Jungfernfahrt mit dem VW Cross-Blue: Das dicke Ende vom Golf

Von Tom Grünweg

VW Cross-Blue: Große Pläne, noch größeres Auto Fotos
Ingo Barenschee

Was fehlt noch im VW-Portfolio? Ein stattlicher SUV für die amerikanische Mittelklasse. Jetzt präsentierte der Konzern die Studie Cross-Blue, gegen die der Touareg wie ein Spielzeug wirkt. Kritiker des Giganten will VW mit einem interessanten Hybridantrieb versöhnlich stimmen.

Ein paar Business-Charterflugzeuge, hin und wieder eine Flugschule und am Wochenende einige Rundflüge - der Flughafen Siegerland ist ein eher beschaulicher Fleck. In diesen Tagen jedoch herrscht auf der Rollbahn geschäftiges Treiben vor internationalem Publikum: VW bittet zur ersten Ausfahrt mit dem SUV-Modell Cross-Blue, das Anfang 2013 auf der Autoshow in Detroit erstmals gezeigt wurde.

Der breite Runway mit den gelben Markierungen und die offene Landschaft auf dem Hochplateau haben die Wolfsburger in den Westerwald gelockt. Auf den Fotos wirkt es, als fahre das Auto über einen amerikanischen Highway. Und genau dort soll ab 2016 ein großer VW-SUV rollen. Ein SUV wie die Studie Cross-Blue.

Mit dem Dickschiff von fünf Meter Länge möchte VW vor allem die sogenannten Soccer-Mums begeistern, Mütter aus der finanziell weitgehend sorgenfreien Mittelschicht, die beispielsweise die eigenen und die Nachbarskinder zum Training karren. Vor zwanzig Jahren machte diese Klientel Vans nach Art des Chrysler Voyager groß, heute sind es die SUVs. Davon will VW profitieren, also muss ein großes Auto her. Und zwar zu einem kleinen Preis, wie Konzernentwicklungschef Ulrich Hackenberg verlangt.

Das dicke Ende des Golfs

Das wuchtige Auto überragt sogar den klobigen Touareg um etwa 20 Zentimeter und bietet innen entsprechend viel Platz. Drei Sitzreihen für sechs oder sieben Insassen und zwischen 335 und etwa 2000 Liter Kofferraumvolumen stehen zur Verfügung. Preislich positioniert werden soll der Cross-Blue bei etwa 30.000 Dollar in Amerika und zwischen 35.000 und 40.000 Euro in Europa.

Möglich wird diese vergleichsweise geringe Summe für ein derart großes Auto durch den Rückgriff auf den modularen Querbaukaten (MQB) des Konzerns. In ein paar Jahren werden 80 Prozent der gesamten Konzernflotte von VW diese Komponenten nutzen und damit gleichermaßen Entwicklungskosten und Einkaufspreise drücken. "Bislang kennt man den MQB vor allem aus der Kompaktklasse", sagt Dzemal Sjenar, dessen Team die Studie binnen sechs Monaten auf die Räder stellte. Doch seien Radstand und Spurweite bei diesem Konzept so variabel, dass sich selbst ein so großes Auto konstruieren lasse. Sjenar: "Insofern ist auch der Cross-Blue technisch ein enger Verwandter des Golf." Das dicke Ende der Modellreihe sozusagen.

Die Verankerung im MQB wird vor allem die Produktion des Autos erleichtern. Jede Fabrik, die ein MQB-Auto bauen kann, kann alle MQB-Autos bauen, prahlen die Niedersachsen. Als Fabriken für den Cross-Blue wären deshalb in Nordamerika das Passat-Werk in Chattanooga sowie zwei Standorte in Mexiko möglich; und in China rüstet VW peu à peu alle Standorte auf den MQB um. Nur in Europa wird es wohl keine Fertigung geben - die hiesigen Stückzahlen wären voraussichtlich zu klein.

Mit Plug-in-Hybridantrieb gegen die SUV-Kritiker

Um die Kritik an einem weiteren Monster-SUV von vornherein zu dämpfen, hat VW dem Prototypen einen Plug-in-Hybridantrieb eingepflanzt, der mit einem theoretischen Durchschnittsverbrauch von 2,1 Liter je 100 Kilometer nicht für "Spritsäufer"-Vorwürfe taugt. Tatsächlich jedoch dürften später, im realen Autoleben, andere Antriebe die Hauptrolle spielen, in den USA etwa ein V6-Benziner.

Auch der Plug-in-Hybrid-Vortrieb aus dem Prototyp stammt aus einem Baukasten. Kombiniert werden ein Lithium-Ionen-Akku im Wagenboden, zwei E-Maschinen und ein TDI-Motor, die zusammen auf 305 PS Leistung und 700 Nm Drehmoment kommen. Damit ließe sich der Cross-Blue in 7,5 Sekunden auf Tempo 100 prügeln und auf bis zu 204 km/h beschleunigen - doch das ist Theorie. Hier auf dem Flugplatz sind maximal 30 km/h erlaubt.

Spannender als das Spurt- ist ohnehin das Spartalent des Autos. Schließlich liefern die 9,8 kWh des Akkus genügend Strom für 33 Kilometer rein elektrische Fahrt oder, im Hybridmodus, zwischendurch immer wieder ausreichend Schub, um den Diesel zu entlasten.

Die Ladebuchse kann auch Strom liefern

Das Konzept mit den zwei E-Motoren - einer vorn im Getriebe und einer hinten an der Achse - hat noch weitere Vorteile. Statt eines mechanischen Durchtriebs nach hinten, der schwer ist und die Bodenfreiheit einschränkt, gibt es für den Allradantrieb nur noch ein Stromkabel, das Sjenar "elektrische Kardanwelle" nennt. Und weil die beiden Motoren unterschiedlich gepolt werden können, kraxelt der Cross-Blue auch dann auf allen Vieren weiter, wenn der Akku leer ist. "Dann läuft der vordere E-Motor als Generator für die hintere Maschine", erläutert Sjenar.

Sogar die Ladebuchse unter der Tankklappe lässt sich umpolen. So kann der Cross-Blue nicht nur Strom zapfen, sondern auch abgeben. Damit die Soccer-Mum ihre Lieben am Spielfeldrand stets mit gekühlten Getränken versorgen kann.

Spricht man mit den VW-Leuten, zweifelt keiner mehr an einer Serienumsetzung des Cross-Blue. Schließlich will VW bis 2018 der größte Autokonzern der Welt werden, und da werden stückzahlträchtige Typen dringend gebraucht. Eine Woche lang soll das Anwärmen der Öffentlichkeit für den fetten SUV dauern, dann geht es für den Prototyp zurück in die Entwicklung nach Wolfsburg, wo die Zeit drängt. Im Westerwald jedoch wird wieder Ruhe einkehren - von gelegentlichen Rundflügen einmal abgesehen.

Diesen Artikel...
Aus Datenschutzgründen wird Ihre IP-Adresse nur dann gespeichert, wenn Sie angemeldeter und eingeloggter Facebook-Nutzer sind. Wenn Sie mehr zum Thema Datenschutz wissen wollen, klicken Sie auf das i.

Auf anderen Social Networks teilen

  • Xing
  • LinkedIn
  • Tumblr
  • studiVZ meinVZ schülerVZ
  • deli.cio.us
  • Digg
  • reddit
insgesamt 123 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
1. Mag ja für Soccer Mums gut sein...
Andreas P. 23.09.2013
und für amerikanische Strassen und Parkplatzverhältnisse, aber in Europa braucht so ein Ding kein Mensch! Da wird man zur Lachnummer beim Einparken in Parkhäusern und auf der Strasse. Nur das Volumen wird für die USA allein nicht ausreichen, also kommt Druck auf die Vertriebsstruktur in Europa. Wie gesagt, braucht hier kein Mensch!
2. Lieber ein Elektro-Tiguan
MrStoneStupid 23.09.2013
Am liebsten optional auch nur Elektroantrieb, mit optional zusätzlichen Akkupaketen und vielleicht auch einem optionalen Anhänger mit kleinem Verbrennungsmotor und Platz für weitere Akkus oder Stauraum für Reisen. (imho)
3.
Yakko Warner 23.09.2013
Für den US-Markt ausreichend hässlich.
4. Das Ding wird auch in Europa ein Renner!
jouvancourt 23.09.2013
Je dicker, desto angesehner, heißt es in wohlhabenden oder Dönerkreisen in Deutschland! Ich denke nicht, dass es hier Grenzen nach oben gibt. Für das Parkhaus hat man dann seinen Sportwagen.
5. Doppelter Preis in Europa
kangootom 23.09.2013
30.000 Dollar entsprechen 22.200 Euro Wieso muss der Kunde in Europa dann bis zu 40.000 Euro zahlen, was fast der doppelte Preis ist?
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
News verfolgen

HilfeLassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:

alles aus der Rubrik Auto
Twitter | RSS
alles zum Thema Umweltfreundliche Fahrzeuge
RSS

© SPIEGEL ONLINE 2013
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH



  • Drucken Versenden
  • Nutzungsrechte Feedback
  • Kommentieren | 123 Kommentare
Facebook
Fahrzeugschein
Hersteller: VW
Typ: Cross-Blue
Karosserie: Geländewagen/Pickup/SUV
Motor: Vierzylinder-Diesel mit Plug-In-Hybrid
Getriebe: Sechsgang-Doppelkupplung
Antrieb: Allrad
Hubraum: 1.968 ccm
Leistung: 190 PS (140 kW)
Leistung (E-Motor): 115 PS (85 kW)
Drehmoment: 400 Nm
Drehmoment (E-Motor): 180 Nm
Von 0 auf 100: 7,5 s
Höchstgeschw.: 204 km/h
Verbrauch (ECE): 2,1 Liter
CO2-Ausstoß: 53 g/km
Kofferraum: 335 Liter
umgebaut: 2.000 Liter
Maße: 4987 / 2015 / 1733



Aktuelles zu