Auto-Ärgernis große Felgen Kommt mal aus den Puschen

Seit Jahren verbaut die Autobranche immer größere Felgen, weil auch Allerweltsautos damit schicker aussehen. Dabei bergen sie für die Kunden etliche Nachteile. Jetzt gibt es ein zartes Umdenken.

Bridgestone

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Auf Wachstum war in den vergangenen Jahrzehnten in der Autoindustrie Verlass. Zwar wurden nicht bei jedem Hersteller die Gewinne größer, aber zumindest die Fahrzeuge - die neue Baureihe eines Modells ist fast immer länger und breiter als der Vorgänger. Und dieses Wachstumsprinzip gilt auch für die Räder.

Ein Beispiel: Rollte der VW Golf der ersten Generation von 1974 auf 13-Zoll-Rädern daher, wird die Einstiegsversion heute mit 15-Zöllern ausgeliefert. Für das Top-Modell Golf R bietet VW sogar 19-Zoll-Räder an - deren Durchmesser ist gut 15 Zentimeter größer als beim Ur-Golf.

Grundsätzlich sieht ein Auto mit größeren Reifen meistens besser proportioniert und damit schicker aus. Es gibt jedoch gute Gründe, die für etwas mehr Bescheidenheit bei den Rädern sprechen - und einige Anzeichen dafür, dass auch die Industrie wieder am kleineren Rad drehen will.

Große Räder, große Nachteile

Für Autokäufer haben große Räder gleich zwei Nachteile:

  • Mit der Größe der Räder wächst der Spritverbrauch und der CO2-Ausstoß. Je größer Rad und Reifen, desto größer wird der Gesamtfahrwiderstand eines Pkw. Einerseits, weil eine größere Aufstandsfläche auch mehr Rollwiderstand bedeutet. Andererseits, weil größere Räder das Auto höher aufragen lassen, was die Aerodynamik verschlechtert.
  • Der niedrige Reifenquerschnitt und das weit ausstehende Felgenbett führen beim Einparken schon bei kleinen Unachtsamkeiten zu folgenschwerem Bordsteinkontakt. Während man die Vorderräder bei älteren Autos mit Reifen größerer Flankenhöhe auch im flachen Winkel auf den Kantstein hieven konnte, führt das bei den heutigen Felgen sofort zu Kratzern.
  • Der Fahrkomfort leidet. Schon ab Werk werden viele Autos mittlerweile mit sogenannten Ultra-High-Performance-Reifen (UHP) ausgeliefert. Diese Räder sind mit dem Geschwindigkeitsindex W (bis 270 km/h) gekennzeichnet, mindestens 17 Zoll groß und die Reifen haben eine geringe Flankenhöhe - die Flanke ist der seitliche Teil des Reifens, und die Flankenhöhe wird im Verhältnis zur Breite der Rollfläche eines Reifens angegeben. Eine sehr niedrige Flanke sieht zwar cool aus, doch weil dann der luftgefüllte Reifen flacher ist, verringert sich auch dessen Federungspotenzial.
 Beispiel für die Standardangaben auf einem Autoreifen: Die 235 steht für die Breite in Millimeter; die 65 gibt die Reifenhöhe (auch Flankenhöhe genannt) vom Wulst bis zur Lauffläche in Prozent an - Bezugsgröße ist die Reifenbreite, in diesem Fall sind es 65 Prozent von 235 Millimeter, also rund 153 Millimeter; die 17 gibt die Zoll-Größe der Felge an; das R steht für Radialreifen.
Goodyear

Beispiel für die Standardangaben auf einem Autoreifen: Die 235 steht für die Breite in Millimeter; die 65 gibt die Reifenhöhe (auch Flankenhöhe genannt) vom Wulst bis zur Lauffläche in Prozent an - Bezugsgröße ist die Reifenbreite, in diesem Fall sind es 65 Prozent von 235 Millimeter, also rund 153 Millimeter; die 17 gibt die Zoll-Größe der Felge an; das R steht für Radialreifen.

"Generell hat das Segment der Ultra-High-Performance-Reifen in den vergangenen Jahren zugelegt und wird auch weiter wachsen", sagt David Anckaert, Direktor der Entwicklung beim Reifenhersteller Goodyear. Der Trend lässt sich auf das Wachstum im Segment der oberen Mittelklasse und der Oberklasse zurückführen - und vor allem auf den boomenden SUV-Markt.

Ein bulliger SUV mit kleinen Rädern, die womöglich den Blick auf die dahinterliegende Aufhängung freigeben, wirkt natürlich komisch. Das wissen auch die Autohersteller und bieten den Kunden Abhilfe: Der BMW X6 lässt sich von den serienmäßigen 19-Zoll-Rädern auf 20-Zoll-Räder aufrüsten - für 1800 Euro. Beim erwähnten Golf R kostet der Wechsel von den bei diesem 300-PS-Kompaktwagen schon serienmäßigen 18-Zoll-Felgen auf 19 Zoll rund 1000 Euro Aufpreis.

Fahrzeug- und Reifenhersteller bezeichnen die großen Räder als technische Notwendigkeit: "Aufgrund der gestiegenen Leistung und höherer Gewichte benötigen die Fahrzeuge eine breitere Aufstandsfläche, um Kraft und Dynamik sicher auf die Straße übertragen zu können", sagt Goodyear-Entwickler Anckaert. Je größer das Rad und somit der Reifen, desto größer die Kontaktfläche mit der Straße.

Außerdem ermöglicht ein größerer Raddurchmesser den Einbau größerer Bremsscheiben - und damit letztlich auch ein Plus an Sicherheit. "Früher war der BMW 3er mit 15-Zoll-Rädern bestückt. Die gibt es für das aktuelle Modell gar nicht mehr, weil die Bremsen da nicht reinpassen würden", sagt Burkhard Wies, Leiter der Reifenentwicklung bei Continental. Aktuell rollt ein 3er BMW mindestens auf 17-Zoll-Rädern, sogar 20-Zöller sind im Angebot.

Schmale Lösung

Und was ist mit den erwähnten Nachteilen? 20 Prozent des Spritverbrauchs eines Autos, heißt es bei Continental, werden von den Rädern beeinflusst; der Wert lässt sich noch unterscheiden in 16 Prozent auf den Reifen selbst (Gummimischung, Profil) und vier Prozent auf die vom Rad beeinflusste Aerodynamik. "Schließlich brauchen immer größere Räder auch zunehmend größere Radhäuser, was wiederum weniger Platz im Innenraum des Fahrzeugs bedeutet", sagt Continental-Mann Wies.

Wie groß ist also groß genug? Das derzeit größte von Continental angebotene Reifenmodell misst 23 Zoll. "Unsere Produktionsanlagen sind zwar derzeit für Reifen bis 26 Zoll ausgelegt, aber wir beobachten, dass der Größentrend gerade etwas abflacht", sagt Wies.

Stattdessen gewinnen bei den Herstellern zunehmend sogenannte Tall-and-Narrow-Reifen an Bedeutung. Das sind Pneus mit großem Durchmesser, die gleichzeitig schmal sind. "Sie haben 20 bis 30 Prozent weniger Rollwiderstand als konventionelle Reifen, ohne irgendwelche Nachteile", sagt Wies. Allerdings muss man festhalten: Schmalere Reifen bauen weniger Haftung auf und hohe Reifenflanken bedeuten Einbußen in der Querdynamik. Man kann mit ihnen also weniger schnell durch Kurven fahren - was jedoch bei Fahrzeugen, die grundsätzlich nicht auf Sportlichkeit ausgelegt sind, unerheblich ist.

Ursprünglich wurden vor allem Elektroautos mit diesen Reifen ausgerüstet. Die Basisvariante des BMW i3 etwa ist mit 19-Zoll-Reifen ausgestattet, die lediglich 155 Millimeter breit sind.

Elektroauto BMW i3 mit schmalen Reifen
BMW

Elektroauto BMW i3 mit schmalen Reifen

Goodyear bestückt aber zum Beispiel auch den neuen Renault Scénic mit einem Tall-and-Narrow-Reifen. "Aufgrund des größeren Durchmessers des Reifens wird die Verformung beim Abrollen verringert und damit weniger Hitze im Reifen erzeugt", sagt Goodyear-Entwickler Anckaert. Das ergebe einen niedrigeren Rollwiderstand und damit einen geringeren Kraftstoffverbrauch. Außerdem sollen die Schmalreifen komfortabler sein, da die hohen Flanken das Auto gut abfedern.

Läuft am Ende also alles rund? Nicht ganz. Denn gerade für die beliebten SUV-Modelle sind die Tall-and-Narrow nicht geeignet. Größe und Gewicht dieser Autos machen eine entsprechende Mindestdimension der Räder erforderlich - womit man wieder bei den Ultra-High-Performance-Reifen wäre.



insgesamt 167 Beiträge
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Seite 1
Rockaxe 22.08.2016
1. Warum
will denn der Kunde z. B. keine Reifen die eventuell 17 Zoll groß sind aber z. B. keinen "kleinen" Querschnitt haben? Oder liegt es doch eher an der Industrie, dass dies gar nicht gewollt ist? Schließlich bedeutet bei einem strengen TÜV-Prüfer entsprechend vermackte Felgen auch einen entsprechenden Mangel und eine Aufbereitung oder Austausch (die Kasse klingelt). War bei meinem Fahrzeug die Serienbereifung noch bei 185ern lag sie beim direkten Nachfolger (Astra H) bereits bei 195ern oder 205ern. Unverständlich, da gerade bei Regen oder Schnee eine breitere Auflagefläche hinderlich ist.
Fritz.A.Brause 22.08.2016
2. Da ist aber ein Bisschen was...
...durcheinander geraten: Die Aufstandsfläche wird nicht durch die Rad- oder Reifengrösse bestimmt, sondern durch das Fahrzeuggewicht/Radlasten und den Reifenluftdruck. Dasselbe Auto hat bei gleichem Luftdruck dieselbe Aufstandfläche, egal wie breit die Reifen oder wie gross die Räder sind. Durch grössere Räder "ragt" ein Auto "nicht höher auf". Abhängig vom Raddurchmesser wir eine Reifengrösse gewählt, die einen, maximal im einstelligen Prozentbereich abweichenden, identischen Abrollumfang ergibt. Das wird durch den Niederquerschnitt der Reifens geregelt. Es ist ja nicht so, dass der zitierte Golf R mit 19" Räder aussieht wie ein Monster Truck. Es ist im Vergleich zum mit 15" ausgestatteten Golf, von der Seite nur weniger Gummi zu sehen. Der Abrollumfang muss ja innerhalb von geringen Grenze identisch sein, weil das Rad sonst schlicht nicht mehr ins Radhaus passen würde.
Bueckstueck 22.08.2016
3. Ziemlich widersprüchlich
Der Goodyear Mann sagt so: Breite Schlappen mit grossem Durchmesser = mehr Kontakt zur Strasse = mehr Sicherheit. Und der Conti-Mann sagt so: Tall & Narrow = weniger Aufstandsfläche = weniger Reibung und sonst keinerlei Nachteile (ausser bei der Sicherheit weil weniger Kontaktfläche zur Strasse?). Weniger Reibung für weniger Verbrauch heisst auch immer weniger Haftung und somit weniger Sicherheit. Das wär dann schon ein Nachteil.
mol1969 22.08.2016
4. Irrsinn
Ich beobachte diesen Irrsinn seit 20 Jahren. Waren bei meinem 91er Ford Escort noch 155/80 R 13 (13-Zöller) und bei meinem danach gefahrenen Mercedes 190 noch 185/65 R 15 (15 Zoll) drauf, wurde danach stetig alles breiter. Zwischendurch hatte ich mal einen Ford Scorpio Bj. 96 - der hatte 225/irgendwas/R17 drauf. Von dem eigentlich sehr guten Federungskomfort dieses Fahrzeuges blieb nichts übrig und ein Satz Reifen kostete damals doppelt so viel wie in der Standardversion. Irrsinn. Ich lobe mir meinen 1983er Mercedes 230E (W123) - mit 175/80 R 14 (!) ist der Fahrkomfort um ein Vielfaches höher als bei jedem modernen Wagen. Klar, wer gerne schnell um die Ecken flitzen will, wird mit den schmalen Reifen nicht glücklich. Aber will man das? Ich nicht.
MatthiasPetersbach 22.08.2016
5.
Ich hab das noch nie verstanden. Große Reifen sind nur unnötig teuer. Das ist Geld, was man als Fahrer direkt bezahlt. Mal von den anderen Nachteilen abgesehen. Und eigentlich ist das - wie so vieles am Auto - ne völlig unnötige Umweltverschmutzung.
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