Porsche 356 Spritztour in einer Legende

Vor genau 60 Jahren entstand im österreichischen Gmünd der allererste Porsche-Prototyp. Zwei Jahre später begann in Stuttgart die Produktion des Sportwagens Porsche 356. SPIEGEL ONLINE war mit dem ältesten noch erhaltenen Exemplar unterwegs.

Von Jürgen Pander


So zierlich, so schwarz, so schön. Das sind die ersten Eindrücke, die man vom Porsche 356 Coupé hat, wenn man den Sinn für klassische automobile Ästhetik noch nicht völlig verloren hat. Das also ist der älteste noch erhaltene Porsche aus Stuttgart-Zuffenhausen, das legendäre kleine schwarze Auto mit der Fahrgestellnummer 5047. Am Gründonnerstag des Jahres 1950 rollte der erste 356 aus der Fertigungshalle, wenige Tage später wurde dieses Modell fertig, in dem wir jetzt durch den Junimorgen rasseln.

Am Steuer sitzt Oliver Schmidt, einer der Initiatoren der Hamburger Autosammlung "Prototyp", zu deren Fundus der exzeptionelle Sportwagen zählt. Vor sechs Jahren kam das Auto in hanseatischen Besitz, seither wurde es perfekt aufgearbeitet - und regelmäßig gefahren. "Der Wagen macht einfach Spaß, und er fährt sich auch nach fast 60 Jahren noch quicklebendig und extrem zuverlässig." Eine Zwölf-Stunden-Nonstop-Fahrt nach Frankreich absolvierte der Porsche-Pensionär kürzlich klaglos.

Ein bisschen Übung braucht es allerdings schon, das 356 Coupé zu pilotieren. Das Vierganggetriebe ist noch nicht synchronisiert, geblinkt wird per cremefarbenen Kipphebel, der mittig auf dem Armaturenblech sitzt und das Tanken sollte man auch nicht vergessen. Es gibt nämlich keine Tankuhr, sondern einen Holzstab mit Kerben, der senkrecht in das Benzinfass unter der Vorderhaube gehalten werden muss, um den Füllstand abzulesen.

Ansonsten aber hat das geschmeidig geformte Auto - die Karosserieform stammt von Erwin Kommenda - alles, was ein Sportwagen braucht. Im Heck werkelt ein Vierzylinder-Boxermotor mit 1086 Kubikzentimetern, der in seiner Grundform aus dem VW Käfer stammt, jedoch von Porsche mit zwei Solex Fallstromvergasern und manch anderem Feinschliff auf 40 PS getunt wurde. Die Tachoskala reicht bis 160 km/h - Tempo 140 sind allemal drin, zumal das Coupé lediglich 700 Kilogramm wiegt.

Ein Bakelit-Lenkrad, filigran wie ein Spinnennetz

Wer das Auto aufmerksam betrachtet, erkennt zahlreiche Besonderheiten, die es als besonders frühes und damit seltenes Exemplar der 356er-Gattung auszeichnen. Etwa die geteilte Frontscheibe oder die fest verglasten hinteren Fenster, die sich bei späteren Baujahren dann aufklappen ließen. Außerdem trägt der Wagen auf den Rädern verchromte "mooncaps" - Radkappen mit einer schlichten Kreisprägung, die überaus dezent und elegant zugleich wirken. Das Dreispeichen-Petri-Lenkrad mit Hupring ist aus Bakelit, auf der Antenne fürs Blaupunkt-Radio (damals Sonderzubehör) sitzt eine rote Spitze, "red tipper" genannt, und die Türen sind innen mit einer Buchenholzleiste und hellgrauem Bedford-Cord verkleidet.

Das helle Interieur ergibt einen tollen Kontrast zur schwarz glänzenden Karosserie. Der Lack ist zwar nicht mehr das Original des Jahres 1950, aber es handelt sich um originalen Nitrolack, wie er damals verwendet wurde. Weil der in Deutschland aus Umweltschutzgründen nicht mehr verwendet werden darf, ließen Oliver Schmidt und sein Kompagnon Thomas König das Auto in Italien lackieren. Wobei es weniger um krampfhafte Originalität ging, als vielmehr um den speziellen, tiefen Glanz, den dieser Lack buchstäblich ausstrahlt. Nirgendwo am Auto findet sich übrigens das Porsche-Wappen - weil es erst 1954 kreiert wurde. Nur der Name Porsche steht schlicht an Bug und Heck.

Zündschloss links, Startknopf rechts

Mit dem Porsche 356 also fing alles an. Auch in diesem Modell ist bereits das Zündschloss links des Lenkrads plaziert, während rechts davon die schwarze Startertaste sitzt. Und auch in diesem Modell spürt man bereits den Drang zu einer möglichst perfekten Konstruktion. Der Wagen rauscht munter los, flitzt flink um die Kurven und macht auch nach rund 106.000 Kilometern einen kerngesunden Eindruck.

Obwohl der Sportwagen zum Preis von knapp 10.000 Mark in der kargen Nachkriegszeit ein nahezu unerschwingliches Luxusprodukt war, ein VW Käfer kostete damals 4600 Mark, lief das Geschäft mit der Geschwindigkeit flott an. Bereits 1951 wurden 1364 Exemplare des Porsche 356 gefertigt; und bis zum Ende der Produktion im Jahre 1966 verließen insgesamt 77.766 Exemplare der 356-Baureihe als Coupé, Cabriolet, Speedster oder extra-starker Carrera das Werk in Zuffenhausen.

Der Grundstein des Motorsport-Mythos

Mit dem 356 begann eine Erfolgsstory, die - trotz einiger Talfahrten und Beinahe-Crashs - bis heute andauert. Zugleich wurde mit dem Wagen auch der Grundstein für das tadellose Image von Porsche im Motorsport gelegt. Allein im Jahr 1954 sind in den Annalen 206 Rallye- und 214 Rennsiege mit Porsche-356-Modellen vermerkt.

Das schwarze Kleinod mit der Fahrgestellnummer 5047 allerdings wurde nicht über Rundstrecken geprügelt. Der Wagen ging als erstes Exemplar an den Berliner Porsche-Händler Eduard Winter, der ihn an einen US-Schriftsteller verkaufte. Von den USA gelangte das Auto später nach Italien - und von dort wiederum an den Hamburger Hafenrand, wo es jetzt von Besuchern der Autosammlung "Prototyp" bestaunt werden kann. Wenn es nicht gerade mal wieder ein wenig Bewegung braucht.



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