Neuer Porsche 911 Turbo: Die Trick-Kiste

Von

Porsche 911 Turbo: Der neue Kurvenstar Fotos
Porsche

Zu groß, zu schwer, zu behäbig: Für viele Kritiker ist der aktuelle Porsche 911 mehr Wohlstandsschleuder als echter Sportwagen. Die Krittelei kontern die Zuffenhausener mit dem neuen 911 Turbo. Dem verhelfen allerhand technische Kniffe zu Fabelzeiten auf dem Nürburgring.

Weniger als sieben Minuten und 30 Sekunden - Kenner der Nordschleife werden bei dieser Rundenzeit hellhörig. Wenn der neue Porsche 911 Turbo wahrmacht, was sein Hersteller verspricht, nimmt er seinem Vorgänger auf der legendären Nürburgring-Runde um die 15 Sekunden ab. Und das sind Welten.

Wäre das wahr, hätten all jene einen schweren Stand, die dem 911 eine schleichende Zivilisierung vorwerfen. Aus der Mutter aller Sportwagen, so die Kritik, sei über die Jahre eine Wohlstandsschleuder geworden, die ordentlich Speck angesetzt hat und meilenweit entfernt ist von jenem puristischen Sportwagen, als der vor exakt 50 Jahren der erste Elfer gestartet ist.

Stark und schnell ist der 911 natürlich noch immer - aber spätestens seit beim letzten Generationswechsel mit Blick auf die verwöhnten Amerikaner und Chinesen auch noch der Radstand um zehn Zentimeter gestreckt wurde, wähnten viele Vollgas-Fahrer ihre Leidenschaft in Gefahr.

Mit Tricks zum neuen Rundenrekord

Da kommt die Ankündigung der Fabelzeit des neuen 911 Turbo gerade recht. Möglich wird der Zeitsprung auf der Nordschleife aber weder allein durch den üblichen Kanon aus mehr Leistung, mehr Drehmoment und mehr Geschwindigkeit, noch durch eine Rückkehr zum Purismus. Sondern vor allem durch einen technischen Taschenspielertrick: die virtuelle Radstandsverkürzung.

Das zumindest ist der Effekt, den die Entwickler mit der Einführung einer zuletzt bei nicht gerade für ihre Raserei bekannten Marken wie Renault oder Lexus verbauten Hinterachslenkung erzielen wollen. Nach einer Art Probelauf im nur mühsam zivilisierten Rundstreckenrenner GT3 soll diese Technik nun im Turbo eine breite Kundenschicht noch besser durch die Kurven bringen.

Dort, wo sonst die konventionellen Spurlenker die Hinterachse führen, sind deshalb beim neuen Turbo elektromechanische Versteller montiert, die den Lenkwinkel der Hinterachse je nach Geschwindigkeit um bis zu 2,8 Grad verändern können.

Hier wird nicht genickt!

Bis Tempo 50, also beim Einparken, beim Rangieren oder eben nach dem Herunterbremsen vor besonders engen Kurven lenken die Hinterräder in entgegengesetzter Richtung zu den Vorderrädern. Damit drehe der 911 schneller in die Kurve und ermögliche dynamischeres Einlenkverhalten, verspricht Porsche. Das Auto fühle sich unerreicht wendig an - als hätte jemand unbemerkt den Radstand um 25 Zentimeter gekürzt.

Fährt man schneller als 80 km/h, lenkt das System Hinter- und Vorderräder parallel. Das fühle sich an, als wäre der Radstand sogar 50 Zentimeter länger, sagt Porsche und verspricht eine "enorme Stabilität bei hohen Geschwindigkeiten. Gleichzeitig baue sich beim Lenken die Seitenkraft an der Hinterachse schneller auf, was zu einem spontaneren und harmonischeren Einleiten der Richtungsänderung führe - und wieder Zeit auf der Nordschleife am Nürburgring bringt.

Das ist aber nicht der einzige Kniff, der den Kraftmeier zum König der Kurven machen will. Sondern erstmals für den Turbo gibt es einen aktiven Wankausgleich, der die Seitenneigung reduziert und die Insassen vor dem flauen Gefühl im Bauch schützen dürfte. Außerdem führen die Schwaben beim Turbo ihren ersten variablen Frontspoiler mit aufblasbaren Kammern ein: So lassen sich die drei Segmente der schwarzen Lippe einzeln ausfahren und im Zusammenspiel mit dem ebenfalls dreistufig verstellbaren Heckflügel auf maximales Tempo oder maximale Fahrdynamik trimmen. Allein das bringt laut Porsche auf der Nordschleife zwei Sekunden.

Schönrechnerei beim Verbrauch

Was den Turbo sonst noch ausmacht, ist dagegen ziemlich vorhersehbar. Zunächst ist da natürlich der 3,8 Liter große Sechszylinder-Motor. Im Basismodell blasen die beiden Turbinen mit variabler Schaufelgeometrie dem Boxer 520 PS ein, im Turbo S sind es sogar 560 PS.

Serienmäßig kombiniert mit einer Doppelkupplungsautomatik und auf Wunsch auch mit den Scharfmachern des Sport-Chrono-Pakets reicht das im besten Fall für Sprintwerte von 3,1 Sekunden auf 100 Km/h und ein Spitzentempo von 318 km/h. Weil Porsche selbst beim Turbo zumindest die Illusion von Vernunft wahren will und auf seinen Flottenverbrauch achten muss, haben die Schwaben auch an der Effizienz gefeilt: Auf dem Prüfstand jedenfalls braucht der neue Turbo bis zu 16 Prozent weniger und kommt in der Theorie mit 9,7 Litern aus.

Seine Premiere feiert der Turbo genau dort, wo vor 50 Jahren die Geschichte des 911 begonnen hat und zehn Jahre später auch der erste 911 Turbo gezeigt wurde: Auf der Autoausstellung IAA im September in Frankfurt. Die Zeit bis zum unmittelbar nach der Messe geplanten Verkaufsstart können Interessenten nutzen, um ihre Aktiendepots aufzulösen oder mit dem Chef schon mal über einen vorzeitigen Bonus zu verhandeln. Bei Preisen ab 162.055 Euro für den 911 Turbo und 195.256 Euro für den 911 Turbo S kann ein gewisser finanzieller Spielraum nicht schaden.

Diesen Artikel...
  • Aus Datenschutzgründen wird Ihre IP-Adresse nur dann gespeichert, wenn Sie angemeldeter und eingeloggter Facebook-Nutzer sind. Wenn Sie mehr zum Thema Datenschutz wissen wollen, klicken Sie auf das i.
  • Auf anderen Social Networks teilen

Forum - Diskutieren Sie über diesen Artikel
insgesamt 146 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
1. Lanzarote
titeroy 03.05.2013
Die Bilder wurden uebrigens hier auf Lanzarote afgenommen. Sensationelle Landschaft.
2. Leichtbau in Perfektion
rohfleischesser 03.05.2013
Zitat von titeroyDie Bilder wurden uebrigens hier auf Lanzarote afgenommen. Sensationelle Landschaft.
Ja, und der 911er ist so leicht gebaut, dass er im Sand nicht einmal Fahrspuren hinterlässt. Also entweder wurde da ordentlich gephotoshoppt oder jemand hat tatsächlich fürs Foto den Untergrund wieder begradigt ;)
3.
Brit 03.05.2013
Ha! Das Ende gefällt mir :D
4. Zu groß und behäbig
bvdlinde 03.05.2013
Ich gehöre genau zur Zielgruppe dieses Autos (Alter, Verdienst). Er ist mir aber deutlich zu groß, wirkt behäbig und altbacken. Da helfen dann auch die "objektiven" Daten nicht. Wenn ich einen LKW unter 5 Sekunden auf Tempo 100 beschleunigen könnte, würde ich mich ja auch nicht reinsetzen.
5. Schönes Auto
bartholomew_simpson 03.05.2013
Sicher ist Porsche der Spagat zwischen Sportlichkeit und Komfort gut gelungen. Aber bei den zunehmenden Tempolimits auf Autobahnen wirkt so ein Auto leider etwas anachronistisch.
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
News verfolgen

HilfeLassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:

alles aus der Rubrik Auto
Twitter | RSS
alles zum Thema Porsche
RSS

© SPIEGEL ONLINE 2013
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH



  • Drucken Senden
  • Nutzungsrechte Feedback
  • Kommentieren | 146 Kommentare
Facebook

Fotostrecke
Porsche-Historie: Vollgas in jeder Beziehung

Fotostrecke
100 Jahre Ferry Porsche: Schrauben am Erfolg


Aktuelles zu