Private VW-Sammlung Die Dornröschen-Garage

Mit einem Brezelkäfer fing es 1965 an, den bekam er von seinem Vorgesetzten fast geschenkt. Seitdem ist Jürgen Kolle vom Oldtimer-Virus infiziert und hat eine der größten VW-Sammlungen in Deutschland zusammengestellt. Platz für ein paar Fremdfabrikate gibt es übrigens auch.


Wie viele Autos Jürgen Kolle sein Eigen nennt, das mag er nicht sagen. Doch dass es "mehr als 50" sind, kann der pensionierte Schulleiter kaum verhehlen. Zumindest nicht, wenn er die Türen zu seinem Allerheiligsten öffnet, irgendwo vor den Toren Braunschweigs. Dort schweift dann der Blick über eine Fläche von vier Tennisplätzen, auf denen Stoßstange an Stoßstange fast mehr historische VW-Modelle stehen als im Werksmuseum in Wolfsburg. Kaum ein Privatmann in Deutschland dürfte mehr Schlüssel im Spind und mehr Autos in der Garage haben als der Niedersachse, der mit einem Fiat 500 sein Autofahrerleben begann und heute einen VW Beetle fährt.

Dabei hatte er es anfangs gar nicht auf eine Sammlung abgesehen, erzählt Kolle am Rolltor. Er konnte sich einfach kaum von einem Auto trennen, das er einmal gefahren hatte. Weil das Schrauben und Bastelen zudem ein angenehmer Ausgleich zum Job in der Schule war, und ihm ein Vorgesetzter bei der Bundeswehr mal einen Brezelkäfer "fast geschenkt" hatte, kam eines zum anderen, die Sammlung wuchs und wuchs.

"Früher war das noch leichter als heute", sagt Kolle mit Blick auf die Preise seiner Pretiosen, die fast ausschließlich von Volkswagen stammen und deshalb auch zu volkstümlichen Tarifen angeboten wurden. Viele Autos hat er für wenige hundert Mark gekauft oder sogar geschenkt bekommen. Und dass man diese Fahrzeuge auch ohne Mechaniker-Lehre, nur mit dem gepflegten Halbwissen eines Physiklehrers warten und reparieren konnte, half der Sache ebenfalls. "Noch heute sind fast alle Autos fahrbereit", sagt Kolle, "man muss nur eine Batterie einbauen, volltanken und losfahren." Allerdings investiert der Sammler dafür nicht nur Geld, sondern auch reichlich Zeit. "Jede freie Minute verbringe ich hier in der Halle", sagt er und schlendert zwischen den zahlreichen Käfer, Golf, K70, Passat, Hebmüller, Audi-Modellen und Karmann-Ghia-Typen umher.

Einschusslöcher am ältesten Stück der Sammlung

Das älteste Fahrzeug seiner Sammlung ist ein VW Kübelwagen, den die Wehrmacht 1944 in Dienst gestellt hatte. Konfisziert von der russischen Armee und später übergeben an die polnische Forstverwaltung, diente er später als Fluchtwagen und gelangte so samt Einschusslöchern erst nach Hamburg und dann zu Kolle. Viel wichtiger allerdings ist ihm der pirolgelbe Karmann Ghia, den er bereits 1964 gekauft und nach einigen Umwegen jetzt wieder in der Sammlung stehen hat. Und besonders stolz ist es auf das in creme und rot lackierte Lawrence-Coupé, das der Berliner Karossier Rometsch auf ein Käfer-Chassis setzte. "Davon gibt es nur noch sehr wenige Exemplare."

Allerdings blickt der Sammler nicht nur auf die deutsche Geschichte der VW-Marken, sondern hat auch ein paar Exoten aus dem Ausland in der Kollektion. Zum Beispiel den SP2, den VW in kleiner Stückzahl in Brasilien und Nigeria produzierte. Der gut 10.000-Mal gebaute Wagen sieht aus wie ein futuristischer Scirocco und hätte glatt auch als geräumiger Porsche durchgehen können, schaffte es aber nie nach Europa. Noch rarer ist der Country Buggy nebenan. Denn was aussieht wie ein bunter Kübelwagen, ist eine abenteuerliche Konstruktion aus Australien, wo VW ganz im Stil des Land Rover Defender ein Farmerauto bauen wollte und dafür den Käfer mit abgekanteten und handgebördelten Blechen zum Nutzfahrzeug umfunktionierte. Weil allerdings Toyota das bessere Angebot hatte, wurde die Produktion nach nicht einmal 1000 Fahrzeugen wieder eingestellt. Vermutlich steht in Kolles Halle das einzige Exemplar dieses Modells in Europa.

Auch Porsche, Trabant, Borgward und BMW parken hier

Zwar schlägt das Herz Kolles vor allem für luftgekühlte VW und alle Autos , in denen VW drin steckt. "Doch am liebsten hätte ich hier auch die jeweiligen Konkurrenten zusammengestellt." Ein paar mal sei ihm das gelungen, sagt der Sammler und zeigt auf einige NSU Neckar oder den Opel Olympia Rekord, die sich gegen den Käfer nicht durchsetzen konnten. Zwischen den vielen VW stehen zudem zwei, drei Porsche; eine Ecke hat er dem automobilen Osten gewidmet, Borgward und Gogomobil dürfen nicht fehlen, und in einer langen Reihe parken auch viele BMW. "Die Bayern sind meine zweite Leidenschaft", gibt der Autonarr zu. Die glühte vor allem für den 2000 CS, den er schon als Jugendlicher im Schaufenster angeschmachtet habe.

Nach einem runden Geburtstag, über den Kolle am liebsten gar nicht sprechen würde, hat der Elan für Neuerwerbungen ein wenig nachgelassen. Jedes Jahr zwei oder drei Autos wieder aufzubereiten, das hält er aber weiterhin für eine vertretbare Aufgabe. Die Halle steht ja schon voll, und noch mehr Freizeit in die Sammlung stecken kann er nicht. "Für jedes neue Auto, das hier herein kommen sollte, muss ein anderes weg", sagt Kolle. Für einen originalen VW Schwimmwagen, einen Formel V oder einen Tempo Matador, würde er sich aber wohl doch noch einmal erwärmen können. Das Problem dabei: Von welchem seiner Schätze sollte er sich in so einem Fall trennen?



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