Projekt "Clever" Drei Räder sind genug

Megastädte, Megamobilität, Megastaus - das ist das Zukunftsszenario für die Ballungszentren dieser Erde. Anscheinend lässt sich diese Entwicklung nicht stoppen - aber möglicherweise steuern. Zum Beispiel mit dem dreirädrigen Clever mit Erdgasantrieb der TU Berlin.

Von Jürgen Pander


Eine Schlüsselfrage für das städtische Leben in der Zukunft wird sein, ob es gelingt, intelligente Transportmittel für den Individualverkehr zu entwickeln. So weit herrscht Einigkeit. Weit verzweigt dagegen sind die Ansätze, wie ein solches Vehikel aussehen könnte. Die TU Berlin hat da einen Vorschlag: Am Institut für Land- und Seeverkehr, das Volker Schindler leitet, wurde vor drei Jahren ein Entwicklungsprojekt für ein dreirädriges Fahrzeug gestartet, das von der EU mit rund 3,3 Millionen Euro unterstützt wird und an dem mehrere Universitäten und Forschungsinstitute sowie Firmen (unter anderem BMW, Takata, Cooper-Avon) beteiligt sind. Der Wagen heißt ganz unbescheiden "Clever", ausgeschrieben: "Compact Low Emission Vehicle for Urban Transport".

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Projekt Clever: Auf drei Rädern in die Zukunft

"Es gibt ja schon lange Bemühungen, ein Fahrzeug für den Stadtverkehr und die stadtnahe Mobilität zu entwickeln, das leise und sauber ist sowie wenig Platz auf der Straße und beim Parken beansprucht", umreißt Schindler den Ausgangspunkt der Clever-Konstrukteure. Schnell war klar, dass es ein dreirädriges Gefährt sein sollte, denn anders als ein Zweirad soll der Stadtwagen der Zukunft standstabil und leicht zu beherrschen sein. Und es war ebenso klar, dass der Wagen im Vergleich zu einem Miniauto wie dem Smart weniger Grundfläche beanspruchen sollte. Ein Dreirad wiederum ist nur dann ausreichend flott und zugleich stabil unterwegs, wenn es sich neigen kann, damit in Kurven ein möglichst querkraftfreies Fahren möglich wird. So nahm die Idee des Clever allmählich Gestalt an.

Mit Tempo 56 gegen eine Stahlwand

Inzwischen ist das Fahrzeug so gut wie fertig. Vor kurzem wurde ein Prototyp einem Crashtest unterzogen. Mit Tempo 56 rauschte das 400 Kilogramm leichte Fahrzeug gegen eine Stahlwand. Schindler: "Der Frontalaufprall hat gezeigt, dass wir beim Euro-NCAP-Crashtest mit dem Clever wohl vier von fünf Sternen bekommen würden." Damit haben die Entwickler ihr Ziel erreicht, die passive Sicherheit des Clever auf das Niveau eines modernen, anspruchsvollen Kleinwagens zu hieven. Im Januar soll ein Seitencrashtest weitere Aufschlüsse über das Verhalten des Dreirads bei einer Karambolage geben - Mitte nächsten Jahres dürfte das Projekt Clever dann offiziell abgeschlossen werden.

Und dann? "Ich gehe nicht davon aus, dass es zu einer schnellen Serienfertigung des Fahrzeugs kommt", sagt Schindler und fügt an, dass es dennoch "großes Interesse aus vielen Richtungen" gebe. Es scheint also doch eine gehörige Portion Zukunft in diesem Dreirad zu stecken. Der Motor zum Beispiel, ein 230-Kubik-Einzylinder mit rund 20 PS Leistung, ist ein weiterentwickeltes BMW-Aggregat und läuft mit Erdgas. Der Tank besteht aus zwei je sechs Liter fassenden Metallkartuschen, die dank Spezialverschlüssen ruckzuck gewechselt werden können und genug Treibstoff für rund 200 Kilometer Fahrstrecke speichern. Käme es dereinst zu einer massenhaften Verbreitung von Clever-Fahrzeugen, könnten solche Kartuschen zum Beispiel auch in Supermärkten oder Kiosken verkauft werden.

Umgerechnet verbraucht der Clever im Schnitt 2,4 Liter

Vor allem aber senkt der Erdgasmotor die CO2-Emissionen drastisch. "Im Vergleich zu heutigen Diesel- oder Benzinaggregaten ist dieser Motor eine Luftverbesserungsmaschine", sagt Schindler. Der Verbrauch liege, wenn die CO2-Äquivalenz als Maßstab genommen werde, "bei etwa zweieinhalb Liter je 100 Kilometer", hat Schindler errechnet. In vielen Details des Clever, in dessen Kunststoffkarosserie Fahrer und Passagier hintereinander sitzen, steckt jede Menge Zukunfts-Know-how: Das aufwendige Fahrwerk konstruierten Experten der britischen Universität Bath, die Struktur des Aluminiumrahmens stammt aus dem Leichtmetall Kompetenzzentrum im österreichischen Ranshofen, der Erdgasmotor vom Institut Francais du Petrole in Lyon, und mit der Eingliederung eines Dreirads wie dem Clever in die bestehende Verkehrsstruktur beschäftigten sich Wissenschaftler der Universität für Bodenkultur in Wien.

Denn natürlich ist es wichtig, sich Gedanken darüber zu machen, wie ein solches Gefährt zu den existierenden gesetzlichen Bestimmungen passt, mit welchem Führerschein es gefahren werden und wo es, zum Beispiel, abgestellt werden dürfte. BMW, wichtigster industrieller Entwicklungspartner des Clever-Projekts, sieht dem Vernehmen nach gute Grundideen in dem Dreirad, die sich in einem späteren Produkt wiederfinden könnten. Wann das sein wird, kann derzeit noch niemand sagen. Immerhin gibt es bereits Vorstellungen über den Preis eines solchen Vehikels, wenn es denn zur Serienreife gebracht würde. Von ungefähr 9500 Euro war in der britischen Zeitung "Guardian" die Rede. eine Größenordnung, die auch Schindler für realistisch hält.



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