Projekt Nürburgring 2009 Disneyland an der Nordschleife

Rollercoaster statt Rennstrecke: Aus dem altehrwürdigen Nürburgring soll ein gigantischer Vergnügungspark werden. Finanzierung und Erfolgsaussichten des kühnen Umbauplans sind ungewiss - andere Motorsport-Standorte haben den Eifel-Parcours ohnehin längst abgehängt.

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Die Probleme von Nürburgring-Chef Walter Kafitz sind weit weg, aber das macht die Sache kaum besser. Seine Konkurrenz setzt im 5000 Kilometer entfernten Abu Dhabi derzeit einen Formel-1-Parcours plus 25-Hektar-Vergnügungspark in den Sand. Im noch weiter entfernten Singapur entsteht gerade eine Grand-Prix-Rennstrecke, auf der Boliden ab 2008 in Nachtrennen durch die hell erleuchtete Metropole rasen werden.

So viel Glanz und Glitz kann Kafitz nicht bieten. Sein Ring ist mit Nordschleife, Grüner Hölle und Fuchsröhre zwar Mythos pur - in Wahrheit ist die legendäre Rennstrecke aber etwas angegammelt. Formel-1-Boss Bernie Ecclestone hält den Parcours für piefig, die abseitige Lage schmeckt ihm auch nicht. Ecclestone möchte Rennsport eher wie in Abu Dhabi als hochtourige Zirkusshow inszenieren. Deshalb schaut die Formel 1 auch nur noch jedes zweite Jahr in der Eifel vorbei.

Kafitz plant nun mit dem Projekt Nürburgring 2009 den Befreiungsschlag: An der Rennstrecke soll ein riesiger Vergnügungspark entstehen und mit allerlei Attraktionen das Publikum in Scharen an die Strecke locken. Eine "Marken-Erlebniswelten" soll es geben, ebenso Shops und Fahrgeschäfte, darunter eine gigantische Indoor-Achterbahn namens Race Coaster. "Das wird die schnellste Achterbahn der Welt", verspricht der Manager.

Monetarisierung eines Mythos

Nach der Fertigstellung zur nächsten Formel-1-Visite im Sommer 2009 sollen pro Jahr eine halbe Millionen zusätzliche Besucher nach Nürburg-Land pilgern und, so das Kafitz'sche Kalkül, reichlich Geld ausgeben. Derzeit macht die Ring-Firma ungefähr 50 Millionen Umsatz im Jahr - bald soll es das Doppelte sein. Dazu müsste jeder Besucher statt der bisherigen 25 Euro fortan 40 Euro verkonsumieren - also satte 60 Prozent mehr.

"Das ist nicht so viel, wenn Geschäftskunden für mehrere Tage bleiben", verteidigt Kafitz seine Kalkulation. Bei Firmenevents am Ring bleibe viel Geld hängen, etwa wenn Manager zum Ausspannen den neuen 18-Loch-Golfplatz nutzen oder mit einem hochmotorisierten Leihwagen über die Nordschleife dengeln.

Skepsis ist angebracht. "Aufgrund der negativen Erfahrungen mit früheren Planzahlen bestehen Zweifel … ob die Erhöhung der Zahl der Besucher .. erreicht werden kann", kommentiert etwa der rheinland-pfälzische Rechnungshof in einem Prüfbericht die Prognosefähigkeit des seit 1994 amtierenden Ring-Geschäftsführers.

Selbst wenn die Besucherzahlen so stark steigen, wie die Eifel-Strategen um Kafitz glauben - den siechen Ring wird das so schnell wohl nicht sanieren. In den vergangenen Jahren lagen die Kosten alljährlich höher als der Ertrag - knapp 10 Millionen Euro Miese in den Jahren 2004 und 2005 waren das Resultat. Jetzt stellt die Ring-Firma kräftig Leute ein, was die Kosten weiter erhöhen dürfte. "Wir werden von 60 auf 200 Mitarbeiter wachsen", sagte Kafitz zu SPIEGEL ONLINE.

Rückendeckung von Kurt Beck

90 Prozent der Nürburgring GmbH gehören dem Land Rheinland-Pfalz. Die von SPD-Chef Kurt Beck geführte Mainzer Landesregierung fand den Kafitz-Plan bislang prima. Daran haben auch die düsteren Prognosen des Rechnungshofs nichts ändern können. Dessen Prüfer erwarten, dass das Eigenkapital des Nürburgrings "bis Ende 2009 durch Verluste aufgebraucht sein wird", sprich: die Firma pleite ist, wenn die Eigner kein Geld nachschießen.

Ursprünglich sollte das Ring-Projekt 150 Millionen Euro kosten. Inzwischen spricht Kafitz von einer Investitionssumme von 210 Millionen Euro. Skeptiker wie Günter Eymael, der parlamentarische Geschäftsführer der FDP, kritisieren, dass das Land inzwischen den Löwenanteil des Projektes finanzieren soll: "Ursprünglich sollte der Anteil staatlicher Mittel 20 Prozent betragen, inzwischen sind es 50 Prozent."

Bei Kafitz klingt es eher so, als ob der Nürburgring ohne staatliche Mittel auskommt: "Der Ausbau wird komplett durch private Investoren finanziert", sagte er SPIEGEL ONLINE. Nach den Worten seines Sprechers Stephan Cimbal bezieht sich diese Aussage allerdings lediglich auf jenen Anteil, der nicht vom Land Rheinland-Pfalz getragen wird. Der Aufsichtsrat des Unternehmens habe es zur Bedingung gemacht, dass mindestens 50 Prozent der notwendigen Mittel von der Nürburgring GmbH aufgebracht würden. Diese Vorgabe werde auch eingehalten, so Cimbal.

Der Ring-Geschäftsführer erklärte außerdem gegenüber SPIEGEL ONLINE, die Finanzierung des Themenpark sei gesichert, Zusagen der Investoren lägen vor. Der Aufsichtsrat der Nürburgring GmbH hat Kafitz' Konzept indes bisher nicht abgenickt. "Die Sache wurde noch nicht festgezurrt", so ein Insider. Für den 19. November hat das Kontrollgremium der Nürburgring GmbH eine außerordentliche Sitzung angesetzt, um offene Fragen zu klären. Ein dem Vorgang vertrauter Politiker kritisiert das Finanzierungsmodell als komplex und schwer durchschaubar. "Das ist so ein US-Kreditvehikel, wie jene, die drüben derzeit gerade zusammenkrachen." Details sind nicht bekannt.

Da Kafitz trotz aller offenen Fragen die Rückendeckung der Landesregierung besitzt, wird wohl noch vor Jahresende der erste Spatenstich erfolgen. Ähnliche Pläne wie die Nürburger hatte übrigens das österreichische Örtchen Spielberg. Dort wollte die steirische Landesregierung das Nürburg-Pendant A1-Ring gemeinsam mit dem Brausehersteller Red Bull in ein modernes Erlebniszentrum verwandeln. Das ehrgeizige Projekt steckt inzwischen in einer Sackgasse.



Forum - Nürburgring als Vergnügungspark?
insgesamt 31 Beiträge
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Seite 1
Muffin Man, 13.11.2007
1.
Zitat von sysopRollercoaster statt Rennstrecke: Aus dem altehrwürdigen Nürburgring soll ein gigantischer Vergnügungspark werden. Finanzierung und Erfolgsaussichten des kühnen Umbauplans sind ungewiss. Dennoch ein attraktives und sinnvolles Projekt?
"Altehrwürdiges" wird heutzutage nur allzugern "umgewidmet", um bedeutungslos zu werden. Und der Spiegel-Artikel (http://www.spiegel.de/auto/aktuell/0,1518,515978,00.html) belegt ja, daß der Nürburgring auf Dauer wohl nicht wirtschaftlich zu betreiben ist, trotz einiger Oldtimer-Grand-Prix... Eine Erhöhung der Besucherzahl schädigt zwar die Ökobilanz der größtenteils wohl unter Naturschutz gestellten UMGEBUNG der legendären Nordschleife, aber wie sagte schon Wernher von Braun?: "Opfer müssen gebracht werden." Der Kölner Express (http://www.express.de/servlet/Satellite?pagename=express/index&pageid=1004370693770&rubrikid=215&ressortid=103&articleid=1192790278492) geht in seiner Berichterstattung noch weiter und spekuliert gar über parallele Streckenführung der Achterbahn zur Start- und Zielgeraden. Im Grunde ist es ein kläglicher Versuch, Abu Dhabi Paroli zu bieten (http://www.freizeit-ratgeber.de/node/2843)... Denn dort, einer mit exorbitanter Kaufkraft gesegneten Wüstenei (http://www.spiegel.de/auto/aktuell/0,1518,515735,00.html) wird der solventen Kundschaft je ebenfalls Thrill & Experience geboten. Und so wird jetzt eine gläserne Automobilproduktion, das verkleinerte und edlere Pendant zu VWs Schaubetrieb (http://de.wikipedia.org/wiki/Gl%C3%A4serne_Manufaktur) in Dresden, in die Eifel kommen. Wiessmann? AMG?
einszweidrei, 20.11.2007
2.
Was Miese macht, ist die "neue" Rennstrecke. Sie ist langweilig angelegt und unterscheidet sich in nichts von anderen Retortenstrecken in der Welt. Das war schon bei ihrer Eröffnung 1984 klar. Die Cashcow ist die Nordschleife. Dort drehen Privatfahrer in den schneefreien Monaten unablässig gegen Entgeld ihre Runden, und Auto- und Reifenhersteller aus der ganzen Welt testen ohne Pause auf der letzten, vollständig erhaltenen Naturrennstrecke dieser Erde. Aber das zählt offenbar nicht. Man will mit den großen Hunden pinkeln, obwohl man nicht einmal weiß, wie man das Bein hebt. Mir kann niemand erzählen, dass die Formel 1 mit ihrer EINEN Veranstaltung im Jahr mehr Gewinn bringen soll als die fast ganzjährige Öffnung der Nordschleife für Privatfahrer und die zahlreichen Nischenrennen - Gewinn im Sinne von Ertrag *minus* Investitionen. Volksnaher Motorsport erfreut sich dagegen wachsender Beliebtheit, das erkennt man mühelos an den vielen betont sportlichen Autos und Motorrädern, die in Deutschland verkauft und auf der Straße zu sehen sind. Noch was: Potentielle Investoren sollten mal erwägen, sich tatsächlich den Nürburgring anzuschauen. Für ein deutsches Disneyworld regnet es nämlich am Nürburgring viel zuviel. Unterhaltungsparks laufen nur bei gutem Wetter, das weiß jeder Siebenjährige.
Muffin Man, 21.11.2007
3.
Zitat von einszweidreiWas Miese macht, ist die "neue" Rennstrecke. Sie ist langweilig angelegt und unterscheidet sich in nichts von anderen Retortenstrecken in der Welt. Das war schon bei ihrer Eröffnung 1984 klar. Die Cashcow ist die Nordschleife. Dort drehen Privatfahrer in den schneefreien Monaten unablässig gegen Entgeld ihre Runden, und Auto- und Reifenhersteller aus der ganzen Welt testen ohne Pause auf der letzten, vollständig erhaltenen Naturrennstrecke dieser Erde. Aber das zählt offenbar nicht. Man will mit den großen Hunden pinkeln, obwohl man nicht einmal weiß, wie man das Bein hebt. Mir kann niemand erzählen, dass die Formel 1 mit ihrer EINEN Veranstaltung im Jahr mehr Gewinn bringen soll als die fast ganzjährige Öffnung der Nordschleife für Privatfahrer und die zahlreichen Nischenrennen - Gewinn im Sinne von Ertrag *minus* Investitionen. Volksnaher Motorsport erfreut sich dagegen wachsender Beliebtheit, das erkennt man mühelos an den vielen betont sportlichen Autos und Motorrädern, die in Deutschland verkauft und auf der Straße zu sehen sind. Noch was: Potentielle Investoren sollten mal erwägen, sich tatsächlich den Nürburgring anzuschauen. Für ein deutsches Disneyworld regnet es nämlich am Nürburgring viel zuviel. Unterhaltungsparks laufen nur bei gutem Wetter, das weiß jeder Siebenjährige.
Die kurzen Rundkurse kommen sicher den Bedürfnissen der Fahrer und Konstrukteure entgegen, zudem erfreut sich der Tribünengast der Tatsache, daß die einzelnen Fahrzeuge im Rennverlauf in kürzeren Abständen und öfter zu sehen sind... Die alte Nordschleife ist eine Legende des motorisierten Rennsportes, aber sie überfordert eben auch viele Fahrer, sie entspricht im Ausbau (Sicherheitstechnik, Auslaufzonen, Leitplanken/Reifenstapel etc.) NICHT dem aktuellen Stand der FIA und ähnlicher Organisationen. Ob durch die Nutzungsgebühr für Privatfahrer wirklich die KOSTEN für den Streckenerhalt wieder eingespielt werden, halte ich für fraglich. Nun, diese EINE Veranstaltung umfasst immerhin Training und Qualifying, das Hauptrennen und wahrscheinlich diverse Nebenveranstaltungen, die zigtausende Zuschauer anlocken, Werbemillionen einbringen, Fernsehrechte usw. usf. Dagegen dürfte die Zahl der benötigten STRECKENPOSTEN auf der Nordschleife bei Oldtimerveranstaltungen nur durch ehrenamtliche Helfer aufzubringen sein. Der Versuch, durch "zusätzliche Attraktionen" regelmäßig mehr (zahlende) Besucher anzulocken, ist schon verständlich. Und tatsächlich gibt es ja eine Reihe von Themeparks, die sich als echte Besuchermagneten erwiesen haben; da die superschnelle Achterbahn indoor angelegt werden soll, greift Ihr Argument mit dem oft vorherrschenden Regenwetter nicht. Da die Eifel zum großen Teil ohnehin Naturpark ist, böte sich ein Joint Venture aus "Naturpark-Informationszentrum", "Streichelzoo", "Naturlehrpfad" und Rennsportausstellung/Technologiezentrum an... bereichert um mehrere gastronomische Angebote (vom Sterne-Lokal über ... bis hin zum McDrive) Naja, in Kombination mit dem für die Zukunft geplanten Tempolimit auf Autobahnen könnte die Nordschleife sicher neuen Zulauf erhalten!
Pfälzer, 22.12.2007
4.
Zitat von sysopRollercoaster statt Rennstrecke: Aus dem altehrwürdigen Nürburgring soll ein gigantischer Vergnügungspark werden. Finanzierung und Erfolgsaussichten des kühnen Umbauplans sind ungewiss. Dennoch ein attraktives und sinnvolles Projekt?
Wie wäre es, wenn erstmal ein vernünftiger Finanzierungsplan ausgearbeitet wird? Über ein Projekt zu sprechen, dass vielleicht irgendwann einmal verwirklicht wird, ohne die vorherige Finanzierung zu diskutieren, halte ich für unklug (leider wird das viel zu oft getan).
Muffin Man, 23.12.2007
5.
Zitat von PfälzerWie wäre es, wenn erstmal ein vernünftiger Finanzierungsplan ausgearbeitet wird? Über ein Projekt zu sprechen, dass vielleicht irgendwann einmal verwirklicht wird, ohne die vorherige Finanzierung zu diskutieren, halte ich für unklug (leider wird das viel zu oft getan).
Aber Forist Pfälzer! - Heutzutage ist es viel wirtschaftlicher, die Finanzierung nicht zu planen: Dann springt am Ende das Land oder der Bund zur Schließung der Finanzierungslücke ein...
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