R4-Designwettbewerb: Zu schön, um wahr zu sein

Von Tom Grünweg

Für die französische Marke Renault ist das Modell R4 ähnlich bedeutsam wie der Käfer für Volkswagen. Doch anders als die Wolfsburger, die den Wagen als Beetle reanimierten, beschränkten sich die Franzosen zum 50. R4-Geburtstag auf einen Ideenwettbewerb. Das Ergebnis macht Lust auf einen Nachfolger.

R4-Designstudien: Virtuelles Comeback Fotos

Der R4 ist das vielleicht berühmteste Modell von Renault und noch immer das am meisten verkaufte Auto aus Frankreich. Vor 50 Jahren feierte der Urahn der Kastenwagen-Gilde Weltpremiere, von dem zwischen 1961 und 1992 weltweit mehr als acht Millionen Exemplare verkauft wurden. In der ewigen Bestsellerliste rangiert der R4 damit auf Rang drei. In die Retro-Charts brachte es der Wagen dennoch nicht: Die Renault-Verantwortlichen vermieden bislang ein Comeback des Autos - auch wenn der Kangoo durchaus ein wenig an den Klassiker erinnerte. Doch anders als etwa die Designer von VW (Beetle), von Fiat (500) oder Mini nahmen die Renault-Leute dabei nur ganz wenige Anleihen am Original.

Dabei mangelt es nicht an pfiffigen Ideen für einen "Nouveau R4". Das weiß niemand besser als Renault-Designchef Laurens van den Acker, der zum Jubliäum in Zusammenarbeit mit dem Internetportal Designboom bereits vor Monaten einen Kreativwettbewerb startete. Mehr als 3000 R4-Fans aus 92 Ländern sandten zum Teil spektakuläre Entwürfe für eine Neuinterpretation des Sympathieträgers ein. Selbst aus China, Singapur und Argentinien kamen Skizzen. Ende Oktober schließlich hatte die Jury den Sieger ermittelt.

Weil allein der Blick zurück nicht voranbringt, sollten die Aushilfsdesigner keine reinen Retro-Autos entwerfen. Ziel war es vielmehr, die kastenförmige Silhouette und die Idee des bezahlbaren, simplen und unverwüstlichen Allerweltsautos in die Gegenwart zu übertragen. Auch das neue Auto sollte im Sinne des Wettbewerbs ein einfacher, billiger, praktischer und verlässlicher Begleiter durch den automobilen Alltag sein. Außerdem wäre ein gewisses Maß an Umweltschutz auch nicht schlecht, gaben die Juroren den Kandidaten mit auf den Weg.

Eine Karosserie aus Textilien, Scheiben aus transparenten Solarzellen

Heraus kamen dann eine Vielzahl spannender Entwürfe, die professionellen Designstudien in nichts nachstehen. Allen Zadeh aus den USA zum Beispiel entdeckte den R4 als Cabrio wieder. Sein offener Entwurf trägt den Namen "Eleve", das französische Wort für Student, und soll vor allem jüngere Autofahrer ansprechen. Austauschbare Karosserieteile und eine leicht zu verändernde Konstruktion machen den Wagen wandelbar. Dem Umweltaspekt trägt das Modell aufgrund der Materialauswahl Rechnung: Statt aus Blech ist die Karosserie aus Naturfasern geplant, und der Innenraum ist ausgeschlagen mit Recyclingmaterial aus der Altkleidersammlung.

Auch Jérôme Garzon sieht den Erben des R4 als luftiges Freizeitfahrzeug. Für seinen "R4 Rally" hat der Franzose lediglich einen Stahlrahmen entworfen, über den eine Karosserie aus Stoff gespannt wird. Das sieht nicht nur faszinierend aus, sondern das hat auch handfeste technische Vorteile. Das Auto ist leicht, die Produktion braucht weniger Energie, und die Spezialtextilien absorbieren die Wärme der Sonne, so dass man nicht einmal eine Klimaanlage benötigt. Außerdem hat Garzon die Scheiben als transparente Solarzellen konzipiert. Mit ihnen produziert der R4 den Strom für den Elektroantrieb. Wird das Auto an einer Steckdose geparkt, kann die so gewonnene Energie sogar ins örtliche Stromnetz gespeist werden. Das Design, das Materialkonzept und das Energiemanagement fanden die Juroren so überzeugend, dass Garzon den zweiten Platz belegte.

Der siegreiche R4-Entwurf stammt aus Großbritannien

Sieger wurde der Brite Mark Cunningham, der eine besonders charmante, viertürige Form für den R4 kreierte. Dazu hat er ein Antriebskonzept entwickelt, das dem Auto ein schier ewiges Leben verspricht. Weil Karosserie, Motor und Tank spielend zu trennen sind, fährt der R4 von Cunningham im ersten Leben mit einem ganz gewöhnlichen Verbrenner. Geht der Benziner zu Bruch oder wird vom technischen Fortschritt eingeholt, lässt er sich im Handumdrehen gegen einen Elektromotor samt Akkupack austauschen. Den Benziner nimmt Renault zurück, arbeitet ihn auf, baut ihn in generalüberholte Gebrauchtwagen ein und verkauft sie billig an Fahranfänger. Auf diese Weise entstünde ein Kreislauf, in dem auch ein Klassiker wie der R4 vor dem Aussterben geschützt wäre.

Zwar hat Renault-Designchef van den Acker die Entwürfe der R4-Fans mit großer Begeisterung aufgenommen; eine Wiedergeburt des R4 dürfte trotzdem extrem unwahrscheinlich sein. Denn der Weg von einer Designskizze bis zum fertigen Automobil ist weit - und viele der Ideen, die auf dem Papier gut aussehen, werden sich in der Realität kaum umsetzen lassen. So gibt es selbst unter den Renault-Fans kaum jemanden, der an die Rückkehr des R4 glaubt. "Das", so sagt einer, der nach wie vor in einem alten R4 unterwegs ist, "wäre einfach zu schön, um wahr zu sein."

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insgesamt 14 Beiträge
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    Seite 1    
1. Identitätskrise
r-le 23.11.2011
Zitat von sysopFür die französische Marke Renault ist das Modell R4 ähnlich bedeutsam wie der Käfer für Volkswagen. Doch anders als die Wolfsburger, die den Wagen als Beetle reanimierten, beschränkten sich die Franzosen zum 50. R4-Geburtstag auf einen Ideenwettbewerb. Das Ergebnis macht Lust auf einen Nachfolger. http://www.spiegel.de/auto/aktuell/0,1518,798669,00.html
Eine Marke auf der Suche nach eigenständigem Image. Wenn's nur der R4 ist. Bin zwar kein Renault, aber die hätten den Alpina nehmen sollen.
2. Lieber SPON ....
Koana 23.11.2011
du hast den Nagel auf den Kopf getroffen: "Es ist zu schön um wahr zu sein!" Es gab und gibt schon immer wunderbar kluge und machbare Konzepte, doch sie werden von der Walze der Ignoranz und der grauen Profitsucht seit jeher genaus regelmäßig plattgewalzt. Das gilt von der Landwirtschaft - bis hin zur Raumfahrt - oder von A wie Arzneimittel bis Z wie Zahnheilkunde.
3. traumhaft
_unwissender 23.11.2011
Die gleiche Fläche wie das Original, dazu die gleiche Übersichtlichkeit und das gleiche Gewicht.... Ein modernerer, etwas kleinerer Motor Davon kann ich träumen. Und die Industrie? Das Fahrzeug ließe sich in dieser Form für max. 4 bis 5 Tausend Euros herstellen. Damit die Marge stimmt, noch 10.000 Euros drauf - macht einen Ladenpreis von 18.000. Das wäre immer noch preiswert - im Verhältnis zu den Polos und Astras, die außer Gewicht und Fett nichts bringen.
4. fast richtig
1895olé 23.11.2011
Zitat von sysopFür die französische Marke Renault ist das Modell R4 ähnlich bedeutsam wie der Käfer für Volkswagen. Doch anders als die Wolfsburger, die den Wagen als Beetle reanimierten ...
Renault hatte den R4 schon längst reanimiert. Und zwar in Gestalt des ersten Kangoo. Ein Auto das auf relativ kleiner Fläche bei minimalem Luxus einen maximalen Nutzwert erzielt. Ein Auto das seinen Eigner bei jedem Baumarktbesuch und bei jedem Familienausflug mit Kick-Roller, Fahrrad und diversen Gepäckstücken damit überrascht, dass es nicht voll zu stopfen ist. Ein Auto das mit seiner relativ geringen Motorleistung zum entspannten Reisen zwingt. Leider ist der neue Kangoo - dem allgemeinen Trend entsprechend - breiter, länger und schwerer geworden, ohne dabei wesentlich mehr Platz für Passagiere und Gepäck zu bieten. Von daher war die Reanimation des R4 nur eine Episode und SpOn liegt dann doch (fast) richtig ...
5. ...
ToertjeX 23.11.2011
Das Siegermodell hatte wohl den Chrysler 300C zum Vorbild....
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