Fahrradverbot in Kalkutta Der Zwangsabstieg

Während in Europas Städten neue Fahrradwege entstehen, geht die Polizei im indischen Kalkutta gegen Zweiräder vor. Dort ist Radeln, Handkarren ziehen und Rikscha fahren nun auf vielen Straßen verboten.

DPA

Kalkutta - Der Verkehr in Kalkutta fließt nicht, er schleicht. Wenn überhaupt. Kaum eine andere indische Stadt bewegt sich langsamer, selbst auf den Hauptstraßen quälen sich Fahrzeuge mit 18 km/h durch die überfüllte Stadt. Im Berufsverkehr und bei einem der zahlreichen religiösen Feste sitzen Reisende auch mal zwei Stunden ganz fest. Deswegen greift der Polizeichef der Fünf-Millionen-Metropole hart durch. Doch statt die Zahl der Autos einzuschränken, geht er gegen Fahrräder vor.

"Jede andere Stadt auf der Welt baut die Infrastruktur für Fahrradfahrer aus, Kalkutta ist wohl die einzige, die sie verringert", regt sich Gautam Shroff auf, der in der Stadt mehrere Radläden besitzt. Dabei sei ja wohl eindeutig, dass Fahrräder nicht das Problem seien - schließlich bräuchten sie viel weniger Platz als Autos. "Und sie verbrennen kein Benzin, sind umweltfreundlich und die Leute treiben auch noch Sport!"

Doch Polizeichef Surajit Kar Purkayastha, der per Gesetz Verfügungen erlassen darf, ordnete im Juni dennoch an: Alle Fahrräder, Rikschas, Bäckereiräder, Handkarren und Gepäckwagen ohne Motorantrieb müssen von den 174 Hauptverkehrsadern der Stadt verschwinden.

"Es gibt nicht genügend Platz für alle", rechtfertigt der oberste Verkehrspolizist, Dilip Kumar Adak, die Bestimmung. Außerdem seien die muskelbetriebenen Gefährte zu langsam.

Polizisten zerstechen Reifen

Trotz des Verbots strampeln weiterhin unzählige Menschen durch die oft engen Straßen, von denen viele noch im 18. Jahrhundert angelegt wurden. Sie transportieren Milchkannen oder Stoffballen, fahren Zeitungen aus, bringen Kunden von A nach B oder radeln zur Arbeit, weil sie kein Geld für den Bus oder die Metro haben. "Diese Menschen haben gar keine andere Wahl, für sie ist der unmotorisierte Transport unverzichtbar", sagt Ekta Kothari von der Bürgerrechtsbewegung Cycle Satyagraha, benannt nach dem friedlichen zivilen Ungehorsam von Mahatma Gandhi.

"Manchmal halten mich die Polizisten plötzlich am Gepäckträger oder der Lenkerstange fest. Wenn ich 80 Liter Milch am Rad hängen habe, drohe ich jedes Mal, umzufallen und alles zu verlieren", erzählt Raghunath Bhattacharjee. Dann müsse er zwischen 100 und 300 Rupien Strafe zahlen, umgerechnet sind das ein bis vier Euro. "Auch wenn ich weine und flehe, dass das mein ganzer Tagesverdienst ist, lassen sie mich nicht gehen", fügt der 42-Jährige hinzu. "Wer nicht zahlt, bei dem zerstechen sie die Reifen."

Sein Chef, der Milchhändler Amet Sinha, sagt, er könne nicht auf Lastwagen umstellen. "Dann steigen die Transportkosten und der gemeine Mann kann sich die Milch nicht mehr leisten." Das geht auch Prabhunath Rai so, der 50 Lastenfahrräder besitzt und damit Stoffe, Tee oder Trockenfrüchte ausfahren lässt. "Wir fühlen uns jetzt alle wie Kriminelle, denn egal wie wir es anstellen, wir brechen immer Gesetze."

Demonstrationen gegen das Verbot

Bislang würden alle Besitzer der rund 20.000 Lastenräder und rund 50.000 Milchräder widerstrebend zahlen, fügt Rai hinzu. Aber wenn die Polizei noch häufiger ausschwärme, müssten sie dichtmachen. Die Existenzangst treibt die Ausfahrer zu Protesten auf die Straße: In den vergangenen Wochen kam es mehrfach zu großen Demonstrationen gegen das Fahrradverbot. 20.000 Unterschriften gegen das Gesetz wurden an die Regierung des Bundesstaates Westbengalen geschickt.

"Fahrräder sind die Transportmittel der Armen, deswegen haben sie nicht den Stellenwert, den sie haben sollten", sagt Aktivistin Kothari. Die meisten Menschen in Kalkutta benutzen nach Ministeriumsangaben öffentliche Verkehrsmittel oder laufen. Und während elf Prozent der Strecken mit dem Fahrrad zurückgelegt werden, sind es nur acht Prozent mit dem Auto. Trotzdem sei die Politik absolut auf Autos ausgerichtet, sagt Kothari. "Wenn die Mittelschicht Fahrrad fahren würde, dann gäbe es dieses Verbot nicht."

von Doreen Fiedler, dpa/mhu



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insgesamt 24 Beiträge
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Seite 1
Oberleerer 18.10.2013
1.
Das hört sich an wie ein Haufen kurzsichtiger Egoisten. Das Problem hätten wir hier auch, wenn sich die Haushalte separat mit Milch, Brot etc beliefern lassen, womöglich täglich. Hier hat man ja täglich auch schon 3 Paketdienste. Der Artikel plakatiert ja zunächst ein totales Fahrradverbot, aber es geht dann nur um bestimmte Hauptverkehrsadern. Das ist hier nicht anders. Viele Ringstraßen und Zubringer sind für Radfahrer gesperrt. Die Menschen dort beuten scheinbar sich und andere gerne bis aufs Blut aus.
Kritikusus 18.10.2013
2. Bitte vergleichen Sie
nicht das Fahrradfahren und dessen Nutzung in Indien, mit dem Fahrradfahren in Deutschland, wo bunt verkleidete HighTech-Materialien auf breiten ausgebauten Wegen bewegt werden. In Indien ist das Fahrrad kein Sportgerät sondern ein Mittel zum Zweck, teils aus der Not heraus geboren. Ein typisches indisches Transportfahrrad würde in Deutschand keinen Kilometer weit kommen. Und mit den kurzsichtigen Egoisten gebe ich ihnen Recht, nur nicht auf Indien bezogen. In Indien wird mit Fahrrädern mehr geleistet als hier an manchem Arbeitsplatz.
dig 18.10.2013
3. zählen Sie nochmal nach
Zitat von OberleererDas hört sich an wie ein Haufen kurzsichtiger Egoisten. Das Problem hätten wir hier auch, wenn sich die Haushalte separat mit Milch, Brot etc beliefern lassen, womöglich täglich. Hier hat man ja täglich auch schon 3 Paketdienste. Der Artikel plakatiert ja zunächst ein totales Fahrradverbot, aber es geht dann nur um bestimmte Hauptverkehrsadern. Das ist hier nicht anders. Viele Ringstraßen und Zubringer sind für Radfahrer gesperrt. Die Menschen dort beuten scheinbar sich und andere gerne bis aufs Blut aus.
Nur 3 Paketdienste - zählen Sie nochmal nach.
jasper366 18.10.2013
4.
Zitat von digNur 3 Paketdienste - zählen Sie nochmal nach.
ER hat ja nicht geschrieben wo er wohnt. ;-) Auch bei mir hier auf dem Land sind es täglich im Schnitt nicht mehr als 3, außer vor Weihnachten ;-) Mal DHL, DPD und UPS, am anderen Tag vielleicht DHL, General Parcel und Hermes... Mal 2 am Tag, mal 4.
Velociped 18.10.2013
5. kurzsichtig und rückwärtgewandt
Das ist kurzsichtige und rückwärtsgewandte Politik. Wenn diejenigen, die heute mit dem Rad fahren, künftig mit dem Auto fahren, würden alle im Stau stehen und 18 km/h Durchschnittsgeschwindigkeit ein Traum. Daher sollen diese Menschen gar nicht Auto fahren. Sie sollen nur auf die Nebenstrassen und Umwege ausweichen, damit die Reichen Leute mehr Platz auf den Strassen haben. Diese Politik von Radwegbenutzungspflicht, Autostassen und Radfahrverboten gibt es in Deutschland auch noch - nicht so krass aber mit dem selben Ziel: Die autogerechte Stadt.
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