Porsche 718 Boxster Das zweiliterarische Quartett

Porsche quält gusseiserne Fans nach der Verbannung des Saugmotors mit einem neuen Tabubruch: Im Boxster wird der Sechszylinder gestrichen, vier Töpfe müssen reichen. Ein Verlust? Nicht bei der Leistung.

Porsche

Von


Der ehemalige Rallye-Weltmeister Walter Röhrl ist bekannt für zwei Dinge: Zum einen beherrscht er die Kunst des schnellen Fahrens und zum anderen die Kunst des freien Denkens. Ersteres hat ihm eine Rolle als Markenbotschafter des Autoherstellers Porsche beschert. Zweiteres bringt ihn manchmal in Konflikt mit genau dieser Rolle.

Da war zum Beispiel die Sache mit den neuen Porsche-Motoren. Eine australische Autozeitschrift wollte vor einem Jahr von Röhrl wissen, was er von den geplanten Vierzylindern mit Turboaufladung hält. Der Markenbotschafter hatte folgende markige Botschaft an die Reporter: Die Motoren, sagte er, "klingen wie ein VW Beetle". Er habe sich extra ein Exemplar des Boxster Spyder mit dem großvolumigen Sauger-Sechszylinder gesichert, fügte Röhrl noch hinzu. "Denn solche Motoren werden in Zukunft nicht mehr gebaut."

Jetzt hat Porsche den neuen Boxster mitsamt dem neuen Motor präsentiert. Und wie sich herausstellte, lag Walter Röhrl mit seiner wunderbar ehrlichen Einschätzung richtig. Zumindest teilweise.

Weniger Zylinder, mehr PS

Denn Motoren mit viel Hubraum werden in Weissach erst einmal nicht mehr gebaut. Beim neuen 911er schrumpfte der Sechszylinder von 3,8 Liter auf 3,0 Liter. Und beim 718 Boxster resultiert der Verlust von zwei Zylindern nun in einem Volumen von 2,0 Liter (Basismodell) und 2,5 Liter (718 Boxster S). Beim Vorgänger waren es noch 2,7 bis 3,8 Liter.

Hinzugekommen ist beim 718 Boxster aber - wie schon beim Basis-Neunelfer - die Turboaufladung. Und mit ihr mehr Leistung und Drehmoment. Der 718 Boxster hat nun 300 PS und 380 Nm, das sind im Vergleich zum vorherigen Boxster zusätzliche 35 PS und 100 Nm. Gleichzeitig verbraucht das Auto laut Normzyklus etwa 13 Prozent weniger Sprit, weil mit dem Hubraumvolumen auch Reibungskräfte und Wärmeverluste sinken.

SPIEGEL ONLINE

Man könnte vom Porsche-Paradoxon sprechen: Die Autos sind schneller und sparsamer geworden - aber ein Teil der Kundschaft (und der Markenbotschafter) ist bitter enttäuscht. Wie kann das sein?

Die Antwort darauf ist simpel: Zum einen gehören Verbrauchsangaben nicht zu der Art von Kategorien, die Sportwagenfans interessiert. Vor allem klingen Vierzylinder mit Turboaufladung aber anders als Sechszylinder-Saugmotoren, außerdem beschleunigen sie nicht so gleichmäßig.

Der Abschied von einer linearen Beschleunigung wird beim durchschnittlichen Boxster-Fahrer wohl durch das zusätzliche Drehmoment versüßt - so er überhaupt einen Unterschied merkt. Was den Sound betrifft: Walter Röhrl zeigte sich in seinem Interview mit dem australischen Fachblatt zuversichtlich, dass der fertig entwickelte Boxster nicht mehr nach Beetle klingt.

Hier sind jeweils zwei Hörproben von einem Boxster S von 2012 und dem neuen 718 Boxster S. Vergleichen Sie selbst:


Stefan Weckbach findet den Sound "sportlich und satt". Der Leiter der Baureihe 718 Boxster ist der Ansicht, dass vier Zylinder "mehr als ausreichend" für den Wagen sind. "Ein Sechszylinder-Turbo wäre überdimensioniert", sagt Weckbach. Die größte Herausforderung sei das sogenannte Packaging gewesen: "Der Motor musste ins Auto passen." Keine leichte Aufgabe - denn was durch die zwei gestrichenen Zylinder im Motorraum frei wurde, benötigten die Entwickler zur Unterbringung des Turboladers.

Der Motor passte letztendlich, ohne dass mehr Platz geschaffen werden musste. Weckbach vermittelt zwar den Eindruck, dass er mit dem Ergebnis sehr zufrieden ist. Aber wenn man sich mit ihm unterhält, wird man das Gefühl nicht los, dass er auf die komplizierten Umbauten auch gut hätte verzichten können.

Ein Vierzylinder-Turbo-Motor gehört nicht zu den Zuffenhausener Herzensangelegenheiten. Es war kein Mitglied aus dem Porsche-Piëch-Clan, der Downsizing und die Abkehr von den Saugermotoren ausgelobt hat. Dass Porsche jetzt leistungsstärkere und gleichzeitig effizientere Aggregate baut, liegt vor allem an Brüssel. Ohne die strengere Reglementierung des CO2-Flottenverbrauchs durch die EU wären die Innovationen nicht angeschoben worden.

Fragt man Weckbach, was er von den Grenzwert-Regeln hält, sagt er: "Es gibt gesetzliche Vorgaben und die sind einzuhalten. Punkt."

Endlich wieder vier Töpfe für einen Porsche

Einerseits bricht Porsche also gezwungenermaßen mit der Tradition der Sechszylinder. Andererseits mussten die Entwickler nur durchs Archiv blättern, um eine historische Referenz für den Vierzylindermotor zu finden. Schon das erste Serienmodell von Porsche, der 356er, lief auf vier Töpfen. Erst später kam der 911er mit sechs Zylindern; und auch wenn diese Ikone den Ruhm des Herstellers begründet hat, waren es in den Jahrzehnten danach oft Vierzylindermodelle (auch mit Turbo), die für Stückzahlen und somit für den wirtschaftlichen Fortbestand sorgten.

Schaut man sich also die folgende Galerie an, erscheint es rückblickend wie ein Verrat an der Markengeschichte, dass jahrelang ein Vierzylinder im Sportwagenportfolio fehlte.

Bei der Suche nach einem passenden Vorvater fiel die Wahl schließlich auf den Porsche 718. Die Typbezeichnung des Rennwagens aus den Fünfziger- und Sechzigerjahren soll nun dafür herhalten, den neuen Boxster als legitimen Erben zu vermarkten.

"Nur Kofferraumdeckel, Verdeck und Windschutzscheibe" sind laut Matthias Kulla, Projektkoordinator für das Sportwagendesign bei Porsche, noch identisch mit dem Vorgängermodell - alle anderen Karosserieteile wurde für den 718 Boxster frisch entworfen.

Vor allem die Kotflügel, die nach den Rädern schwungvoll abtauchen, bezeichnet Kulla als Hommage an den 718-Urahn. Gleichzeitig zeichnete er die Kanten an den vorderen Lufteinlässen und am Spoiler härter, der Schweller erhielt ebenfalls mehr Kontur. "Maskuliner als die meisten anderen Porsche-Modelle" sei der 718 Boxster nun, sagt Kulla. Zwei Zylinder weniger sollen bei Porsche wohl auf gar keinen Fall einen Männlichkeitsverlust bedeuten. Sowohl geschlossen als auch offen sieht das Auto jedenfalls kernig aus.

"Maskuliner als die meisten anderen Porsche-Modelle". Der 718 Boxster
Porsche

"Maskuliner als die meisten anderen Porsche-Modelle". Der 718 Boxster

Ans Steuer des 718 Boxster hat Porsche bislang nur Testpiloten des Unternehmens gelassen. Immerhin der Platz auf dem Beifahrersitz war freigegeben. Was man dort erleben konnte, machte vor allem eines: Lust auf einen Wechsel mit dem Fahrer. Leichte Nackenschmerzen waren nach Teststreckenumrundungen bislang noch immer ein gutes Zeichen für einen vielversprechenden Sportwagen.

Nur wenige Tage vor der Präsentation des 718 Boxster zeigte Porsche übrigens interessante Bilder: Erstmals veröffentlichte das Unternehmen Fotos von dem Motor, der in den Rennwagen für die Langstrecke eingesetzt wird. Er bescherte der Marke im vergangenen Jahr prestigeträchtige Titel, darunter einen Sieg bei den 24 Stunden von Le Mans. Es handelt sich um einen Turbo-Vierzylinder - dem allerdings noch zwei Elektromotoren zur Seite gestellt werden.

Ob für den Boxster ebenfalls ein Hybridantrieb infrage kommt, wird laut Baureihenleiter Stefan Weckbach derzeit bei Porsche diskutiert. "Eine Entscheidung ist aber noch nicht gefallen."



Forum - Diskutieren Sie über diesen Artikel
insgesamt 109 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
nicht_schon_wieder 25.02.2016
1. Freue mich schon...
auf die Downsizing-Ablehner. Was diese stets übersehen: Die Motorentechnik befindet sich seit 1886 in einem permanenten Downsizing-Prozess.
UluKay 25.02.2016
2. Alternative
Da ich mir keinen 6 Zylinder Porsche leisten kann, hab ich mir eine Alternative aus Japan geholt. Subaru Outback H6 3.0. 3 Liter 6 Zylinder Boxer. Natürlich keine echte Alternative, aber immerhin ;-)
noalk 25.02.2016
3. Soundfetischisten
Solche Krachmacher gehören verboten. In Zeiten, in den Lärm als Krankheitsursache akzeptiert ist, muss niemand eine Kiste fahren, die mehr Krach macht als 100 normale Autos und die man noch in 555 m Entfernung hört.
dipl.inge83 25.02.2016
4. Bei der Sounddatei des 718
sind Innen- und Aussenaufnahme vertauscht. Ansonsten, tolles Auto mit hoffentlich nicht zu komplexer Tuningsperre im Steuergerät.
einza 25.02.2016
5.
so, genau dieses prollige Geknalle kann auch der A45 AMG, das ist kein Sound. Und nein, er hört sich trotz Sounddesign immer noch nach 4 Zylinder an. Am Besten noch nen Soundgenerator einbauen. Fakt ist einfach dass Brüssel und Sportwagen nicht zusammenpassen. Kann man leider nicht ändern. Trotzdem bin ich der Meinung dass wir feststellen werden dass auf Real-Verbrauch Seiten wie Spritmonitor.de der alte Boxster deutlich bessere Realverbräuche erzielt als der 718. Warum? Turbo läuft, Turbo säuft... Leute die einen Boxster kaufen wollen ihn nicht spritsparend bewegen. Und bei forscher Gangart läuft ein 6-Zylinder deutlich sparsamer wie ein 4 Zylinder Turbo.
Alle Kommentare öffnen
Seite 1

© SPIEGEL ONLINE 2016
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.