Porsche Carrera GT Der Herr der Lüfte tritt ab

Porsche nimmt Abschied von der Lufthoheit auf der Autobahn: Am 6. Mai wird mit der Seriennummer 1270 der letzte Carrera GT aus dem Werk in Leipzig rollen. Das 612 PS starke und 452.690 Euro teure Auto war gut zwei Jahre lang das extremste Cabrio der Republik.


Ferrari, Lamborghini & Co. können aufatmen. Ab sofort haben sie einen wichtigen Konkurrenten weniger. Denn in wenigen Tagen stellt Porsche die Produktion des Supersportwagens Carrera GT ein. Der 1,17 Meter flache und 4,61 Meter kurze Überflieger aus dem Werk in Leipzig, der eigentlich die Idee für ein Le-Mans-Rennwagen mit ernsthaften Formel-1-Absichten gewesen ist, huldigt der Leidenschaft am Limit und fährt mit 612 PS (450 kW) so ziemlich alles in Grund und Boden, was sich sonst noch auf der Überholspur tummelt.

Nicht umsonst repräsentiert der Roadster reine Renntechnik, die für den Einsatz auf öffentlichen Straßen nur dezent verpackt wurde. Das Feuer der Leidenschaft schürt vor allem der unter einem verchromten Fliegendraht platzierte V10-Motor im Heck. Er hat 5,7 Liter Hubraum, bringt es ohne Turbo-Unterstützung auf 612 PS und 590 Nm und macht dabei nicht nur gewaltig Dampf, sondern auch einen infernalischen Lärm, der Benzin-Junkies zu Freudentänzen anregt.

Weil der Carrera GT konsequent auf Leichtbau setzt und mit 1380 Kilogramm kaum mehr auf die Waage bringt als ein konventioneller 911er, erreicht er damit auch ohne die 1001 PS eines Bugatti sensationelle Beschleunigungswerte: So vergehen bei geschicktem Umgang mit dem eng gestuften Sechsgang-Getriebe beim Spurt auf 100 km/h gerade einmal 3,9 Sekunden, bereits nach 9,9 Sekunden steht die Tachonadel bei 200 km/h. Und wer das Glück einer freien Autobahn hat oder mal eben auf eine Flugzeug-Landebahn abbiegt, der kann die Festigkeit seiner Frisur bei einer Höchstgeschwindigkeit von 330 km/h testen.

Premiere morgens um 5.30 Uhr im Louvre

Schon die Premiere der ersten Designstudie des Carrera GT auf dem Pariser Salon am 28. September 2000 war eine Show für sich. Anders als sonst bei Messen üblich hatte Porsche nicht zum großen Schleiertanz auf den Stand geladen, sondern mehrere hundert Journalisten zu nachtschlafender Zeit an den Pariser Louvre gebeten. Dort wurden sie erst Ohren- und dann Augenzeugen der Jungfernfahrt des millionenschweren Prototypen, für die Markenbotschafter Walter Röhrl bei Dunkelheit und Nieselregen über die Champs-Elysées bollerte.

Obwohl die Konjunktur für solch automobile Extravaganzen sehr zum Leidwesen von Marken wie Maybach oder Rolls-Royce in den letzten Jahren erlahmte, hat der stärkste Serienporsche aller Zeiten offensichtlich mehr zahlungskräftige Fans gefunden als erwartet. "Der Carrera GT hat das Markenimage von Porsche als Sportwagenhersteller noch einmal deutlich gesteigert und gezeigt, dass wir mit unserer Produktstrategie voll ins Schwarze getroffen haben", schwärmt Vorstandschef Wendelin Wiedeking. "Darüber hinaus hat Porsche mit dem Carrera GT auch Geld verdient. Insofern ist dieser Sportwagen wie geplant zu einem wirtschaftlichen Erfolg für unser Unternehmen geworden."

Das geplante Produktionsziel deutlich übertroffen

Statt der ursprünglich geplanten 1000 Fahrzeuge haben die Mitarbeiter im Werk Leipzig exakt 1270 Autos zusammengeschraubt. Und das ist beinahe wörtlich zu verstehen. Während in Zuffenhausen und auch in Leipzig bei der Cayenne-Produktion mehrheitlich die Roboter regieren, entstanden die maximal drei Carrera GT pro Tag weitgehend von Hand: An jedem Modell wurde 130 Stunden gearbeitet, und für den Motor kalkulierten die Schwaben noch einmal 45 Stunden Montagezeit.

Den Erfolg verdankt Porsche insbesondere den Kunden aus den USA, die mehr als die Hälfte aller Carrera GT bestellten. Zwölf Prozent der Produktion blieben in Deutschland, wo das Kraftfahrt-Bundesamt in Flensburg für das Jahr 2005 immerhin noch 48 Zulassungen registriert hat. Die restlichen Autos verteilen sich auf Exportmärkte wie Großbritannien, Italien, den Mittleren Osten und Japan. Aber selbst nach China haben sich zwischen der Produktion des ersten Modells am 15. September 2003 und des letzten am 6. Mai 2006 sechs Carrera GT verirrt. Ob sich dagegen in Dänemark jemand für den Roadster erwärmen konnte, ist eher fraglich. Denn während der Wagen in Deutschland über die gesamte Laufzeit für 452.690 Euro und zum Beispiel in den USA für 440.000 Dollar verkauft wurde, haben die Steuern den Preis in Dänemark auf 1.380.493 Euro getrieben.

Als Gebrauchtwagen praktisch nicht verfügbar

Wer sich erst jetzt für den Carrera GT begeistert, der wird aller Voraussicht nach leer ausgehen. Die letzten Neuwagen sind längst verkauft, und ein Gebrauchter ist kaum zu finden. So weist die Porsche-Datenbank für Deutschland keinen einzigen und für die USA nur drei Carrera GT aus zweiter Hand auf. Und auch in den üblichen Internetbörsen ist der Spitzensportler Mangelware: Viel mehr als ein Dutzend Autos stehen derzeit wohl nicht zum Verkauf.

Doch die Spurreichen mit Benzin im Blut und Sonne im Gemüt  müssen auf der Suche nach einem neuen Spitzensportler mit freiem Blick zum Himmel möglicherweise nicht mehr lange darben - auch wenn bei Porsche nach offizieller Sprachregelung erst einmal nicht an einem Nachfolger gearbeitet wird. Dafür mehren sich bei Mercedes die Gerüchte, dass ein Roadster auf Basis des SLR diese Lücke alsbald schließen könnte.



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