Radfahrer Mehr Platz ohne Helm

Ritter der Pedale aufgepasst: Wie ein britischer Forscher herausfand, riskieren Radfahrer mit Helm eher von einem Auto angefahren zu werden als Radler ohne Kopfschutz. Sitzt eine Frau auf dem Sattel, lassen Kraftfahrer deutlich mehr Platz.


Bath - Wer mit Helm radelt, fährt gefährlich. Radfahrer mit Sturzhelm stoßen eher mit Pkw, Lkw oder Bussen zusammen als Radfahrer ohne. Dies hat der Verkehrspsychologe Ian Walker von der britischen University of Bath herausgefunden. In einer Studie, die demnächst im Magazin "Accident Analysis & Prevention" veröffentlicht wird, untersuchte er 2500 Überholmanöver von motorisierten Fahrzeugen: Mit und ohne Helm fuhr er auf einem - mit Computer und Ultraschallentfernungsmesser ausgestatteten - Fahrrad durch die Straßen von Salisbury und Bristol und ließ Autos, Lkw und Busse an sich vorbeiziehen.

Walkers Ergebnis überrascht: Autos kommen Radfahrern mit Helm im Durchschnitt 8,5 Zentimeter näher als solchen ohne Kopfschutz. Und das kann gefährlich werden. "In dem sie dem Radfahrer weniger Platz lassen, schränken Autofahrer den Sicherheitsabstand ein", sagt Walker. Diese Distanz bräuchten die Zweiradfahrer aber, um Hindernissen im Straßenverkehr auszuweichen. So komme es leicht zu Zusammenstößen mit Autos.

"Große Fahrzeuge wie Busse oder Lkw lassen Radfahrern im Verhältnis zu normalen Autos noch weniger Platz", sagt Walker. Ein Auto halte im Durchschnitt 1,30 Meter Abstand, Lkw und Busse sind etwa 20 Zentimeter dichter an den Radlern dran. In einer Anfang Juli veröffentlichten Studie hatte Walker bereits herausgefunden, dass weiße Laster Fahrradfahrern am Nächsten Kommen. Er hatte das Überholverhalten von Fahrern schwarzer und weißer Fahrzeuge untersucht.

In Lycra getarnte Straßenkrieger

Den Grund für die verklärte Wahrnehmung am Steuer sieht Walker darin, dass Radfahrer als anonyme Mitglieder einer Gruppe wahrgenommen werden. "Viele Fahrzeugfahrer sehen Radler als eine Art Subkultur auf der Straße." Sie werden leicht als "in Lycra getarnte Straßenkrieger" abgestempelt und dementsprechend behandelt. Der Kopfschutz wirkt wie eine Rüstung. Am Steuer entstehe daher das Bild, dass Radfahrer mit Helm im Straßenverkehr ernsthafter, erfahrener und sicherer seien. Dass solle nicht heißen, dass das Tragen von Helmen gefährlicher sei. "Wir wissen, dass Helme bei geringen Geschwindigkeiten - besonders für Kinder- sinnvoll sind", sagt Walker. Schutzhelme können schwere Kopfverletzungen bei Unfällen verhindern.

"Die Ergebnisse zeigen nur, dass das Tragen eines Helms den Zusammenstoß mit einem Auto wahrscheinlicher macht", sagt Walker. Zumindest hat es den Forscher bei der Studie gleich zweimal selbst erwischt: Ein Bus und ein Lkw fuhren ihn während der Versuchsreihe an. Dabei trug er jeweils einen Helm.

Ein Studienergebnis bleibt Walker dennoch ein Rätsel: Wenn eine Frau am Lenker ist, lassen motorisierte Fahrer ganze 14 Zentimeter mehr Platz. Der Forscher führte das Experiment nämlich auch mit einer schwarzen Langhaar-Perücke durch. Vielleicht liege der größere Abstand daran, dass in Großbritannien weniger Frauen auf Rädern unterwegs sind, mutmaßt er. In weiteren Studien will er der Sache auf den Grund gehen.

fho/Reuters



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