Porsche-550-Nachbau Die falschen Fünfziger

Herstellern sind sie ein Dorn im Auge, doch für manche Fans von Autos aus den fünfziger Jahren sind Replikas die ideale Lösung. Die Nachbauten der Autoklassiker sehen gut aus und kosten nur ein Bruchteil des Originalfahrzeugs - wie dieser Pseudo-Porsche aus Brasilien.


Drei Filme und ein tödlicher Unfall machten den US-Schauspieler und das Jugendidol James Dean zur Legende. Doch nicht nur der Mensch ist unvergessen, seit er am 30. September 1955 auf einer Kreuzung im kalifornischen Hinterland in die Flanke eines Ford Tudor krachte und starb - auch sein Auto, ein Porsche 550 Spyder, ist längst eine Ikone.

Obwohl der Stuttgarter Sportwagenhersteller 1954 bis 1957 lediglich 90 Exemplare des Zweisitzers baute und nicht einmal die Hälfte davon bis heute erhalten blieben, ist der sogenannte James-Dean-Porsche auf den Straßen dieser Welt überraschend präsent. Denn kaum ein anderes Auto aus den fünfziger Jahren wurde so oft nachgebaut und neu interpretiert wie der silberne Flachmann aus Zuffenhausen. Allein die brasilianische Firma Chamonix schneidert seit 1986 jedes Jahr mehrere hundert Pseudo-550er, von denen einige über den Importeur Michael Gehrke aus Ketsch in Deutschland angeboten werden.

"Ich bekomme aus Brasilien stets drei Autos pro Bestellung", sagt Gehrke, der neben dem 550er auch noch einen Nachbau des Porsche 356 im Angebot hat. Die Fahrzeuge sind restaurierte Gebrauchtwagen und kommen in Deutschland in Einzelteilen an: Gitterrohrrahmen, Kunststoffkarosserie, rote Ledersitze; Teppichboden - viel mehr zieht Gehrke nicht aus dem Container. Den Antrieb kauft er in Deutschland zu, wo es genug generalüberholte Motoren und Getriebe gibt. "Auch alle anderen technischen Komponenten bestelle ich im Kundenauftrag in Europa", sagt Gehrke. Es gilt die Faustregel: Je mehr Geld man auszugeben bereit ist, desto näher kommt man dem Original.

Den Wagen gibt es als Bausatz oder fahrfertig

Wer sparen will, Zeit hat und mit Werkzeug umgehen kann, bekommt den 550er auch als Bausatz zum Preis von 18.000 Euro. Dann fehlen allerdings noch Motor, Getriebe und Achsen. "Ein fahrfertiges Auto gibt es ab 29.000 Euro, und das obere Ende der Preisskala liegt bei etwa 42.000 Euro", sagt Gehrke. Der Preis ist heiß, zumal der Porsche 550 im Original ein teures Vergnügen war: 24.000 Mark kostete der Flitzer, so viel wie fünf VW Käfer.

Wie bei der Ausstattung können die Käufer der Replika auch beim Antrieb aus einer ganzen Palette von Möglichkeiten wählen. Die Motoren reichten von "mild bis wild", sagt Gehrke. Hinter die Sitze passen Vierzylinder-Boxermotoren von VW (Typ 1) oder Porsche (Typ 4), die ein Leistungsspektrum von etwa 65 bis rund 150 PS abdecken. Heute, wo schon der kleinste Porsche Boxster auf 255 PS kommt, entlocken solche Werte einem Sportwagen-Enthusiasten nur ein müdes Lächeln. Doch in einem Auto, das lediglich 580 Kilogramm wiegt, wird selbst ein alter VW-Käfer-Motor zum Kraftwerk.

Wegen der schlanken Form wird das Auto leicht übersehen

Der auf 1,9 Liter aufgebohrte Vierzylinder in Gehrkes Vorführwagen bringt es mit wilden Auspuffgebrüll auf beachtliche Fahrleistungen: Während man mit fester Hand das dünne Holzlenkrad umklammert und gekrümmt hinter der kleinen Frontscheibe Schutz vor dem Fahrtwind sucht, jagt der Pseudo-Porsche in 6,5 Sekunden aus dem Stand auf Tempo 100. Und wer ohne Knautschzone, Airbag und ABS kaltblütig genug ist, der schießt wenig später mit 195 km/h über die Autobahn. Kein geringes Risiko, denn das Wägelchen vom Format 3,70 Meter Länge und nur 1,19 Metern Höhe ist derart unscheinbar, dass es von anderen Autofahrern mitunter übersehen wird.

Gehrke ist nicht der Einzige, der auf der Retrowelle durch die Wirtschaftswunderjahre reitet. In Kleinanzeigen, bei Oldtimer-Rennen und auf den einschlägigen Messen findet man mittlerweile eine ganze Reihe falscher Fünfziger. So baut etwa Ralf Rudolph in Mechernich zu Preisen ab 25.500 Euro einen schnuckeligen Roadster, der auf den ersten Blick als Karmann Ghia durchgeht. Und bei der Gullwing GmbH in Sachsen lebt der legendäre Mercedes 300 SL weiter. Er bildet auch die Basis für einen Panamericana-Rennwagen, der jetzt in den USA wieder aufgelegt werden soll.

Skepsis, Spott und rechtliche Schritte

Die Hersteller der Originale beobachten das Treiben der Nachbauer mit Skepsis. Zwar sieht Josef Ernst, Klassikexperte bei Mercedes, in diesen Aktivitäten auch eine "besondere Art von Wertschätzung gegenüber einem bestimmten Produkt oder der hinter ihm stehenden Marke". Er nennt aber gleich darauf die Replikas jeder Art einen "mehr oder minder gut gemachten Kitsch". Immerhin lässt Mercedes die Nachbauer gewähren.

Porsche reagiert empfindlicher. Die Zuffenhausener behelligen Gehrke & Co. bei Ausstellungen durchaus auch mit der hauseigenen Rechtsabteilung. Seitdem ist der Schriftzug des Karosseriebauers Wendler aus Reutlingen, der im Lohnauftrag damals das Original montierte jetzt das einzige Logo am Nachbau - mit dem Einverständnis der Firma.

"Nur für die Vitrine" liefert Gehrke auf Wunsch freilich auch Typenschilder, Schriftzüge und Radkappen mit Porsche-Werkswappen. Ob die Kunden die hübschen Details tatsächlich in den Glasschrank legen, oder nicht doch am Auto anbringen, darauf hat Gehrke keinen Einfluss. Obwohl: Die Karosserie ist für alle Fälle an den nötigen Stellen vorgebohrt.



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