Radfahren im Winter Auf zur Rutschpartie!

Verharschter Schnee, überfrorene Straßen - Radfahren im Winter ist ein Balanceakt. Wer sich sicher fühlen will, lässt etwas Luft aus den Reifen ab oder zieht Spikes auf. Mountainbiker rüsten ihr Fahrrad gleich zum Kettenfahrzeug um.

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Balanceakt: Radeln bei Schnee und Eis

Ich habe aus meinen Stürzen gelernt. Auf matschigem Untergrund scharf in die Kurven zu gehen ist ebenso tabu wie Radfahren bei Glatteis. Solange jedoch nicht allzu viel Schnee liegt und nichts überfroren ist, lasse ich mir den Fahrradspaß aber auf keinen Fall nehmen. Wie soll man denn sonst mal erleben, was ein ausbrechendes Hinterrad bedeutet? Und dass es tatsächlich Situationen gibt, in denen man gar nicht genug Reibung kriegen kann?

Neulich habe ich einen Mann gesehen, der mit der Technik eines Eisbrechers über den verschneiten Radweg gerollt ist: Immer wieder brach das Vorderrad durch die verharschte Schneeschicht ein. Dank seiner Fahrkünste kam der Mann erstaunlich gut voran.

Die Fahrradlobbyisten vom ADFC empfehlen das Radeln im Winter ausdrücklich: Abstand halten, Tempo reduzieren und in Kurven weder treten noch bremsen. So soll man auch auf bei fester Schneedecke und Glätte sicher vorankommen. Zwei weitere Tipps: Etwas Luft vom Reifen ablassen, um die Kontaktfläche mit der Fahrbahn zu vergrößern. Und den Sattel etwas tiefer stellen, damit im Fall der Fälle die Füße schneller auf dem Boden stehen.

Auf Knirschen des Schnees achten

Das Schöne am Winter ist, dass man dann nicht mal mehr den Radweg nehmen muss, wenn der nicht geräumt ist, sondern auf der Straße fahren darf. An Kreuzungen, wo abbiegende Autofahrer gern mal Radler übersehen, ist man so, von der Glätte mal abgesehen, sogar sicherer unterwegs als im Sommer.

Die Rutschpartie ins Büro ist allerdings harmlos gegen die Touren durch Eis und Schnee, die unerschrockene Mountainbiker wagen. In Blogs und Foren tauschen Sie ihre Erfahrungen aus. Ein Engländer prahlt mit seiner Schneetour im Februar 2009, als London so sehr eingeschneit war, dass die Busse im Depot blieben.

Die Webseite icebike.org gibt detaillierte Empfehlungen zu Fahrtechnik bei den verschiedenen Schneearten. Generell solle man immer Schnee gegenüber Eis bevorzugen heißt es da, etwa wenn es überfrorene Spurrinnen auf der Straße gebe. Eine Empfehlung, die ich nur bestätigen kann: Festgefahrener Schnee ist ein erstaunlich griffiger Untergrund, auf dem man kaum rutscht, auch mit ganz normalem Tourenprofil.

Einen verblüffenden Tipp gibt ein britischer Schneefahrer: Man solle genau auf das Rollgeräusch achten, heißt es auf der Webseite. Wenn das typische Knirschen und Knacken des Schnees plötzlich aufhöre, dann könne dies am Eis liegen, über das man gerade rollt.

Spikesreifen Marke Eigenbau

Der Kanadier Marc Poirier demonstriert auf seiner Webseite, wie man normale Mountainbike-Reifen mit Nägeln zu Spikesreifen aufrüstet (Text auf französisch, englische Anleitung hier). Die Technik ist simpel: Man bohrt Dutzende Löcher durch den Mantel, steckt von innen Schrauben in die Löcher und dreht außen eine Mutter fest. Damit der Schlauch nicht zerschnitten wird, sollte man die Schraubenköpfe von innen mit Klebeband abdecken.

Statt zu Spikesreifen der Marke Eigenbau kann man aber auch zu Mänteln der Reifenhersteller Continental oder Schwalbe greifen. Je nach Ausführung stecken bis zu 361 Metallstücke in den Pneus. Sie sind als Winterreifen konzipiert, die Gummimischung ist extra auf tiefere Temperaturen abgestimmt. Und auch ohne Schnee und Eis sollen die Reifen auf dem Asphalt eine gute Figur machen. Um das laute Nageln der Spikes zu reduzieren, empfehlen die Hersteller, etwas Luft abzulassen.

Wer aber mit seinem Mountainbike (MTB) querfeldein durch tieferen Schnee heizen möchte, muss entweder extrem breite Reifen aufziehen - oder zu ganz anderen Mitteln greifen. Zum Beispiel zu Ktrak - einem Umbausatz aus Kanada. Er besteht aus einem Miniski, der das Vorderrad ersetzt und einem speziellen Hinterrad, welches das MTB zum Kettenfahrzeug macht (siehe Video oben).

Nach Angaben des Herstellers lassen sich alle MTB-Typen damit umrüsten - sogar so genannte Fullys mit Komplettfederung. Über das Hinterrad ist eine etwa zehn Zentimeter breite Kette gelegt, die auch noch über ein zusätzliches Minirad hinter dem Hinterrad läuft. So sinkt das Fahrrad weniger stark im Schnee ein - und auch die Kräfte werden effektiv übertragen. Selbst Bergauffahrten sind damit machbar.

Allerdings setzt der Schnee auch hier Grenzen: "Wenn du mit den Pedalen in den Schnee kommst, dann hast du wohl die maximale Schneehöhe erreicht", heißt es auf der Webseite. 530 Dollar kostet der Bausatz, der Mountainbikern eine Ahnung davon gibt, wie sich eine Schneeraupe fährt.

Weniger sportlich, dafür aber mindestens genauso spaßig, ist das sogenannte Velogemel aus der Schweiz. Eine Art Laufrad, das statt auf Rädern auf kleinen Skiern steht. So klappt Downhill auch im Tiefschnee. Erfunden hat das Velogemel schon vor hundert Jahren der Grindelwalder Schreiner Christian Bühlmann. Es wird aus Holz gebaut und kostet rund 330 Euro.

In den verschneiten Schweizer Alpen wird der Veloschlitten bis heute genutzt: vom Postboten, Kindern, die damit in die Schule rutschen oder dem Arzt. Seit 1996 findet sogar eine Weltmeisterschaft statt.

Wer immer noch nicht weiß, warum man im tiefsten Winter aufs Rad steigen soll: Mir hat das Fahren im Schnee eine interessante Erkenntnis gebracht. Man fährt langsamer und rollt viel entspannter in den Tag als sonst. Probieren Sie es aus! Nur vor Glatteis sollten Sie sich hüten.



Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 18 Beiträge
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relaxartwork 15.01.2010
1. Da stimmt nicht alles.
Die Luft aus den Reifen lassen ist ein völlig falscher Ansatz. Harte und schmale Reifen üben einen höheren Druck auf den Schnee aus. Der Effekt hierbei ist, dass der Schnee mehr Halt bietet, je fester er gepresst ist. Hat man nur Schneematsch, schneidet sich der Reifen bis zum Boden durch und man kann fast normal Fahren. Weiterhin gilt, niemals vorne Bremsen, ein ausbrechendes Hinterrad lässt sich leicht abfangen, das Vorderrad fast nicht mehr.
William Foster 15.01.2010
2. Vorher bedenken!
Das Fahrrad muß winterfest gemacht werden! Was mir regelmäßig das Radfahren im Winter vermiest, sind eingefrorene Züge (Schaltung und Bremsen). Im Herbst dringt bei Regen Wasser ein, bei Frost ist alles fest. Daher noch im Warmen: Züge aushängen, penibel trockenreiben und einfetten. (Bei Tefloninnenhüllen vorsichtig sein!) Und mein persönlicher Super-GAU ist aktuell, daß ich blödsinnigerweise den Dreck von der letzten Waldtour im Herbst mit einem Hochdruckreiniger entfernt habe... Jetzt ist Wasser in der Hinterradnabe und somit der Freilauf eingefroren. Nicht machen, aber das wusste ich eigentlich vorher. Wenn das alles bedacht ist: Viel Spaß! Kurvendriften für Anfänger; ein Sturz in den Schnee ist weniger schmerzhaft als einer auf festen Boden. Gruß, Bill
hepdepaddel, 15.01.2010
3. Ja... und?
Zitat von sysopVerharschter Schnee, überfrorene Straßen - Radfahren im Winter ist ein Balanceakt. Wer sich sicher fühlen will, lässt etwas Luft aus den Reifen ab oder zieht Spikes auf. Mountainbiker rüsten ihr Fahrrad gleich zum Kettenfahrzeug um. http://www.spiegel.de/auto/aktuell/0,1518,671151,00.html
Ja... und? Seit Beginn der "Schneekatastrophe" fahre ich bequem mit dem Rad zur Arbeit. Ohne jede Probleme und ich bin da auf meiner täglichen Strecke bei Weitem nicht der Einzige. Das ganze Geraffel um den Schnee scheinen Autofahrer, Bahn und Flugzeug zu machen. Ich staune, wie hilflos manche PKW-Fahrer dort sind, wo man locker entlangradelt...
micha-mille 15.01.2010
4. Training
Zitat von hepdepaddelJa... und? Seit Beginn der "Schneekatastrophe" fahre ich bequem mit dem Rad zur Arbeit. Ohne jede Probleme und ich bin da auf meiner täglichen Strecke bei Weitem nicht der Einzige. Das ganze Geraffel um den Schnee scheinen Autofahrer, Bahn und Flugzeug zu machen. Ich staune, wie hilflos manche PKW-Fahrer dort sind, wo man locker entlangradelt...
Sehe ich auch so. Ich genieße es bei diesen Verhältnissen weiterhin mit meinem Stadtrad zur Arbeit zu fahren (4 KM Stadtverkehr). Es trainiert den Gleichgewichtssinn ungemein und man bekommt Erfahrungen mit rutschenden Rädern und dem entsprechenden Abfangen. Wichtig ist es eigentlich nur auf die Dämlichkeit manch anderer Verkehrsteilnehmer zu achten. Wenn ich nicht so viel um die Ohren hätte, dann würde ich gerne mehr an den Wochenenden mit dem MTB ins 'Grüne' äääh 'Weiße' fahren. ;-) Aber Achtung: viel schlimmer sind kalte Körperteile (insbes. Füße), die zu Verkrampfungen führen und einen nicht mehr locker fahren lassen, was unabdingbar für gutes und sicheres Fahren ist.
taiga, 15.01.2010
5. ....
Kein unwichtiges Detail ist, dass man ein extra Winterfahrrad benutzt. Will man sein schönes neues Rad nicht in ein paar Wintern durch Salzmatsch ruinieren, führt daran kein Weg vorbei. Das Winterfahrrad sieht dann natürlich auch bald aus wie Sau, aber man weint nicht gleich drum.
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