Porsche 910 mit Elektroantrieb Sakrileg oder Sensation?

Von null auf Tempo hundert in 2,5 Sekunden: Drei Brüder aus Österreich haben einen legendären Rennwagen von Porsche mit einem Elektroantrieb ausgestattet. Das Auto begeistert - wirft aber eine Frage auf.

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Die Gebrüder Kreisel sehen eigentlich ganz bodenständig aus. Die Entwicklungen des Trios Philipp, Johann und Markus liegen allerdings irgendwo zwischen Genie und Wahnsinn. In ihrem Heimatort Freistadt, einer 8000-Seelen-Gemeinde in Oberösterreich, werkeln die drei seit Längerem an einer revolutionären Batterie für Elektromobile: Leichter, kompakter und leistungsfähiger als sämtliche Konkurrenzprodukte soll sie sein. Dahinter steckt nicht bloß großes Wortgetöse: Bei Freistadt entsteht gerade eine zehn Millionen Euro teure Batteriefabrik. So viel zum Genie.

Und nun zum Wahnsinn.

Um die Leistung ihres selbstentwickelten E-Antriebs zu demonstrieren, betreiben die Kreisel-Brüder ein cleveres Marketing. Das Prinzip lässt sich so zusammenfassen: Es kommt nicht nur auf den Inhalt an, sondern auch auf die Verpackung. Nachdem sie also im vergangenen Jahr eine Mercedes G-Klasse elektrifizierten und Hollywoodstar und US-Gouverneur Arnold Schwarzenegger damit einige Runden drehte, präsentieren die drei jetzt auf der Oldtimer-Messe Techno Classica in Essen ihren jüngsten Streich: den Porsche 910e.

Das Karosseriedesign stammt von einem Rennwagenklassiker aus Zuffenhausen. Der Porsche 910 wurde von 1966 bis 1968 gebaut und sammelte Trophäen bei Langstrecken- und Bergrennen, unter anderem am Nürburgring und in Daytona. Das nun vorgestellte Modell der Kreisels hat aber natürlich keinen Sechszylinder-Verbrennermotor, sondern fährt mit Strom - das "E", Sie erraten es, steht für Elektro.

Das Original: der Porsche 910
Porsche Achriv

Das Original: der Porsche 910

Erst die Eckdaten, dann der Preis: Zwei E-Maschinen liefern zusammen 490 PS und 770 Nm, sie katapultieren den 910e in 2,5 Sekunden von null auf Tempo hundert und bis auf eine Höchstgeschwindigkeit von 300 km/h. Macht dann eine Million Euro pro Auto, danke.

Die bisherigen E-Mobile der Kreisels-Brüder waren Einzelstücke, man musste schon ein Terminator-Mime sein, um an ein Exemplar ranzukommen. Mit dem 910e wagen es die Brüder nun erstmals, eine Kleinstserie von Autos mit ihrem angeblich revolutionären Lithium-Ionen-Akku zu bestücken. "Damit beginnt für unser Unternehmen ein ganz neues Kapitel", Markus Kreisel.

Es gab nur 35 Exemplare des Porsche 910 - werden die jetzt wirklich umgebaut?

Das Besondere an den Kreisel-Akkus sind zum einen ein ausgeklügeltes Temperaturmanagement, das leistungsstärkere E-Autos als bisher ermöglichen soll. Und zum anderen ein schnelleres Produktionsverfahren, bei dem Akkuzellen mit Lasertechnik miteinander verbunden werden (lesen Sie hier einen ausführlichen Bericht dazu).

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Evex-Porsche 910e: Endlich auf der Straße

Jeder, der sich für die Zukunft der Mobilität interessiert, wird diese Entwicklung spannend finden. Gleichzeitig dürfte es viele Autofans brennend interessieren, woher die Karosserien für das Projekt stammen. Vom Porsche 910 wurden nämlich nur 35 Exemplare gebaut. Innovative Technologie schön und gut - aber werden im Dienste des Marketings jetzt historische Rennwagen geopfert?

Entwarnung: Nein, werden sie natürlich nicht.

Um zu verstehen, wie der Porsche 910e zu seiner Hülle kommt, muss man weg von Zuffenhausen und Freistadt und nach Solingen. Von dort stammt Egon Evertz, der bereits in den Siebzigerjahren mit offizieller Erlaubnis von Porsche Nachbauten des 910 anfertigte. Dazu gründetet er die Evex GmbH. Es blieb damals jedoch bei nur vier Replikas.

Rennwagenklassiker mit Straßenzulassung

Evertz ist ein Multitalent, der Selfmade-Unternehmer baute einen großen Stahlbetrieb auf, ist ein begabter Violinenspieler, wurde Deutscher Mannschaftsmeister im Schach, war Pilot in einem Luftfahrtunternehmen, das er selbst ins Leben gerufen hatte und ging als Rennfahrer unter anderem bei den 24 Stunden von Le Mans an den Start. Vielleicht war er einfach zu vielbeschäftigt, um auch noch Autos zu kopieren.

Sein Konzept wurde jedoch wieder aufgegriffen, ebenfalls von einem Unternehmer aus Solingen: Siegfried Lapawa übernahm die Evex GmbH vor ein paar Jahren und macht sich nun daran, mit 20 Mitarbeitern den Porsche 910 nachzubauen.

Laut Ralf Diefenthal, dem Verkaufsleiter von Evex, wurde der Teilebestand mit Auktionserlösen, Hamsterkäufen und Glücksfunden aufgefüllt sowie sicherheitsrelavante Komponenten wie die Bremsen weiterentwickelt. Die Gitterrahmen sowie die Formen für eine Kunststoffkarosserie entstehen in Eigenregie, die Teile für das Fahrwerk und den Antrieb stammen von Porsche. "Nach den alten Vorlagen können wir jetzt maximal ein Dutzend neue Evex-Porsche 910 bauen", sagt Diefenthal.

Evex-Verkaufsleiter Ralf Diefenthal (links) und Markus Kreisel auf der Techno Classica
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Evex-Verkaufsleiter Ralf Diefenthal (links) und Markus Kreisel auf der Techno Classica

70 bis 80 Prozent des Wagens bestehen laut Diefenthal aus historischen Komponenten aus Zuffenhausen. Beim 910e mit Kreisel-Technik ist der Anteil natürlich geringer. Doch wer einmal die Fahrdynamik der Elektrovariante erlebt habe, das beteuern Diefenthal und Lapawa, wolle nie wieder in einen Verbrenner einsteigen.

Dass der 910e nicht auf einer echten Porsche-Karosserie aus den Sechzigern basiert, hat übrigens einen großen Vorteil: Sowohl die Elektrovariante als auch das Exemplar mit Verbrennermotor haben eine Straßenzulassung. Während das Original nur auf der Rennstrecke rasen durfte, kann sein Nachbau deshalb überall fahren.



insgesamt 117 Beiträge
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Herzbubi 06.04.2017
1. die Zukunft: Elektromobilität
Wer einmal die Fahrdynamik der Elektrovariante erlebt habe, will nie wieder in einen Verbrenner einsteigen. Als Bonus gibt es noch lebenswerte Städte hinzu: leise und sauber. Unsere Kinder werden es uns danken
Anna Catarina 06.04.2017
2.
Die Frage, warum "3 Jungs in der Garage" einen hochleistungsfähigen Akku entwickeln, während milliardenschwere (deutsche) Automobilkonzerne in diesem Bereich (fast) nichts "auf die Reihe bekommen"? Irgendwie fehlt mir die Frage...
Die Happy, 06.04.2017
3.
Was für eine Form, was für ein schönes Auto! Warum gibt es solche Formen heute nicht mehr. Der ist ja noch schöner als ein Miura. Porsche könnte sich doch die Cayman Basis nehmen und darauf so eine Form vom 910 oder 907 schnallen und etwas ziviler als "New 910 retro" verkaufen. Das Ding wäre komplett ausverkauft.
wasguckstdu 06.04.2017
4. Benzin oder Elektro
ist ja eigentlich völlig egal. Hauptsache er hat einen Boxermotor - wegen dem Sound... ?
asleep_moak 06.04.2017
5. und?
was kann der legendäre Akku jetzt so legendäres? Für manche wäre das wohl interessanter als dis "Hülle"
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