325 Minuten gebraucht und dabei jede Menge Spaß gehabt. Und stolz kann er auf seine Zeit trotzdem sein - schließlich fährt er eine ganz normale Familienkutsche. Naja, beinahe zumindest.

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insgesamt 42 Beiträge
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    Seite 1    
1. Landschaft
Ratzbär 01.07.2013
Was für eine herrliche Landschaft und Natur. - Schade, dass man sie m. M. nach für so einen Schwachsinn verpestet.
2. "Race in the Clouds" ?
z_beeblebrox 01.07.2013
Dürfte wohl eher "Race to the Clouds" heißen, Herr Geiger / Grünweg. Habe noch ein Video vom W. Röhrl, wie er mit dem Audi Quattro den Berg hochraste. Einfach irre, vor allem weils noch viele Schotterabschnitte gab. Diese Rennstrecke komplett zu asphaltieren, ist eine Schande.
3. Nur noch PS und Abtrieb
dr.u. 01.07.2013
Zitat von sysopDer Pikes Peak Hill Climb ist eines der spektakulärsten Motorsport-Events. Mit PS-Monstern schießen sich nicht nur Profis wie Rallyefahrer Sébastien Loeb auf den Gipfel, sondern auch ganz normale Leute - mit teils aberwitzigen Auto-Kreationen. Pikes Peak Hill Climb: Die Faszination des legendären Bergrennens - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/auto/aktuell/pikes-peak-hill-climb-die-faszination-des-legendaeren-bergrennens-a-908682.html)
Die Strecke ist mittlerweile durchgängig asphaltiert. Es zählt also fas t nur noch PS und Ca/Ca. Fahrerrisches Können à la Röhrl, Vatanen, etc. wird leider immer weniger...
4.
c.PAF 01.07.2013
Zitat von sysop...mit teils aberwitzigen Auto-Kreationen
Wären schön gewesen, davon wenigstens 1 Beispiel unter den Foto zu finden...
5. Denken
Ratzbär 01.07.2013
Zitat von RatzbärSie machen den Baumkuschlern alle Ehre. Gleich den ersten Beitrag erwischt. Weiter so!
"Baumkuschler" scheinen offensichtlich schneller zu denken und zu handeln! ;-) Aber wahrscheinlich wird bei den PS-Fans die Geschwindigkeit in das Fahrzeug übertragen - irgendeine Nebenwirkung hat ja jede Sportart. ^^
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