Von Benjamin Dürr
Das Sparschwein fährt immer mit. Es sitzt versteckt hinter dem Armaturenbrett und ist ein schwarzes Kästchen, das aussieht wie eine Festplatte. Der schwarze Kasten heißt "S-Box" und wird immer am Monatsanfang automatisch mit einem Guthaben gefüllt. Jedes Mal aber, wenn das Fahrzeug mit der "S-Box" an Bord zur Hauptverkehrszeit auf den Autobahnen rund um Utrecht unterwegs ist, wird von diesem Betrag ein kleiner Teil abgezogen.
Je weniger man also zu den Stoßzeiten fährt, desto mehr bleibt am Monatsende als Belohnung auf der "S-Box" übrig - bis zu hundert Euro können Pendler in den Niederlanden so verdienen.
Es ist die Anti-Maut, der Gegenentwurf zur Autobahngebühr, wie sie in vielen anderen europäischen Ländern längst Gang und Gäbe ist und auch schon seit einer Ewigkeit in Deutschland diskutiert wird. Statt für die Nutzung zu bezahlen, gibt es für die Nicht-Nutzung bestimmter Autobahnen in Holland einen Geld-Betrag.
Abzüge bei Rush-Hour-Fahrten
"Spitsvrij" - in etwa übersetzt "Stoßzeit-frei" - heißt das Projekt, mit dem die Provinz Utrecht ihre Autobahnen entlasten will. Inzwischen gibt es vier weitere Regionen in Holland, in denen Autofahrer Geld bekommen, wenn sie zur Hauptverkehrszeit zu Hause bleiben. Die Idee geht auf: Pendler verteilen sich über den Tag, Staus gehen spürbar zurück.
Das Gebiet von "Spitsvrij" sind die Autobahnen 1, 12, 27 und 28 zwischen Utrecht, Hilversum und Amersfoort, südlich von Amsterdam. Teilnehmen kann jeder, der regelmäßig fährt. Um das zu beweisen, muss das Auto mit der "S-Box", die GPS-Signale empfängt, in den ersten fünf Wochen mindestens 25-mal während der Stoßzeit unterwegs sein. Erst dann gilt man als projektberechtigter Pendler und wird aufgenommen.
Das monatliche Guthaben richtet sich nach den Kilometern, die man täglich fährt. Für jede Fahrt zwischen halb sieben und halb zehn morgens oder zwischen halb vier und halb sieben am Abend wird den Teilnehmern ein Betrag abgezogen, der ebenfalls abhängig ist von den gefahrenen Kilometern während dieser Zeiten. Was am Ende übrig bleibt, ist ein Geschenk - bis zu hundert Euro im Monat bleiben Pendlern so fürs Nicht-Fahren. Über die Internetseite kann jeder sein aktuelles Guthabenkonto abfragen.
"Wir haben ausgerechnet, dass in unserem Gebiet zur Hauptverkehrszeit rund 60.000 Autofahrer oft unterwegs sind", sagt Marleen Dohle von "Spitsvrij". Davon beteiligen sich rund 5400 Fahrer aktuell am Projekt, dessen Startschuss im Oktober 2011 fiel. Seither fahren jeden Tag rund 3000 Autos weniger zur Stoßzeit - das entspricht etwa fünf Prozent.
Viel billiger als ein Autobahnausbau
"Das erscheint auf den ersten Blick wenig", gibt Markus van Tol vom Automobilclub ANWB, dem holländischen Pendant zum ADAC, zu. "Aber ein paar Prozent weniger Verkehrsteilnehmer bedeuten gleich einen deutlichen Rückgang der Staus." Van Tol befürwortet deshalb das Projekt. "Alles was zu einer Entspannung der Situation führt, ist wichtig." Außerdem habe eine bessere Verteilung der Fahrzeuge über den Tag deutlich stärkere Effekte als eine Straßenverbreiterung.
Auch auf der A 15 bei Rotterdam, auf den Stadtringen in Eindhoven und Den Bosch, auf den Autobahnen 12, 15, 50, 73 und 325 zwischen Arnheim und Nimwegen werden Autofahrer fürs Zuhausebleiben belohnt. Dort allerdings wird eine andere Technik genutzt: Statt einer GPS-Box im Auto registrieren Kameras an der Straße die Kennzeichen der Fahrzeuge.
Totale Überwachung?
"Slim Prijzen" heißt das Projekt auf dem Regioring zwischen Arnheim und Nimwegen, 15.000 Fahrer machen mit, es ist das größte in den Niederlanden. Jedes Mal, wenn eine Kamera das eigene Kennzeichen während der Stoßzeiten registriert, werden pauschal vier Euro vom Belohnungs-Guthaben abgezogen.
"Die Idee erfordert natürlich eine ziemlich genaue Überwachung, wer wann wo fährt", sagt Markus van Tol vom ANWB. Das sei ein Balanceakt, eine Abwägung, was wichtiger sei - weniger Staus oder weniger Überwachung. "Am Anfang gab es durchaus Bedenken", sagt Marleen Dohle vom "Spitsvrij"-Projekt in Utrecht. "Wir tun aber alles, um den Schutz der privaten Daten zu gewährleisten."
Kritiker haben allerdings nicht nur datenschutzrechtliche Bedenken. Sie halten den Rückgang der Staus nur für einen zeitlich begrenzten Effekt. Henk Meurs, Professor für Mobilität und Raumplanung an der Radboud-Universität Nimwegen erklärte in der Tageszeitung "De Volkskrant", das Belohnungssystem bringe zwar manche Autofahrer dazu, zu Hause zu bleiben oder andere Straßen zu benutzen. "Dass der Verkehr dann besser fließt, wird andere aber dazu bringen, genau diese Autobahnen zu benutzen - dadurch nehmen die Staus nicht ab."
Angestoßen wurden die Experimente vom Verkehrsministerium in Den Haag. Von dort kommt auch das Geld: Mit einer Milliarde Euro unterstützt die Regierung Verkehrsprojekte, darunter die Anti-Stau-Initativen oder Elektrofahrräder. Das "Slim Prijzen"-Projekt in Arnheim und Nimwegen beispielsweise kostet insgesamt 15 Millionen Euro. Eine Verbreiterung der Autobahn wäre dagegen fast zehnmal so teuer.
Die Investitionen lohnten sich, sagt Remco van Lunteren, Abgeordneter der Provinzregierung in Utrecht. Weniger Staus führen nämlich auch zu einem verminderten CO2-Ausstoß. "So tun wir auch noch etwas für die Umwelt."
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