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09. Februar 2013, 15:28 Uhr

Autogramm Porsche Cayman

Mehr Porsche braucht kein Mensch

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Bei seinem Debüt 2005 galt der Cayman als schmalbrüstiger Möchtegern-Porsche, inzwischen halten ihn viele für den besseren 911er. Die neue Generation des Mittelmotor-Coupés wurde stärker, leichter und sparsamer - und fährt sich grandios.

Der erste Eindruck: Schon im Stand lässt der Cayman die Muskeln spielen. Der längere Radstand, die kürzeren Überhänge, das flachere Dach, die weiter vorn positionierte Frontscheibe - visuell geht der Cayman fast alsPorsche 911 durch.

Das sagt der Hersteller: "Kein anderer Sportwagen ist dem 911 näher als der Cayman", heißt es in Zuffenhausen, und das gelte nicht nur für das Design mit den typisch überhöhten Kotflügeln, der schlanken Silhouette und dem knackigen Heck. Auch die Sechszylinder-Boxermotoren sind eng miteinander verwandt - selbst wenn die Einbauposition im Cayman weiter vorn liegt als beim 911.

Insgesamt teilen sich Cayman und 911 ungefähr 50 Prozent aller Bauteile, doch damit niemand das Auto für einen Billig-Neunelfer hält, betont Porsche-Sprecher Holger Eckardt, der Neue sei "ein Auto mit ganz eigenem Charakter". Und der ist inzwischen durchaus sportlicher als beim Klassiker - was einer gewissen Ironie nicht entbehrt.

Das ist uns aufgefallen: Dieses Auto besitzt man nicht, man wird von ihm besessen. Es dauert nur ein paar Minuten, dann hat der Wagen den Fahrer gepackt. Ja doch, man kann mit dem Cayman brav und zurückhaltend durch die Landschaft gondeln - zumal die sechs Zentimeter mehr Radstand den Wagen spürbar beruhigen. Doch so gierig, wie der - gegen den Trend zum Turbo - als Saugmotor konstruierte Sechszylinder am Gas hängt, und so scharf, wie das Coupé durch die Kurvenradien räubert, vergisst man rasch das Defensiv-Dogma des Straßenverkehrs. Und das schon im Basismodell mit dem vergleichsweise bescheidenen 2,7-Liter-Motor. 275 PS und maximal 290 Nm Drehmoment im Verbund mit 1310 Kilogramm - da kommt Freude auf.

So sportlich der Cayman fährt, so kommod ist der Innenraum gestaltet. Keine Spur von puristische Rennatmosphäre, wenn der Blick vom Cockpit durch den Wagen schweift. Stattdessen gibt es jede Menge Lack und Leder, die breite Mittelkonsole erinnert an die Luxusmodelle Cayenne und Panamera und der Abstand zum Co-Piloten ist neuerdings auch erheblich.

Selbst die Ablage über dem Motor wurde mittlerweile von den Designern bearbeitet. Hier gibt es einen Stauraum von 275 Liter, und wer dieses Volumen zu den 150 Liter Kofferraumvolumen unter der Fronthaube addiert, kommt auf mehr Gepäckvolumen als es etwa ein VW Golf bietet.

Das muss man wissen: Es gibt neben dem von uns gefahrenen Basismodell auch den Cayman S mit einem Motor von 3,4 Liter Hubraum und mit einer Leistung von 325 PS, der binnen 4,7 Sekunden auf Tempo 100 rennt und eine Spitzengeschwindigkeit von 283 km/h erreicht. Beide Varianten sind wahlweise mit einem Sechsgang-Schaltgetriebe oder einem Siebengang-Doppelkupplungsgetriebe erhältlich.

Obwohl der neue Cayman größer wurde und innen deutlich komfortabler ausgestattet ist, wiegt er um bis zu 30 Kilogramm weniger als das Vorgängermodell. Das ist vor allem ein Verdienst der neuen Karosserie, die zu 44 Prozent aus Aluminium besteht und im Rohbau sogar knapp einen Zentner leichter ist als die bisherige Konstruktion. Porsche hat zudem die Motoren optimiert und eine Start-Stopp-Funktion installiert.

Außerdem können alle mit Doppelkupplungsgetriebe ausgestatteten Cayman-Typen "segeln" - dann wird bei schneller Fahrt, zum Beispiel bergab, einfach der Motor ausgestellt. So geht der Verbrauch um maximal 15 Prozent zurück. In Zahlen heißt das, dass die sparsamste Version 7,7 Liter schluckt und der durstigste Cayman im Schnitt 8,8 Liter verfeuert.

Die Preise für den Zweisitzer beginnen bei 51.385 Euro, der Cayman S kostet mindestens 64.118 Euro. Die letzte Zahl könnte bedeutsam werden, denn das sind immerhin noch 25.000 Euro weniger als Porsche für den billigsten 911er verlangt.

Das werden wir nicht vergessen: Den irren Sound des Cayman, vor allem bei gedrückter Sporttaste. Dieses köstliche Brabbeln, wenn man den Fuß vom Gas nimmt, und die schnalzenden Zwischengas-Fanfaren beim Gangwechsel sind genau wie das ganze Auto: vollkommen überflüssig - und wunderschön.

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